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Kommentar
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Offenbar war Fontane durch Pietsch, dem schon 1854 durch den »Grünen Heinrich' eine „neue Welt aufgegangen' war, zur Lektüre von Kellers Roman angeregt worden; geäußert hat er sich über ihn erst in den achtziger und neunziger Jahren.
Fontane war am 3. Oktober aus der Hirschelstr. 14 in die Potsdamerstr. 134 c gezogen.
Pietsch hatte in seinem 7. Bericht über die »Kunstausstellung im Akademiegebäude' geschrieben; »Im Aktsaal am Türpfeiler übersehe man nicht das Brustbild von Fräulein A. Eichler. Den Lesern unsrer Zeitung, welche den Spuren seines Originals in diesen Spalten immer mit ganz besonderer Lust folgen, zumal den Leserinnen, wird dies geistreiche und doch schlicht und anspruchslos gemalte, höchst lebendige Bildnis Th. F.'s vorzugsweise willkommen sein; aber nicht minder auch den andern, die lange zuvor schon .seines Geistes einen Hauch' gespürt und hier die Erfahrung machen, daß (es ist nicht häufig) die Erscheinung eines Dichters auch wohl einmal sein Wesen ausspricht' (vgl. VZ, Nr. 239 vom 12. Oktober 1872, 2. Beilage, S. 3). - Die Malerin Antonie Eichler stellte seit 1867 als Angehörige des »Berliner Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen" aus; 1903 wird sie im Berliner Almanach für bildende Kunst noch unter den ausübenden Künstlern aufgeführt.
Diese Arbeit ist in der VZ nicht enthalten. Fontane schrieb ein Lassalle-Ka- pitel erst im März 1884 für sein Buch »Christian Friedrich Scherenberg und das literarische Berlin 1840 bis 1860".
3 Sonntag
{1872 - zwischen April und Oktober]
Teuerster Pietsch!
Nachdem ich mich heute Mittag bei Wt. 1 ausgeschwiegen, gegen Sie ein vertrauliches Wort.
Daß die kleine Schratt 2 ein reizendes Geschöpf ist, wußte ich vorher; auch ihre Begabung für das Gefühlvolle stand für midi fest, nachdem ich sie gleich bei ihrem ersten Auftreten, als Marianne in den »Geschwistern' 3 , gesehen hatte. Aber niemand kann über sich heraus und dieselbe süße Klangfarbe, die innerhalb der bürgerlichen Sphäre ihr nicht nur so wohl kleidet, sondern auch das Herz des Hörers so beweglich trifft, diese selbige Klangfarbe verbietet ihr das Heroische. Deshalb fand ich die erste Egmont-Szene erheblich bedeutender als die zweite. 4 Es fehlt ihr zu dem heldischen „Clärchen in Seele wie Stimme ein Etwas, das ihr auch der glänzendste Lehrer nicht geben wird. Dergleichen hat man oder man hat es nicht; es ist von Gottes Gnaden. Ich brauche wohl nicht [mehr zu sagen] 5 . An die Umbildung des An- und Eingeborenen glaube ich nicht. Was nach dieser Seite erreicht wird, ist immer nur Putzerei. 6 Wenn Sie
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