Herbert Goetze*
Regelschullehrer in Integrationsklassen
Tab. 3: Einstellungsänderungen von Lehrerstudenten durch ein kogni
tiv-affektives Training(nach Parish et al., 1982)
Zielgruppe vorher nachher körperbehindert 9.5 3.9 verhaltensgestört 24.4 19.4 geistigbehindert 14.3 12,5 lernschwach 16:3 14.0 normal ul 6.0
Lehrereinstellungen zur Integration; der andere Teil bezog ein filmvermitteltes Behindertenportrait, Rollenspiele und Empathieübungen ein. Die Einstellungen wurden vorher und nachher mithilfe eines Inventars kontrolliert, in welchem 30 Wortattribute aus einer Liste von 100 positiven und negativen Adjektiven zuzuschreiben waren. Aus Tabelle 3 wird die Abnahme der negativen Zuschreibungen ersichtlich.
Tabelle 3 zeigt, daß nach Abschluß des Trainings in allen Kategorien negative Zuschreibungen abgenommen hatten, daß die statistisch bedeutsamste Einstellungsänderung bei der Zielgruppe „verhaltensgestört‘ zu verzeichnen war. Von den Autoren wird es als Erfolg angesehen, daß diese Änderungen eingetreten sind, ohne daß ein direkter Schülerkontakt stattgefunden hatte, und daß die Einstellungsänderung auch normale Kinder einschloß. Parish et al.(1982) verweisen auf die Ineffektivität anderer Trainings, in denen kognitive und affektive Inhalte getrennt eingebracht worden waren(z.B. Parish et al., 1977; Horne, 1979) und schließlich, daß Einstellungsänderungen nur unter der Bedingung der Verquickung kognitiver und affektiver Inhalte zu erwarten sind,
Bei allem Enthusiasmus für die erfreulichen Ergebnisse muß jedoch auch gesehen werden, daß die hoch signifikant veränderten Zuschreibungen bei Verhaltensstörungen im Anschluß an den Versuch immer noch extrem negativ ausgefallen sind. Sie bewegen sich auf einem quantitativen Niveau, das keine der anderen Kategorien„vorher“ aufgewiesen hatte. Der Kategorie„verhaltensgestört‘‘ werden also relativ und absolut die meisten negativen Zuschreibungen zugewiesen. Daraus ist wiederum zu schließen, daß zur Reduzierung
84
t sign. 2.00 0.051 5.16 0.0001 1.81 0.076 1.22 0.228 2.06 0.045
des Negativstereotyps Verhaltensgestörter bei einer so empfänglichen Gruppe wie die der Lehramtsstudenten ein ungleich größerer Aufwand betrieben werden müßte.
Lehrerkompetenz
Die Frage nach den in der Integrationsklasse notwendig erscheinenden Lehrerkompetenzen greift in das Mark aller Integrationsbemühungen; denn hier wird das uralte Dilemma jeden Unterrichtens um Gruppen besonders deutlich. Soll das Angebot an der breiten Mehrheit, an den Besten oder am unteren Drittel ausgerichtet werden? Obwohl doch die. hier auftauchenden Fragen entscheidend für die Unterrichtskompetenz sind, sind sie bisher selten zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden,
Fradd, Kramer, Marquez-Chisholm, Mor
sink, Algozzine und Yarbrough(1986)
gingen dieser Frage in einer qualitativen
Studie nach, indem sie Schulleiter nach
kompetenten Integrationslehrern fragten.
Bei genauerer Analyse der so zustande
gekommenen sechs Personnennungen
waren nur zwei Lehrer tatsächlich ausreichend kompetent, wenn objektivierbare Kriterien(Expertenratings) angelegt wurden, Mit den zwei verbliebenen
Lehrkräften wurden aufwendige Fall
analysen durchgeführt, wobei Unter
richtsbeobachtungen, Befragungen und
Dokumentationen eingingen,
Die Fallanalysen erbrachten die folgen
den Ergebnisse:
— Den Bedürfnissen Verhaltensgestörter wurde planungs-, struktur- und organisationsbezogen besonders Rechnung getragen.
— Während des Unterrichts wurde den Regel- und Sonderschülern relativ die
selbe Menge an Lehreraufmerksamkeit zuteil.
— Die Lehrkräfte kommunizierten den Verhaltensgestörten gegenüber hohe Leistungserwartungen.
Die Lehrkräfte fühlten sich auf ihre Aufgabe durch Lehreraus- und fortbildung schlecht vorbereitet, so daß sie sich veranlaßt sahen, durch eigenständiges Literaturstudium Kompetenzen zu erwerben. Wollte man diese Befunde von Fradd et al.(1986) trotz der geringen Stichprobe vorsichtig verallgemeinern, müßte gesagt werden: Regelschullehrer sind eher selten gute Integrationslehrer, und wenn sie welche sind, fühlen sie sich schlecht auf die besonderen Belastungen vorbereitet, geradezu allein gelassen. Nach allem erscheint es ungerechtfertigt anzunehmen, daß ein Regelinventar von Lehrerkompetenzen ausreichen könnte, den Integrationsunterricht mit Verhaltensgestörten erfolgreich bewältigen zu können. Im Gegensatz zu der oben belegten positiven Haltung von Regelschullehrkräften, unter bestimmten Bedingungen der Aufnahme verhaltensgestörter Schüler in die eigene Klasse wohlwollend gegenüberzustehen, scheint ihr tatsächliches Verhalten zu stehen, will man das Untersuchungsergebnis von Smith, Young, West, Morgan und Rhode(1988) verallgemeinern: In diesem Versuch(ABAB-Design) mit vier Einzelfällen waren verhaltensgestörte Schüler im Vorbereitungsunterricht(resource room) erfolgreich auf die Integration durch die Schulung in Selbstkontrolltechniken vorbereitet worden, In der Regelklasse stellte sich allerdings heraus, daß die Lehrkräfte entweder nicht willens oder nicht in der Lage waren, in konsistenter Weise das Selbstkontrollprogramm weiterzuführen. Bei so geringer Lehrerkooperation sahen die Autoren als einzigen Ausweg, ein PeerTutor-Programm einzuführen, in welchem Mitschüler ohne Lehrerunterstützung mithelfen, zuvor gelerntes Verhalten der Sonderschüler in der Integrationsklasse zu stabilisieren und zu generalisieren.
Ein bereits genannter Aspekt des Unter
richtsverhaltens ist die Zuwendung der
Lehrkraft. Thompson, White und Morgan
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991