den verbitterten Münchener Freund gewesen zu sein, der sich damals im kritischen Kreuzfeuer der naturalistischen Bewegung befand. Denn Fontane hatte auch Heyse gegenüber seine Sympathien für ebenjene „Radaubrüder“ nicht verhehlt und Vorbehalte gegen Heyses Schaffen oft genug angemeldet. Immerhin kannte er die Imponderabilien der zeitgenössischen bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung gut genug, um seine Bemerkungen gerechtfertigt zu sehen.
Indes sind die Bücher Paul Heyses heute tatsächlich so dick verstaubt und so gründlich vergessen, daß niemand mehr daran denkt, ihn als den Repräsentanten der deutschen Literatur in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zu nominieren. Statt dessen läßt jeder Theodor Fontane als „Nummer eins“ jener Epoche gelten. Gewiß, Fontane mußte sich zeitlebens mit „Nullgrad-Erfolgen“ abfinden, während Heyse es ohne Mühe auf Dutzende von Auflagen brachte und gar — ein fataler Anachronismus — 1910 als erster deutscher Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhielt. Doch was bedeuten seine zahlreichen historischen Schauspiele von „Hans Lange“ bis „Colberg“ gegenüber der Novelle „Schach von Wuthenow“? Kann sich ein einziges der formvollendeten, aber gehaltsleeren Gedichte Heyses mit Fontanes herzhaften Vers- bekenntnissen messen? Was schließlich sind die rund 180 Heyseschen Novellen gegen „Irrungen Wirrungen“ und „Effi Briest“ ?
Und selbst in der Korrespondenz zwischen beiden Autoren wirkt Heyses Anteil im Zauber der Fontaneschen Briefprosa nur noch als Kontrastfolie — von freilich beträchtlichem Dokumentationswert. Ja, dem alten Fontane, der seine Entwicklung als etwas historisch Gewordenes zu überschauen und darzustellen begann, galten sie als authentische Zeugnisse der eigenen Lebensgeschichte, die er nicht missen mochte. In einem (ungedruckten) Brief an Clara Stockhausen, wohl aus der Mitte der neunziger Jahre, sagte er deshalb: „Meine Paul-Heyse-Briefe hab ich durchgesehn; sie haben alle zu viel Inhalt und sind zu sehr Erinnerungsblätter, als daß ich etwas davon fortgeben möchte.“ Diese Entscheidung ist umso bemerkenswerter, weil sich Fontane seit Jahren mit Frau Stockhausen freundschaftlich verbunden fühlte (und er ihr nicht leichtfertig die Bitte um ein Heyse-Autograph abschlagen konnte) und weil er als notorischer „Briefschwärmer“ höchste Ansprüche zu stellen pflegte.
Fontane war bekanntlich ein leidenschaftlicher Konsument von Briefen, in denen er „des Menschen Eigenstes und Echtestes“ zu finden wußte und die er jedem anderen Lesestoff vorzog. Und er selbst hat die Kunst des Briefeschreibens wie kaum einer seiner Zeitgenossen kultiviert, hat sich briefverborgen so intensiv „ausräsoniert“, daß sein Brief werk ein Lebens- und Persönlichkeitsbild vermittelt, das durch keine Biographie ersetzt werden kann. Dabei wechselte er im Laufe der Jahre mehrfach die bevorzugten Briefpartner. Die Entscheidungsjahre um 1848 spiegeln sich bis ins Detail in der brieflichen Diskussion mit Bernhard von Lepel. Mitte der fünfziger Jahre tritt das Ehepaar von Merckel an dessen Stelle, und der umfangreiche, zu großen Teilen noch unveröffentlichte Brief-
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