Heft 
(1976) 24
Seite
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den verbitterten Münchener Freund gewesen zu sein, der sich damals im kritischen Kreuzfeuer der naturalistischen Bewegung befand. Denn Fon­tane hatte auch Heyse gegenüber seine Sympathien für ebenjeneRadau­brüder nicht verhehlt und Vorbehalte gegen Heyses Schaffen oft genug angemeldet. Immerhin kannte er die Imponderabilien der zeitgenössi­schen bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung gut genug, um seine Bemerkungen gerechtfertigt zu sehen.

Indes sind die Bücher Paul Heyses heute tatsächlich so dick verstaubt und so gründlich vergessen, daß niemand mehr daran denkt, ihn als den Repräsentanten der deutschen Literatur in der zweiten Hälfte des neun­zehnten Jahrhunderts zu nominieren. Statt dessen läßt jeder Theodor Fontane alsNummer eins jener Epoche gelten. Gewiß, Fontane mußte sich zeitlebens mitNullgrad-Erfolgen abfinden, während Heyse es ohne Mühe auf Dutzende von Auflagen brachte und gar ein fataler Anachronismus 1910 als erster deutscher Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur erhielt. Doch was bedeuten seine zahlreichen historischen Schauspiele vonHans Lange bisColberg gegenüber der Novelle Schach von Wuthenow? Kann sich ein einziges der formvollendeten, aber gehaltsleeren Gedichte Heyses mit Fontanes herzhaften Vers- bekenntnissen messen? Was schließlich sind die rund 180 Heyseschen Novellen gegenIrrungen Wirrungen undEffi Briest ?

Und selbst in der Korrespondenz zwischen beiden Autoren wirkt Heyses Anteil im Zauber der Fontaneschen Briefprosa nur noch als Kontrast­folie von freilich beträchtlichem Dokumentationswert. Ja, dem alten Fontane, der seine Entwicklung als etwas historisch Gewordenes zu überschauen und darzustellen begann, galten sie als authentische Zeug­nisse der eigenen Lebensgeschichte, die er nicht missen mochte. In einem (ungedruckten) Brief an Clara Stockhausen, wohl aus der Mitte der neunziger Jahre, sagte er deshalb:Meine Paul-Heyse-Briefe hab ich durchgesehn; sie haben alle zu viel Inhalt und sind zu sehr Erinne­rungsblätter, als daß ich etwas davon fortgeben möchte. Diese Entschei­dung ist umso bemerkenswerter, weil sich Fontane seit Jahren mit Frau Stockhausen freundschaftlich verbunden fühlte (und er ihr nicht leicht­fertig die Bitte um ein Heyse-Autograph abschlagen konnte) und weil er als notorischerBriefschwärmer höchste Ansprüche zu stellen pflegte.

Fontane war bekanntlich ein leidenschaftlicher Konsument von Briefen, in denen erdes Menschen Eigenstes und Echtestes zu finden wußte und die er jedem anderen Lesestoff vorzog. Und er selbst hat die Kunst des Briefeschreibens wie kaum einer seiner Zeitgenossen kultiviert, hat sich briefverborgen so intensivausräsoniert, daß sein Brief werk ein Lebens- und Persönlichkeitsbild vermittelt, das durch keine Biographie ersetzt werden kann. Dabei wechselte er im Laufe der Jahre mehrfach die bevorzugten Briefpartner. Die Entscheidungsjahre um 1848 spiegeln sich bis ins Detail in der brieflichen Diskussion mit Bernhard von Lepel. Mitte der fünfziger Jahre tritt das Ehepaar von Merckel an dessen Stelle, und der umfangreiche, zu großen Teilen noch unveröffentlichte Brief-

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