die liebenswürdige Kleine sehen, so geben Sie ihr meinen Segen. Sie sehen,
ich weiß mir meinen Priester zu wählen.
Ihr Th. Fontane
Erstdruck nach der Schreibmaschinenabschrift im Fontane-Archiv Potsdam.
Kommentar
1 Möglicherweise handelt es sich um Ernst Wiehert (1831-1902), dessen Lustspiel „Ein Schritt vom Wege' mit Katharina Schratt in der weiblichen Hauptrolle am 30. Oktober 1872 im Schauspielhaus aufgeführt wurde.
2 In der Schreibmaschinenabschrift steht: St.
3 Die aus Wien gebürtige Schauspielerin Katharina Schratt (1855-1940) hatte siebzehnjährig ihr Debüt als Marianne in Goethes Schauspiel „Die Geschwister' am 16. April 1872 im Berliner Schauspielhaus abgelegt. Fontane hatte ihr erstes Auftreten scherzhaft-wohlwollend besprochen: „Schaun's, dös nenn ich Spiel! Wir haben heute lediglich die Pflicht, einen beinah vollkommenen Erfolg zu verzeichnen und der jungen Künstlerin zu diesem Erfolg zu gratulieren" (vgl. Theodor Fontane, Sämtliche Werke, Band XXII/1: Causerien über Theater, München 1964, S. 161).
4 Es muß sich um eine private Aufführung von Egmont-Szenen gehandelt haben.
5 In der Schreibmaschinenabschrift steht - von unbekannter Hand mit einem Fragezeichen versehen: herzuwollen.
6 Katharina Schratt trat seit dem 24. März 1873 im damals neuerbauten Wiener Stadttheater unter der Leitung von Heinrich Laube vorwiegend in heiteren Rollen auf. Sie wurde sehr populär.
4 Berlin, 16. Februar 1874
Teuerster Pietsch!
Willkommen wieder westlich vom Kreml! 1 Ich habe sehr bedauert, gestern um Ihren Besuch gekommen zu sein. Ich war zu einer Matinee (engster Zirkel), wo Signor Campo drei Akte vom „Othello" runterrasselte. 2 Übrigens brillant. Werder, nicht der General 3 , sondern der Professor 4 , ganz entzückt. Ihre russischen Artikel 5 haben wir hier mit großer Freude gelesen, ich (weil ich einer der wenigen bin, die dergleichen auch beurteilen können) mit Bewunderung. Die Ankunft in Petersburg, der große Versammlungssaal vor der Trauung, die Troikafahrt, einzelne Abschnitte aus der Parade und vor allem das Aufbauen Moskaus und des Kremls 6 vor den Blicken des Lesers schienen mir die Prachtstücke. Wenn etwas meine aufrichtigste Anerkennung Ihrer deskriptiven Begabung steigern konnte, so war es das, daß ich aus den ersten drei Artikeln eine leidliche persönliche Verstimmtheit glaube herausgelesen zu haben. In solcher Verfassung hätte ich nicht zehn Zeilen geschrieben.
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