Herbert Goetze*
Regelschullehrer in Integrationsklassen
Tab. 2: Ergebnistabelle zum Versuch von Hoover(1984)
Einstellungen Experimentalgruppe Kontrollgruppe zur..(Mittelwerte) I H I I
Integration 3.70 3.80 3.83 4.01 eigenen Unterr. kompetenz 3.45 3,27 3,30 3.28 Rolle des Lehrers 4.07 4.06 4.06 4.09 gesamt 3.73 3.70 3.75 3.83
lern- und verhaltensgestörten Kindern in Sonder- und Resource-Klassen die Einstellungen zur Integration positiv zu verändern in der Lage sind. Das Meßinstrument war ein geeichter Attitüden-Fragebogen(„Mainstreaming Inventory“) mit den drei Unterskalen„Einstellung zur Integration‘,„Vertrauen in die eigene Kompetenz, Kinder mit leichten Behinderungen zu unterrichten“ und„Einstellung zur Rolle des Regelschullehrers im sonderpädagogischen Prozeß‘‘. Gemessen wurde unmittelbar im Anschluß an die Felderfahrung(I) und am Ende der Ausbildungseinheit drei Monate später(Il). Die Kontrollgruppe bestand aus 30 Lehranwärtern, die ihre Praxiserfahrungen in normalen Grundschulklassen sammelten. Tabelle 2 zeigt die Ergebnisse.
Die varianzanalytische Verarbeitung der Daten ergab an keiner Stelle eine Hauptwirkung. Es konnte damit nicht nachgewiesen werden, daß die konkrete Unterrichtungserfahrung der Experimentalgruppe mit lern- und verhaltensgestörten Sonderschülern in positiver oder negativer Hinsicht Einstellungsveränderungen nach sich zog. Daraus schloß Hoover — nicht unbedingt zwingend—, daß zur (positiven) Beeinflussung der Einstellungen noch umfänglichere Praxiserfahrungen vonnöten seien(1984, S. 38). Hoover und Sakofs(1985) untersuchten an dieser Stichprobe von Lehrerstudenten auch, inwieweit Einstellungen zur Integration mit Angstfaktoren der Lehrerschaft zusammenhängen, und fanden keine Zusammenhänge. Beide Untersuchungen zeigen insgesamt, daß Haltungen zur Integration durch„die reine Praxis‘ nur schwer zu verändern sind, und daß ein Persönlichkeitsfaktor wie die Ängstlichkeit kaum diese Einstellungen zu erklären in der Lage ist. Es müssen also noch andere Faktoren da
82
für verantwortlich sein, warum Einstellungen von Lehrern zur Integration unserer Zielgruppe eher skeptisch-negativ ausfallen.
Einflußgrößen könnten im konkreten Berufsalltag aufzufinden sein, in dem Lehrkräfte allzu häufig, ohne gefragt und unterstützt zu werden, in die Integrationsarbeit eingebunden sind. Myles und Simpson(1989) belegten in einer Literaturanalyse, die bis in die siebziger Jahre zurückreicht, daß mindestens 2/3 der Regelschullehrerschaft Integrationsbemühungen deutlich negativ gegenüberstehen, und daß die zu integrierende Gruppe der Schüler mit Verhaltensstörungen extreme Ablehnung bei ihnen auslöst(s. nächster Abschnitt). Mit ihrer eigenen Untersuchung wollten die Autoren erkunden, unter welchen Bedingungen sich die Bereitschaft der Lehrkräfte zur Integration steigern läßt. Dazu befragten sie eine Stichprobe von 100 Lehrkräften an Regelschulen daraufhin, welche äußerlichen und inhaltlichen Veränderungen für die Integration behinderter/verhaltensgestörter Schüler von ihnen als wünschenswert erachtet würden. Das Meßinstrument bestand aus sog. Vignetten(= Beschreibungen von imaginären lern-, verhaltensgestörten und leicht geistigbehinderten Schülern) als Stimulusmaterial. Die beteiligte Lehrkraft sollte sich vorstellen, daß das jeweils in der Vignette beschriebene Kind in ihre Klasse aufgenommen werden müßte, und sich fragen, welche Änderungen des Unterrichtssettings sie für eine erfolgreiche integrative Unterrichtung notwendig hielten.
Es zeigte sich zunächst eine prinzipielle Bereitschaft, solche Sonderschüler integriert zu unterrichten, wenn ein Mitspracherecht eingeräumt und bestimmte Bedingungen gewährleistet sind,
Die am häufigsten gewünschten Änderungen waren — reduzierte Klassengrößen, — unterstützender Service (z.B. als Fallkonferenzen), — Beratung, — Einsatz von nicht professionellen Mitarbeitern. Die Varianzanalysen ergaben jedoch keinen Haupteffekt für die Behinderungskategorien; die Lehrkräfte machten damit also keinen Unterschied zwischen den Behindertengruppen bei ihren Veränderungsvorschlägen, was in sonderpädagogischer Sicht zu Bedenken Anlaß geben muß. Ein Zusatztraining zur Verbesserung der Unterrichtskompetenz und der Einsatz von Team-Teaching wurden weniger häufig genannt. Daraus ist wiederum zu schließen: Man darf bei Regelschullehrern nicht unbedingt die Bereitschaft voraussetzen, sich fortbilden zu lassen bzw. die Unterrichtsführung mit anderen Kollegen zu teilen. Überwältigend starke Opposition gegen die Integration wurde geäußert, wenn die Lehrkräfte kein Mitspracherecht hatten und die oben genannten Basisbedingungen nicht gewährleistet waren. Die Lehrkräfte wünschten also, an den Entscheidungsprozessen beteiligt zu werden, wenn lern- und verhaltensgestörte bzw. leicht geistigbehinderte Schüler integriert beschult werden sollen(Myles& Simpson, 1989, S. 488).
Einstellungen zur Zielgruppe Verhaltensgestörter
Die Gruppe der Schüler mit Verhaltensstörungen scheint bei Lehrern die am wenigsten beliebte Zielgruppe für integrative Bemühungen zus ein, zumindest bei denen, die direkt mit ihnen umzugehen haben. Parish, Dyck und Kappes (1979) wiesen z.B. nach, daß unter allen sonderpädagogischen Zielgruppen Verhaltensgestörte die geringsten positiven Einstellungen bei Regelschullehrern auslösen. Wenn Sonderschüler schon in die eigene Klasse aufgenommen werden sollen, dann sollten sie möglichst nur geringe Veränderungen in den täglichen
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991