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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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dennoch der Versuch einer differenzie­renden Diskussion unternommen Wer­den.

Die Motopädagogik versteht sich als ein ganzheitliches Konzept der Persönlich­keitserziehung über Wahrnehmungs- und Bewegungslernen und stellt eine Reak­tion auf die Veränderungen der Bewe­gungswelt und den tiefgreifenden sozia­len Wandel der Kindheit dar.

Mit diesem Ansatz ist insbesondere der Name Kiphard(1987) untrennbar ver­bunden. Er begann vor etwa 25 Jahren in der Jugendpsychiatrischen Klinik in Gütersloh eine Methode zu entwickeln, deren wesentliche Ziele darin bestan­den, gehemmten, erziehungsschwieri­gen, motorisch und psychisch gestör­ten Kindern, die häufig im Sport ab­seits stehen oder stehen gelassen wer­den, zu geordneter Selbständigkeit, zu Selbstsicherheit und zu einer harmoni­schen Persönlichkeitsentwicklung zu ver­helfen.

Gegenwärtig werden vor allem drei Pro­bleme diskutiert:

Problem der Ganzheitlichkeit; Kiphard (1989) wendet sich gegen eine Überbe­tonung symptomorientierter und funk­tionaler Betrachtungsweisen innerhalb der Psychomotorik. Für ihn und für an­dere Vertreter der Psychomotorik ist vielmehr der Stellenwert der Funktion im Rahmen der Gesamtpersönlichkeits­entwicklung im sozialen Kontext ent­scheidend. Diese Sichtweise wird vor al­lem aus den langjährigen Praxiserfahrun­gen begründet. Diese sind durch Sach­orientierung nach Förderschwerpunk­ten innerhalb von Bewegungssituationen und-angeboten geprägt, in denen selbst­bestimmtes und kreatives Handeln an­geregt wird.

Problem der Effizienz motopädagogischer Maßnahmen; ein Bedarf an Evaluations­studien wird konstatiert. Fragen nach der Operationalisierbarkeit und der Kate­gorisierung stellen Forschungsschwer­punkte dar, Diese werden durch den Ein­schluß differentieller Faktoren und die spezifische Akzentuierung und gegen­seitige Abgrenzung der innerhalb der Psychomotorik operierenden Methoden noch ausgeweitet.

Friedhold Fediuk*

Problem der wissenschaftlichen Fundie­rung: Schilling(1989) betonte, daß die wissenschaftliche Grundlegung der Idee der Psychomotorik bislang erst in An­sätzen erfolgt ist. Weitere Forschungen auf diesem Gebiet müssen insbesondere starke Theorie-Praxis Bezüge aufweisen, da sich die Psychomotorik bisher über­wiegend aus der Praxis legitimierte. Diese Einschätzung veranlaßte Kiphard (1989) sogar dazu, die Idee vorzutra­gen, eine Theorie der Psychomotorik aus der Praxis zu entwickeln.

Die Mototherapie ist primär durch die Individualität geprägt und zielt auf die spezielle klinische Anwendung des psy­chomotorischen Gedankengutes im Rah­men der Erfordernisse des Gesundheits­wesens.

Sie ist ebenfalls eng mit der Persönlich­keitsentwicklung verknüpft. So negierte Schilling(1989) z.B. die Notwendigkeit zu einer therapeutischen Einflußnahme für den Fall, daß trotz diagnostisch veri­fizierten motorischen Defiziten die Ver­besserung der motorischen Funktionen die Gefahr der Persönlichkeitsdestabili­sierung in sich bergen würde, Mototherapie wird z.B, eingesetzt:

bei Kindern mit sensorischen Integra­tionsstörungen zur Verbesserung der in­dividuellen Leistungen in Motorik, Spra­che und Schrift, um Lern- und Verhal­tensstörungen zu verringern und mehr Selbstvertrauen und Selbstkontrolle zu erreichen(Kesper 1989);

bei Beinamputierten, die infolge des Gliedmaßenverlustes verschiedene Reak­tionen und psychische Probleme auf die veränderte Körperlichkeit zeigen, die eine positive Persönlichkeitsentwick­lung behindern oder gar lähmen können (Möller 1989).

Wesentliche Forschungsfragen leiten sich aus der nicht genügend geklärten und wissenschaftlich fundierten Position der Mototherapie im Gesundheitswesen ab: Was ist das Spezifische der Mototherapie im Vergleich zu anderen Therapiefor­men? Bei welchen Indikationen ist sie anzuwenden? Wann ist stationäre, wann ist ambulante Behandlung indiziert?

Aus bewegungstheoretischer Sicht ist zu fragen: Welches Bewegungskonzept wird zugrunde gelegt? Welche Bewegungsthe­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991

Behindertensport in den 90er Jahren

men werden für geeignet gehalten im Blick auf die Klienten und die thera­peutischen Zielsetzungen? Welche Er­wartungen sind realistisch, wo liegen Grenzen mototherapeutischer Interven­tionen?

Die zunehmende Etablierung pädago­gisch-therapeutischer Bewegungs- und Sportkonzeptionen in allen Bereichen der Rehabilitation, die Bemühungen um differenzierte Ausbildungsmöglichkeiten und die Verankerung der sehr vielschichti­gen Berufe mit akademischer und nicht­akademischer Ausbildung im Gesund­heitswesen, die stärkere Gewichtung prä­ventiver Vorstellungen, der Aufbau des Forschungs- und Lehrgebietes Adapted Physical Activity und die zunehmende Beachtung altersstruktureller Gesichts­punkte in Behindertensport(Deutscher Behinderten-Sportverband 1988) und Psychomotorik(Philippi 1989) begrün­den weitere Forschungsschwerpunkte für die 90er Jahre,

Ein Aspekt, der bislang erst unzurei­chend untersucht wurde, betrifft die gerade in den vergangenen Jahren zu verzeichnenden fließenden Übergänge und Annäherungen zwischen den Kon­zeptionen.

Um pädagogisch-therapeutische Inter­ventionen effektiver zu gestalten, ist es daher erforderlich, die wechselseitigen Herausforderungn stärker als bisher zu analysieren.

Vor dem Hintergrund der Ideen der Psychomotorik stellen sich beispiels­weise für den Behindertensport Heraus­forderungen mit unmittelbaren Konse­quenzen für die Forschung. Die im fol­genden vorgenommenen Generalisierun­gen genügen zwar dem differenzierten Diskussionsstand innerhalb des Behin­dertensports zweifellos nur unzurei­chend, die Pointierungen werden jedoch dennoch vorgenommen, um den Aspekt klarer zu akzentuieren und Forschungs­fragen exemplarisch zu skizzieren.

Die Psychomotorik stellt in Anlehnung an Funke-Wieneke(1989) an den Behin­dertensport beispielsweise Fragen

bezüglich des grundsätzlichen Bewe­gungsverständnisses; schränkt der Behin­dertensport die Bewegung des Menschen nicht zu sehr auf ihre technomotorischen

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