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Heilpädagogische Forschung : Zeitschrift für Pädagogik und Psychologie bei Behinderungen
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Friedhold Fediuk*

Behindertensport in den 90er Jahren

und motivationalen Dimensionen ein? Vernachlässigt der Behindertensport nicht die entwicklungs- und lernpsycho­logischen Dimensionen der Bewegung und werden diesbezügliche inhaltlich­konzeptionelle Konsequenzen nicht in nur unzureichendem Maße abgeleitet?

bezüglich des Arbeitsfeldes; erfaßt der Behindertensport die Bereiche, in denen er wirken könnte, genau genug und kon­sequent, d.h. insbesondere bezüglich un­terschiedlicher Krankheitsbilder und Be­hinderungsarten sowie hinsichtlich der Effektivität der Maßnahmen?

bezüglich der bewegungsentwickeln­den Methoden; entspricht die überwie­gend darbietende und anleitende metho­dische Vermittlungsweise des Behinder­tensports angesichts des kommunikati­ven und helfend-anregenden Grundcha­rakters der psychomotorischen Metho­dik den Bedürfnissen der Teilnehmer und den sachlichen Erfordernissen?

bezüglich der materiellen Ausstattung mit Räumen und Geräten; sind die nor­mierten Bewegungsräume und Geräte des Behindertensports angesichts der variab­len, veränderbaren und auffordernden räumlichen Bedingungen der Psychomo­torik und deren nahezu unerschöpflichen medialen Vielfalt angemessen?

Weitere Herausforderungen an die For­schung im Behindertensport stellen aktu­elle sportpädagogische und-didaktische Diskussionsschwerpunkte z.B. bezüglich der Körpererfahrung, der Förderung des Bewegungsumweltgedankens, des pro­blem- und handlungsorientierten Lernens und der Lehrerpersönlichkeit(Allmer & Bielefeld 1982; Funke 1983; Brodt­mann 1984; Miedzinski 1987; Bielefel­der Sportpädagogen 1989).

Zielgruppenbezogene Fragestellungen (am Beispiel geistig Behinderter)

Der Sport mit geistig Behinderten ist innerhalb der Bundesrepublik seit Mitte der 70er Jahre relativ umfangreich be­arbeitet worden.

Es fanden Tagungen statt(Der Kultus­minister des Landes Nordrhein-Westfa­

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len 1980; Deutscher Sportbund 1981; Rieder u.a. 1981); es wurden hochschul­externe und-interne Ausbildungs- und Zusatzausbildungsmaßnahmen konzipiert (Deutsche Sportjugend 1980; Adolph 1981) sowie strukturelle Verbesserun­gen erzielt.

Theoriegeleitete und grundlagenorien­tierte Arbeiten(Van der Schoot 1976; Bauer 1978; Schilling 1979; Day 1980; Bauer u.a. 1981; Rarick 1981) sowie Publikationen, die das psychomotori­sche(Irmischer 1980; Höss& Wolf 1982), trainingsmethodische(Adolph 1981) und sonderpädagogische(Größing 1981) Gedankengut auf geistig Behin­derte übertrugen, bestimmten die Dis­kussion.

Analog zu den skizzierten Entwicklun­gen wurden eine Vielzahl von Praxis­gruppen in Vereinen der Bundesvereini­gung Lebenshilfe wie auch in Behinder­ten- und in allgemeinen Sportvereinen gegründet.

Auch in jüngster Zeit wurden Materia­lien, Arbeiten und Analysen vorgelegt (Bundesvereinigung Lebenshilfe für gei­stig Behinderte 1986; Haas 1987; Bös & Knoll 1989; Fediuk 1990d).

Vor dem Hintergrund der skizzierten sehr vielfältigen Initiativen und Aktivi­täten können folgende Schwerpunkte für die Forschung in den 90er Jahren begründet werden:

® Es besteht nach wie vor ein Mangel an theoriegeleiteten Untersuchungen; interdisziplinär orientierte Ansatzpunkte bestehen bei psychologischen, d.h. ins­besondere lern- und entwicklungspsy­chologischen Theorien über dieses Phä­nomen menschlichen Daseins(Wendeler 1976; Rauh 1979), bei den Ssozialisa­tionsspezifischen Determinanten geisti­ger Behinderungen(Fediuk 1988), deren wechselseitigen Beziehungen und den Zu­sammenhängen zu den relevanten Funk­tionen, Verhaltensweisen und Handlun­gen geistig Behinderter im Sport;

® Die motorische Leistung und Lei­stungsfähigkeit sollte unter differentiel­len Aspekten untersucht werden, wobei die Analyse der psychischen Prädiktoren von besonderer Bedeutung ist(Fediuk 19900);

® Aus bewegungswissenschaftlicher Sicht sollten die psychologischen und neurophysiologischen Aspekte der sen­sorischen und sensomotorischen Inte­grationsdysfunktionen in Abhängigkeit therapeutischer Konzepte(z.B. Sensori­sche Integration[Ayres 1984]) unter­sucht werden; die Bewegungsmuster geistig Behinderter müssen auch ver­stärkt Gegenstand qualitativer Analy­sen, d.h. vor allem kinematischer Un­tersuchungen werden;

® Aus forschungsmethodischer Sicht müssen Test- und Diagnoseinstrumenta­rien entwickelt werden, die die testtheo­retischen Gütekriterien aufweisen, die verschiedenen Bereiche(sport-) motori­scher Leistungen erfassen und anwen­dungsrelevante Einsatzmöglichkeiten vor allem im Sinne förderungsdiagnostischer Intentionen dokumentieren.

Im Zusammenhang mit der anwendungs­orientierten Bedeutung der Grundlagen­forschung erhalten Längsschnittsunter­suchungen und weiterführende Feldstu­dien, die die Generalisierbarkeit und Übertragbarkeit der unter Laborbedin­gungen gewonnenen Ergebnisse über­prüfen, besondere Bedeutung

zur Analyse von Fragen des Lernens, Behaltens und Vergessens von Bewegun­gen, den Feedback- und Transfermecha­nismen bei diesen Prozessen, der Lei­stungssteigerung unter trainingsmetho­dischen Aspekten und im Hinblick auf die Analyse der motorischen Handlungs­kompetenz geistig Behinderter;

unter dem Aspekt der Erstellung diffe­renzierter didaktisch-methodischer Kon­zepte und Förderprogramme; es müssen theoretisch fundierte vergleichende(!) empirische, d.h. vor allem experimen­telle Effizienzstudien realisiert werden, um die Veränderungen von Funktionen, Persönlichkeits- und Verhaltensmerkma­len in den Rehabilitationsbereichen zu erforschen.

Von Forschungsinteresse im schulischen Sektor sind angesichts der überarbeiteten Bildungspläne für die Schule für geistig Behinderte, die Bewegung, Spiel und Sport besonders gewichten(Kultusmini­sterkonferenz 1982), inhaltlich-konzep­tionelle Fragestellungen der Bewegungs­

HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVII, Heft 2, 1991