Wie dem auch sei, der Verfasser geht in seinen Untersuchungen im Allgemeinen vorsichtig zu Werke. Er ist viel zu gewitzt, um biographische Gegebenheiten zur Stützung seiner Argumente zu verwenden. Ausdrücklich weist er darauf hin, daß sein Schema auf Fontanes tiefste Seelenschicht gegründet ist; es handelt sich also um ein von Phantasmen erfülltes Spiel im Unterbewußtsein des Dichters, das unwillkürlich in seinen Romanen als Konzept an die Oberfläche dringt.
Der Verfasser hat die Beispiele für seine Methode in einer Übersicht zusammengestellt. Jene vier Phasen, durch welche sich die drei Gestalten A, B, und C bewegen, sehen in „Cöcile“, stark zusammengefaßt, folgendermaßen aus:
1. Darstellung des Paares Cöcile — Saint Amaud (B und A)
2. Liebe zwischen Cecile und Gordon (B und C)
3. Gordons Umfall; Streit, Duell (A und C)
4. Ceciles Selbstmord (B).
Oft scheint eine der vier Phasen zu fehlen, ist aber unsichtbar vorhanden (sozusagen als Uber-Ich, als gesellschaftliche Konvention), zum Beispiel in „Schach von Wuthenow“.
1. Fehlt; wird aber durch Darstellung der Gesellschaft und ihrer Regeln ersetzt. (A)
2. Schach’s vorübergehende Begierde nach Victoire. (B und C)
3. Respekt der Konvention wird gefordert, durch den König, als Überleb, als Vatergestalt. (A und C)
4. Tragischer Schluß. Victoire verläßt die Gesellschaft, der sie angehört. (B)
Das vom Verfasser definierte Strukturschema wird überdies auf folgende Romane angewendet: „Grete Minde“, „Ellernklipp“, „L’Adultera“, „Graf Petöfy“, „Irrungen Wirrungen“, „Stine“, „Unwiederbringlich“, „Frau Jenny Treibei“, „Effi Briest“. Dagegen werden „Vor dem Sturm“ und „Der Stechlin“ gesondert analysiert.
Dem Erstlingsroman Fontanes ist ein ausführliches Kapitel gewidmet, worin die These der Zersetzung des preußischen Mythus entwickelt wird. An Stelle der Apotheose des Patriotismus, welche der Leser als Abschluß der Handlung erwartet, hat Fontane die Fraglichkeit und Gebrechlichkeit des menschlichen Daseins vorgeführt. So wird die Problematik dieses Romans aufgezeigt. Außerdem wird dargelegt, daß zwei Hauptfiguren, Berndt und Kathinka, ohne jede Verbindung miteinander koexistieren, jede von beiden als Allegorie einer Welt, die der des anderen völlig fremd ist. Es ist ein brillant geschriebenes Kapitel, in dem der Verfasser sein Können zeigt.
Ein anderer Höhepunkt vorliegender Arbeit ist ihr letzter Teil, zwei reichhaltige Kapitel, die Fontanes Spätroman gewidmet sind. Durch seine Stechlin-Analyse rechtfertigt der Verfasser den Titel seines Buches. Die Ironie, sagt er, findet ihre Ausdrucksform im Dialog. „Der Stechlin hat einer Vergangenheit und eine Zukunft, aber keine Gegenwart“, so
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