Heft 
(1981) 32
Seite
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löste:Ich sehe mich noch mit dem alten Weisen, Theodor Fontane, streitend durch,die Straßen irren, um das Residenztheater herum. 2 Fontane zeigte sich den Argumenten Brahms gegenüber aufgeschlossen, wenn er sich auch zu Ibsen und dem deutschen Naturalismus keineswegs unkritisch verhielt. So erklärte er Otto Brahm in seinem Brief vom 4. April 1891: Mit klingendem Spiel in das Lager der .Neuen 1 überzugehn, wäre Kleinig­keit und mir moralisch ganz unbedenklich, aber dazu fehlen mir einige Zentner Überzeugung. Ich seh das Gute, aber auch das Nicht-Gute und drücke mich in die Sofaecke. Mit 71 darf man das. (Vgl. auch die Briefe Fontanes an Friedrich Stephany vom 30. September 1889 und an Paul Heyse vom 9. März 1890.) Entscheidend aber war, daß sich Fontane für das Neue, das sich in den Jahren um 1890 in der deutschen Literatur anbahnte, empfänglich zeigte und manches Element der neuen Kunst als berechtigt und zukunftsweisend anerkannte. Und eben als Anwalt dieses Neuen trat Brahm auf.

Die drei Briefe zeigen, daß auch zwischen Fontanes Frau und Otto Brahm freundschaftliche Beziehungen bestanden. Sie bezeugen aber auch das liebevolle Andenken, das Emilie Fontane ihrem Mann bewahrte.

Für dieHamlet-Aufführung im Deutschen Theater, auf die Emilie Fon­tane in dem Brief vom 2. November 1894 eingeht, hatte wahrscheinlich Brahm, damals Leiter des Deutschen Theaters, der Familie Fontane Karten zur Verfügung gestellt.

In dem Brief vom 6. Januar 1899 dankt Emilie Fontane Brahm für seine Ausführungen über Theodor Fontane. Es handelte sich nicht um einen Aufsatz, sondern um die Rede, die Brahm nach Fontanes Tod (gest. am 20. September 1898) bei der Fontane-Feier der Freien Bühne gehalten hat (gedruckt in der Neuen Deutschen Rundschau, Jg. 10. 1899, S. 4252). Brahm hatte in seiner Rede die Humanität Fontanes und dessen Auf­geschlossenheit dem Neuen gegenüber besonders hervorgehoben.

Der dritte Brief ist ebenfalls 1899 geschrieben. Emilie Fontane war am 14. November 1899 fünfundsiebzig Jahre alt geworden. EineSchiller- Vorlesung zu halten, wird Brahm durch seine literaturgeschichtlichen Studien veranlaßt worden sein. Er hat u. a. Arbeiten über Schiller, Heinrich von Kleist und Gottfried Keller publiziert.

Die Briefe befinden sich im Besitz der Universitätsbibliothek der Humboldt- Universität zu Berlin. Der Herausgeber dankt dem Direktor der Bibliothek, Frau Dr. Waltraud Irmscher, für die freundliche Erlaubnis, die Briefe hier erstmals zu veröffentlichen.

Anmerkungen

1 Zur Biographie Otto Brahms vgl. das Nachwort (S. 421-439) ln: Otto Brahm: Theater. Dramatiker. Schauspieler. Auswahl und Nachwort von Hugo Fetting. Berlin 1961.

2 Fetting, S. 34.

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