spektive verliert. Der Erzähler leitet ihn nicht mehr, indem er ihm allwissende Hinweise gibt, im Gegenteil, der Leser ist einer großen Anzahl von Einzelmeinungen und Perspektiven ausgesetzt. Der überwiegende Gebrauch des Dialogs zeigt diese Tendenz deutlich. In Waverley halten sich Erzählung und Dialog die Waage, ja ihr Wechselspiel wird vom Erzähler als eine seiner besten Künste hervorgehoben: „I... hold it the most useful quality of my pen,that it can speedily change from grave to gay, and from description and dialogue to narrative and character.“ 43 Auch im Kerker von Edinburgh entscheidet der Erzähler, ob eine Figur es verdient, direkt mit Kommentaren hervorzutreten, und behält sich das Recht vor, ihre Sprache verständlicher zu machen/ 1 ' 1 oder den Leser selbst besser zu informieren: „At the risk of being somewhat heavy, as explanations usually prove, we must endeavour to combine into a distinct narrative, information which the invalid communicated in a manner at once too circumstantial and too much broken by passion to admit of our giving his precise words.“ 43
Im Altertümler und in Vor dem Sturm sprechen alle Figuren, wenn sie nur irgend können, und obwohl der Erzähler sich noch das Recht vorbehält, einzugreifen, verschwindet er doch fast ganz hinter seinen Figuren, und gibt gern „the tiresome task of recapitulation“ /l(i auf.
Es ist merkwürdig, wie wenig Fontane von der Figur des Erzählers Gebrauch macht, wenn man seine ausdrückliche Verteidigung des „beständigein) Vorspringen(s) des Puppenspielers in Person“ 47 in Bezug auf Vor dem Sturm in Betracht zieht. Das Auftreten des Erzählers am Ende des Romans ist weniger das eines Puppenspielers als vielmehr das eines Schachtelteufels, so unerwartet ist sein plötzliches Erscheinen. Fontane beruft sich in seiner Verteidigung auf die englischen Schriftsteller, und somit indirekt auch auf Scott, und wendet sich gegen die „jetzt modische .dramatische“ Behandlung der Dinge“ 48 durch Autoren wie Spielhagen, dessen Artikel über die Technik des Romans von 1874 an erschienen waren.
Obwohl Fontane richtig sah, daß der Erzähler in Scott eine Rolle spielt, so ist diese Rolle doch, wie gesagt, im Altertümler stark reduziert, und es ist interessant, daß Fontane gerade diesem Roman die meiste Aufmerksamkeit widmete. Die Einführung von Charakteren — oft mit Block- Biographien — durch den Erzähler in Vor dem Sturm ist oft von Kritikern erwähnt und auf Scott zurückgeführt worden. So vergleichen z. B. Shears und Demetz den Beginn des zweiten Kapitels mit dem des achten im Kerker von Edinburgh. Es ist aber hervorzuheben, daß der Erzähler in diesem Roman und im Waverley viele andere Funktionen hat, er kommentiert oft, interpretiert und entscheidet ganz offen über Szenenfolge und Struktur. Im Altertümler dagegen ist die Einführung der Figuren zur Hauptfunktion des Erzählers geworden. Sind die Personen einmal eingeführt, so lassen sie ihn kaum mehr zu Wort kommen. Dieselbe stark reduzierte Funktion des Erzählers in Vor dem Sturm reflektiert die nähere Verwandtschaft mit dem Altertümler im Vergleich der „Point-of-view“ Erzählung, die auch bisher von Kritikern auf Waverley
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