Wechsel, der sich im Theodor-Fontane-Archiv befindet, bietet den ausgiebigen Kommentar zu Fontanes drittem Englandaufenthalt. Später adressiert er seine Geständnisse mehr und mehr an Mathilde von Rohr, und seit 1884 entwickelte sich die große politische Essayistik in den Briefen an Georg Friedlaender. In den letzten Lebensjahren dann bekennt er mit Vorliebe James Morris in London seine veränderten politischen Gesinnungen. Mit Paul Heyse hingegen korrespondierte er fast durch ein halbes Jahrhundert, ein ereignisreiches Schriftstellerleben lang, und insofern läßt sich dieser Briefwechsel mit dem epistolographischen Hauptgeschäft seines Lebens vergleichen: mit den Briefen an Frau Emilie. Der Briefaustausch mit Heyse setzt im Sommer 1850 ein und endet — mit sehr unterschiedlicher Intensität geführt — im Dezember 1897, ein Drei Vierteljahr vor Fontanes Tod. Gleichwohl sind nur wenig über hundert Briefe Fontanes überliefert — das ist, gemessen am Zeitraum und an seiner sonstigen „Briefschreibeleistung“, nicht viel. Allerdings wird Quantität durch Qualität bei weitem aufgewogen, und zahlreiche Texte stehen im Kanon „klassischer“ Fontane-Briefe ganz obenan.
Da zudem die Korrespondenz charakterischerweise an einigen Wendepunkten in Fontanes Leben besonders dicht und ergiebig ist (etwa 1859/60, um 1878/79 und 1889/90), kann man sie zu den Substanz- und aufschlußreichsten zählen, die der Dichter überhaupt unterhalten hat.
Sie dokumentiert eine Schriftstellerbeziehung, die man nicht ohne Vorbehalt mit dem Wort Freundschaft bezeichnen möchte. Es war bei aller Jovialität der Umgangsformen nicht die herzliche Übereinstimmung zweier Gleichgesinnter und Gleichgestimmter, und die „entente cordiale“, auf die sich Heyse gelegentlich beruft, setzte — zumindest von Fontanes Seite — ein Stillschweigen in bestimmten persönlichen Dingen voraus. Schon im Juli 1854 bemerkte Fontane in einem Brief an Storm: „Vielleicht schauspielere ich nur P. Heyse gegenüber ein wenig, indem ich fast mit allzu viel Emphase den Trompeter seines Ruhmes mache. Er erschwert mir’s nämlich dadurch, daß er mich ziemlich unumwunden für einen Menschen von mäßigen Gaben (des Herzens wie Geistes) hält, und es bedarf freilich mitunter einer Kraftanstrengung, um mich dadurch nicht beirren zu lassen. Auf diesem Gebiete liegt mein Anstand; ich weiß, daß er seltener ist als die anzogene gute Lebensart.“
Fontane spielte nicht gern den Empfindlichen, aber auf das Monitum der „Mittelmäßigkeit“ kam er doch öfter zurück, obwohl er der „schnabbe- rigen“, das heißt der selbstsicheren, ans Arrogante streifenden Art des jungen Heyse mit Ironie und Überlegenheit begegnete. Diese kleinen Reibereien indes kamen durch Heyses Übersiedlung nach München schon bald aus der Welt, und Fontane hat später an Heyses lauterer Gesinnung nicht mehr gezweifelt; über die persönlichen Marotten, über gewisse Allüren und über das allzu gepflegte Selbstbewußtsein Heyses sah er mit einem Lächeln hinweg, zumal er die Meriten Heyses im Literaturbetrieb der Zeit durchaus schätzte — Meriten, die man auch heute nicht vergessen sollte.