Daß wir über sie hinauswollen oder sie nachziehen wollen, wird als Dünkel, Anmaßung ausgelegt. Jedes Selbstbewußtsein ist ein Vergehn, ist verwerflich, auch wenn es das berechtigteste, das unbestreitbar zulässigste wäre. Nichts ist so weit verbreitet wie Neid, Scheelsucht, fanatischer Gleichberechtigungshang, Nivellierungssucht. So wird der, der von Nivellierung nicht wissen will, der ebenso gewiß sich über diesen hinaus wie hinter jenem zurück fühlt und 13 » jenes ebenso gut Ub anerkannt wissen will, wie er dieses seinerseits anerkennt, in die Isolierung [. ,.] 13c und hat „vom Leben nur noch sich selber“.
Es ist kein Idealzustand, aber es kommt enfin 14 dem Ideale näher und ist viel, viel eher erträglich als die aus Schwäche und Bequemlichkeit geborene frere-cochon-schaft 1 '', die? nur kostet, nur drückt, nur langweilt und an Lebensgütem nichts bringt. So beklag ich das „Du selbst“ und schreib es faute de mieux 16 doch auf meine Fahne.
Nachbemerkungen 1. Zur Seifensiederproblematik
Im ersten Entwurf, in dem Fontane sich gleichsam gesprächsweise an eine Frau wendet und worin uns einige Sätze zumindest sehr sonderbar Vorkommen, spiegelt sich die Widersprüchlichkeit, die Fontanes Denken beherrschte. Obgleich die progressive Tendenz seiner Auffassungen z. T. deutlich hervortritt, zeigen doch die Um- und Abwege, die der Dichter einschlägt, um sein Ziel schließlich doch nicht zu erreichen, daß seinem ehrlichen und aufrichtigen Wollen nicht immer ein adäquates Können zur Seite stand.
Die Frage, um die es hier geht, nämlich wodurch veränderungsbedürftige gesellschaftliche Verhältnisse verändert werden können und sollen, hatte Fontane bereits in dem 1860 geschriebenen Kapitel über Friedrich August Ludwig von der Marwitz behandelt, das dann in den 2. Teil der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ einging. Nach der (hier allein interessierenden) Darstellung Fontanes beruhten die Differenzen zwischen Marwitz und Hardenberg darauf, daß Marwitz als Mittel gegen die gesellschaftlichen Mißstände in Preußen am Vorabend der Befreiungskriege den „Geist“ empfahl, d. h. eine Erneuerung der patriotischen Gesinnung und des ethisch-politischen Bewußtseins der Staatsbürger, während Hardenberg sich auf das „Geld“ verließ, also auf die nach und nach herbeizuführende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Landes. Fontane fragt: „Beruht das Heil des Staates auf ökonomischen oder auf moralischen Prinzipien?“ 17 . Wir lassen die Einwände beseite, die gegen die Äußerungen Fontanes über F. A. L. von der Marwitz erhoben werden müßten 18 , und halten nur fest, daß Fontanes Sympathien unverkennbar, wenn auch nicht uneingeschränkt Marwitz gehören. Damit gibt er im wesentlichen den „moralischen Prinzipien“ den Vorzug vor den „ökonomischen“, obschon die ökonomischen immerhin noch mit erwogen werden.
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