Heft 
(1969) 9
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brechen in meinen Augen (ich gehe darin sicherlich zu weit) immer ein Ver­dienst ist. Alles Aparte, Courageuse, die Tradition lachend beiseite Schie­bende reizt mich, und so hab ich beispielsweise die Tademaschen Sachen früher bewundert. Wenn man aber an die Stelle der Allgemeintradition eine persön­liche Spezialtradition setzt und alles. Altes und Neues, in einer ganz bestimm­ten, immer wiederkehrenden Weise sieht, so ist mit diesem Verfahren nichts gebessert. Ja, es ist bei Aufgaben wie der, die sich Tadema hier gestellt, ein entschiedener Nachteil. Natürlich klemm ich mich nicht auf Krokodil und Ram- ses, aber die ganze Modernität, die uns hier geboten wird, ist nicht Moder­nität, wie wir sie zu sehen gewohnt sind, ist auch keine eigenartige, mit neuen Augen gesehene, sondern eine altvertademasierte Modernität. Man wird sofort, man stehe nun drei oder dreizehn Schritt von diesen Bildern, an eine ganze Kollektion früherer Arbeiten desselben Meisters erinnert, die, ihrem Gegen­stände nach, vor zwei oder zweitausend Jahren irgendioo in Szene gingen. Ob Ägypten, Griechenland, Rom - darauf leg ich nicht das geringste Gewicht. Nur so viel bleibt für mich bestehn: es ist etwas ganz Neues, das nach etwas ganz Altem schmeckt, oder doch irgendeinem ganz Alten, wie wir es aus Tadema bei dieser oder jener Gelegenheit kennenlernten, in störender Weise ähnlich sieht. - Ich schreibe Ihnen dies, teuerster Pietsch, nicht, um brieflich mit Ihnen anzubinden, nicht in dem irgendwo versteckten dickköpfigen Glauben, dafj ich doch eigentlich recht hätte, sondern nur, um in bezug auf meine gedruckten scherzhaften Wendungen über Tadema nicht in einem schlechteren Lichte vor Ihnen zu erscheinen als nötig. Ich halte, auch bei meinen Theaterkritiken, die scherzhafte Behandlung nicht blofj für erlaubt, sondern geradezu für einen Vor­zug, aber sie hat eine zugrunde liegende ernste und ehrliche Meinung zur Vor­aussetzung. Sonst ist sie unerlaubt. Diese Zeilen sollten nur aussprechen, da5 ich bei der Behandliung Tademas, wenn auch irrtümlich, so doch in letztem ganz überzeugungsvoll verfuhrt

Ihr Th. Fontane

Gedruckt nach der Schreibmaschinenabschrift im Fontane-Archiv Potsdam (vgl.

Briefe Theodor Fontanes. Zweite Sammlung. Hrsg, von O. Pniower und P.

Schlenther, 1. Band, Berlin 1910, S. 333-335).

Kommentar

1 Das »wieder" bezieht sich auf das in Brief 5 behandelte Vorkommnis.

2 Fontane hatte an Stelle seines seit Juli aus Italien berichtenden Kollegen in Nr. 210 der VZ vom 9. September 1874 über die eben eröffnete Berliner Kunstausstellung referiert. Über zwei Bilder des seinerzeit berühmten nie­derländisch-englischen Malers Lawrence Alma-Tadema (1836-1912),Skulp­turenmagazin" undKabinett des Kunstliebhabers", hatte Fontane geschrie­ben:Alma-Tademas Bilder, von der Künstlerwelt wieder bewundert, kön­nen uns kein tieferes Interesse einflöfjen. Stofflich sind sie langweilig, in ihrer Behandlungsweise aber so durchaus übereinstimmend mit den genüg­sam bekannten altrömischen und ägyptischen Bildern eben dieses Meisters, da5 wir, für unsern Teil, hinter diesem modernen Zimmer- Ausschmückungs-

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