Routinen erforderlich machen; unter dieser Bedingung sind sie dann auch eher von den Lehrkräften gelitten als solche Kandidaten, die radikale Umstellungen erforderlich machen. Verhaltensgestörte werden von den Lehrern allerdings dieser„unbequemen“ Schülergruppe zugeordnet. Das Negativstereotyp Verhaltensgestörter findet sich im schulischen Kontext jedoch nicht nur bei Lehrern, sondern bei allen, die direkt mit ihnen zu tun haben, bei Mitschülern, Eltern, Lehranwärtern und dem übrigen Schulpersonal. Regelschullehrer erwiesen sich überdies in mehreren Untersuchungen als weniger tolerant gegenüber Verhaltensstörungen als Sonderschullehrer(Schloss, Miller, Sedlak& White, 1983; Landon& Messinger, 1989). Das negative Stereotyp kann — wie aus der Sozialpsychologe bekannt— wiederum sich selbst erfüllende Prophezeiungen und Teufelskreise in der sozialen Klasseninteraktion zur Folge haben, aus denen es kein Entrinnen gibt. Je stärker nämlich ein Schüler gestört ist(v.a. in Form ausagierenden aggressiven Verhaltens gegen Lehrer und Mitschüler), desto mehr wird er auch durch den Lehrer abgelehnt(Algozzine, 1977).
Coleman und Gilliam(1983) belegten diese These in einem einschlägigen Versuch mit 139 Regelschullehrern, denen sie sieben Vignettes mit Informationen über verschiedene Verhaltensstörungen (z.B. Vermeidung, Depression, Unreife, Aggressivität, Ängstlichkeit, psychosomatische Störung) als Stimulus vorgaben. Mit einem Fragebogen(Learning Handicapped Integration Inventory) wurden die Lehrereinstellungen zu diesen Störungskategorien erfragt. Im varianzanalytischen Ergebnis zeigte sich, daß die verschiedenen Verhaltensstörungen einen unterschiedlichen Grad an (ungünstigen) Einstellungen bei Lehrern hervorrufen: Schüler mit Vermeidungsverhalten lösen noch die günstigsten Haltungen aus, während aggressive Schüler mit starker Ablehnung bedacht werden(p<.05). Coleman und Gilliam interpretieren das Ergebnis so:„...aggressive Kinder beanspruchen die Lehrerzeit extrem..(und).. frustrieren ihre
Herbert Goetze*
Lehrer so, daß diese bei dem Versuch, damit zurechtzukommen, emotionale und physische Erschöpfungszustände erleiden“(1983, S. 126).
Insbesondere scheinen Lehrer auch um die ansteckende Wirkung von Störungen auf die ganze Klasse besorgt zu sein, wie eine Untersuchung von Safran und Safran(1985) ergeben hat: 78 Regelschullehrer sahen zwei unterschiedlich„Jebendige‘“ videovermittelte Unterrichtsstunden an, eine Stunde mit ruhiger, eine andere mit gespannter Atmosphäre. Sie hatten ihr Augenmerk gezielt auf einen verhaltensgestörten Schüler unter beiden Bedingungen zu richten und das Störverhalten anschließend in bezug auf Schweregrad, Beeinflußbarkeit, Tolerierbarkeit und ansteckende Wirkung dieses Schülers auf die Gesamtklasse zu beurteilen. Varianzanalytisch ergab sich zwischen den beiden Unterrichtsbedingungen nur bei einer der vier genannten Variablen, der„Beeinflussung der Klasse“, eine signifikante Wirkung: Vergleichsweise mehr Ansteckung wurde durch das verhaltensgestörte Kind in der angespannten Unterrichtsatmosphäre wahrgenommen. Daraus interpretieren die Autoren: Wenn eine ganze Klasse von Lehrern als schwierig zu unterrichten angesehen wird, dann wird das verhaltensgestörte Kind in dieser Klasse als Ursache für die Entstehung der anderen Störungen in der Klasse angesehen, ein Effekt, der seit Kounin als„Welleneffekt‘“ bezeichnet wird.
Die schlechte Reputation Verhaltensgestörter im Lehrerkollegium sollte allerdings nicht dazu verführen, die Erwartungen von Regelschullehrern durch „positiv gefärbte“ Kommunikationen über diese Schüler z.B. anläßlich der Aufnahmeprozedur zu verändern. Nach dem Ergebnis von Safran(1982) sollten solche gutachterlichen Berichte den verhaltensgestörten Schüler als„eine Person mit besonderen Problemen innerhalb des normalen Verhaltensspektrums“ darstellen.
Die Reputation Verhaltensgestörter scheint also aus Lehrersicht genauso schlecht wie konsistent zu sein. Auf dem Boden negativer Einstellungen aufgrund schlechten Leumunds und mög
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991
Regelschullehrer in Integrationsklassen
licherweise frustrierender Erfahrungen ist schlechterdings nicht davon auszugehen, daß hilfreiche, schülerzentrierte Förderung von Lehrern umgesetzt werden wird,
Eine gewisse Ausnahme scheinen wiederum Lehramtsstudenten zu sein: Ihre Haltungen Verhaltensgestörten gegenüber scheinen neutral bis leicht positiv zu sein, wie eine Untersuchung von Warger und Trippe(1982) ergeben hat. 213 Lehrerstudenten waren bezüglich ihrer Einstellung zur Integration Verhaltensgestörter mithilfe eines semantischen Differentials und weiterer Ratingskalen befragt worden. Eine weitere Auswertung erbrachte: Wer als Lehrerstudent der Integration ganz allgemein positiv gegenübersteht, schließt Verhaltensgestörte nicht aus und sieht bei sich genügend vorhandene Unterrichtskompetenz, obwohl ihn die Verhaltensstörungen durchaus stark beunruhigen.
Die Autoren vermuten jedoch zurecht, daß auch diese Einstellungen sich schnell ändern können, sobald sie dem„Praxistest‘ unterworfen sind(vgl. McCloskey & Quay, 1987). Sie schlagen deshalb vor, Studierende durch Lehrertraining mit den entsprehenden verhaltensbezogenen und affektiven Inhalten gegen die zu erwartenden Praxisfrustrationen zu„impfen“. Unausgesprochen geht die Befürchtung ein, daß Einstellungsänderungen bei der gegenwärtig tätigen Lehrergeneration kaum zu erwarten sind und deshalb alle Hoffnungen auf Veränderung bei den künftigen Lehrergenerationen angesiedelt werden.
Daß während der Ausbildung bereits ein kürzeres Einstellungstraining erfolgversprechend umgesetzt werden kann, wiesen Parish, Nunn und Hattrup(1982) mit ihrer Untersuchung nach, 53 Vordiplomanden(undergraduate students in educational psychology) durchliefen ein zweistündiges Training mit kognitiven und affektiven Elementen mit dem Ziel, die Einstellungen zu den in der Schule am häufigsten auftretenden Behinderungen(Körperbehinderungen, Geistigbehinderungen, Verhaltensstörungen, Lernschwächen) positiv zu verändern. Der erste kognitive Teil bestand aus der Vermittlung gesicherter Informationen über
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