stigbehinderter, erscheint es daher dringend erforderlich, weitere Erkenntnisse zu diesem Problemkreis zu erarbeiten. Die Auswirkungen des Ikonizitätsgrades, also der Menge der Merkmale der auf den Bildkarten abgebildeten Gegenstände und Handlungen, auf die Lesbarkeit sind dabei von besonderem Interesse. Gerade für„schwächere“ Schülerinnen und Schüler könnte z.B. Farbe eine wichtige Hilfe zur Differenzierung und Klassifizierung sein(vgl. Dwyer, 1971). Im Rahmen dieser Arbeit soll aus diesem Grund der Einfluß des Ikonizitätsgrades auf das Erkennen und Zuordnen von Lebensmitteln und Geräten zu Bildkarten untersucht werden. Ausgangspunkte für die Formulierung der Untersuchungshypothese sind Alltagstheorien und die„Realitätstheorie“‘ (vgl.„iconicity theory‘ von Morris 1946,„theory of pictorial perception“ von Gibson 1954,„cone of experience“ von Dale 1946). Die„Realitätstheorie“ basiert auf der Annahme, daß Bilder, die realistischer, d.h. den Sinnen und dem Leben näher sind, wirksamer seien, Abbildungen mit einem hohen Ikonizitätsgrad liefern mehr Informationen über den darzustellenden Sachverhalt, die bei der Unterscheidung und Identifizierung des Dargestellten in einem anderen Zusammenhang hilfreich sein können.
Die Untersuchungshypothese lautet:
Die Gestaltung einer Bildkarte für den Hauswirtschaftsunterricht, insbesondere ihr Ikonizitätsgrad hat Auswirkungen auf die Zuordnung des Realgegenstandes zu der entsprechenden Bildkarte:
Abbildungen mit einem hohen Ikonizitätsgrad(Farbphotos) geben wirksamere Identifizierungshilfen als Abbildungen mit einem niedrigeren Ikonizitätsgrad(Umrißzeichnungen),
Die Zuordnungsleistung bemißt sich nach der Zahl der richtig zugeordneten Realgegenstände innerhalb eines festgelegten Zeitraums.
Veronika Breucker
Methode Materialien
Das Untersuchungsbildmaterial bestand aus 12 Farbphotos und ebensovielen Umrißzeichnungen(DIN A 4).
Die Strichzeichnungen sind Konturzeichnungen der Photographien, um die Vergleichbarkeit der Bildkarten zu gewährleisten.
Die folgenden Lebensmittel(Apfelsine, Banane, Brot, Möhre, Sahnebecher, Mehlpaket, Zuckerpaket, Dose Ananas) und Geräte(breite Rührschüssel, Eßlöffel, Reibe mit Handschutz, 1,3 Liter Topf mit Deckel) wurden ausgewählt. Sie stehen stellvertretend für das reichhaltige Nahrungsmittelangebot und die zahlreichen Haushaltsgeräte, mit denen die Schülerinnen und Schüler arbeiten.
Probanden
Die vorliegende Studie wurde an einer Schule für Geistigbehinderte im Kreis Recklinghausen(Nordrhein-Westfalen) vorgenommen.
Die beiden ausgewählten Klassen(Mittel-/Oberstufe) bestanden im Schuljahr 1989/90 jeweils aus 9 Schülerinnen und Schülern im Alter von 12—18 Jahren. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten einmal pro Woche in der Lehrküche. Sie sind mit unterschiedlichen Zubereitungstechniken, den dazu nötigen Arbeitsgeräten und den verwendeten Lebensmitteln von ihren wöchentlichen Einkaufsgängen, von daheim und aus dem Unterricht vertraut. Im Unterricht werden Bildkarten unterschiedlicher Ikonizitätsgrade eingesetzt, da sich die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedlichen Stufen des Leselernprozesses befinden.
Durchführung
Da bei der Zuordnung von Schülerinnen und Schülern zu einzelnen Klassen Altersähnlichkeit und Integrierbarkeit im Vordergrund stehen, stellen solche Klassen zwangsläufig hinsichtlich der Viel
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVI, Heft 4, 1990
Bildkarten im Hauswirtschaftsunterricht
zahl anderer denkbarer Kriterien(z.B. Schweregrad der geistigen Behinderung, Geschlecht) heterogene und weitgehend zufällige Gruppen dar. 4
Die Mittelstufenklasse begann mit den Umrißzeichnungen und die Oberstufenklasse mit den Farbphotos. Auf diese Weise sollte ermöglicht werden, den Einfluß möglicher Lerneffekte auf systematische Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zurückzuführen.
Bei der Untersuchung sollten die Schülerinnen und Schüler in Einzelversuchen einer Abbildung ein Lebensmittel oder ein Gerät aus einer Gruppe von vier weiteren Objekten mit ähnlichen Merkmalen innerhalb von 60 Sekunden zuordnen, und zwar
a) mit Hilfe eines Farbphotos und
b) mit einer Umrißzeichnung.
Diese Vorgehensweise wurde gewählt, um einen Vergleich in bezug auf die Auswirkungen der Merkmale der abgebildeten Gegenstände zu erhalten. Die Gruppen wurden unter Berücksichtigung ähnlicher Merkmale sowie der unterschiedlichen Lebensmittel- und Haushaltsgerätegruppen zusammengefaßt. So mußte z.B. eine Apfelsine, die gemeinsam mit einem Apfel, einer Pampelmuse, einer Zitrone und einer Kiwi auf einem Tablett lag, mit Hilfe einer Abbildung herausgefunden und zugeordnet werden. Eine andere Gruppe bestand aus Konservendosen, die sich in Größe und Inhalt unterschieden und aus der die Ananasdose herauszufinden war.
Die Reihenfolge der Tabletts, auf denen die Objekte gruppenweise zusammengestellt waren, wurde vorher festgelegt. Sie blieb bei allen Probanden gleich, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten.
Vor den Tabletts lagen die umgedrehten Bildkarten, so daß noch nicht erkennbar war, was sich auf ihnen befand. Zusätzlich wurden zwei„Übungstabletts‘“ auf einem separaten Tisch hergerichtet. Dies diente zur Veranschaulichung des „Übungscharakters‘““.
Die Schülerinnen und Schüler betraten einzeln den Raum und wurden danach zum ersten Tablett geführt. Sie wurden nun darüber informiert, daß es sich um ein„Spiel‘‘ handle, bei dem es darum
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