zurückgeführt worden ist. Fontane preist auch nicht die Erzählweise von Standpunkt des Erzählers aus, sondern aus dem Gesichtswinkel einer einzelnen Figur, besonders im Waverley. 49
Es ist aber nicht zu übersehen, daß diese Erzählweise wiederum viel hervorstechender im Altertümler ist. Das Fehlen einer Anleitung des Lesers durch den Erzähler hat das Hervortreten der Charakter-Perspektiven zur natürlichen Folge. Vor dem Sturm macht von dieser Technik, besonders bei den Hauptfiguren, ausgiebig Gebrauch, und in dieser Hinsicht ist der Roman — in direktem Gegensatz zu Fontanes ausdrücklicher Versicherung — durchaus ein Produkt der „jetzt modischen .dramatischen“ Behandlung der Dinge“.
Diese Behandlung hatte seiner Meinung nach „zum Sensationellen“ 5 “ geführt, und sollte daher vermieden werden. Wenn Fontane aber das „Sensationelle“ im Sinne der spannenden Handlung durch Unwissen des Lesers von übergeordneten Verbindungen, von Gefahren etc. versteht, so irrt er sich in Bezug auf Scott. Denn in Scotts Romanen ist es eindeutig der Erzähler, der die Spannung hervorbringt, meist indem er Dinge verschweigt. Gegen Ende von Waverley gibt er das sogar selbst zu: „These circumstances will serve to explain such points of our narrative as, according to the custom of story-tellers we deemed it fit to leave unexplained, for the purpose of exciting the reader’s curiosity“ , 51 Gerade dieses Element der naiven Spannung wollte Fontane vermeiden, und es ist wieder der Altertümler, der am wenigsten von dieser Spannung hat, weil er in viele Einzelstandpunkte fragmentiert ist und dem Erzähler keine Gelegenheit für raffinierte Kunstgriffe bietet. Die technischen Mittel lassen ebensowenig wie die inhaltlichen Interessen einen „höheren Räuberroman“ zu
Es ist interessant, daß Fontane die Erzähltechnik vorwiegend des 18. Jahrhunderts verteidigt, denn die Engländer, auf die er sein Argument Hertz gegenüber stützt, sind, außer Scott, Autoren des 18. Jahrhunderts wie Sterne, gleichzeitig aber den Roman Scotts am aufmerksamsten studiert, der inhaltlich und formal am fortgeschrittensten ist, d. g. am stärksten auf Forderungen und Interessen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hindeutet. Vor dem Sturm reflektiert die Eigentümlichkeiten des Altertümlers mehr als die von Waverley und dem Kerker von Edinburgh, und zeigt auch hierin indirekt seine entscheidende Bedeutung für die übrigen Romane Fontanes. Es stimmt durchaus, daß die Rückwendung auf eine frühere Romantradition ein Merkmal von Fontanes vielzitierter „Verspätung“ ist, die Einzelheiten aber, die er aus dieser Tradition übernimmt, stehen nicht in Widerspruch mit der zeitgenössischen Produktion der 70er Jahre und erklären auch, wie bruchlos Fontane den Übergang zu seinen „modernen“ späteren Romanen vollziehen konnte.
Anmerkungen
1 Georg LukÄcs, The Historical Novel, 1969 (1937), I, 2.
2 Zur Diskussion des Einflusses von Alexis auf Fontane cf. Lionel Thomas, Theodor Fontane und Willibald Alexis, Fontane-Blätter, n, 6. 1972, S. 425—435.
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