Heft 
(1885) 29
Seite
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Graf Petöfy von Theodor Fontane.

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Phemi!" sagte Franziska.

Phemi nahm aber den Tadel, der sich darin aus­drückte, nicht an und sagte nur lachend:Ich weiß schon, was ich thn'. Frage nur Graf Pejeöics. Man muß die vornehmen Leute nicht immer daran erinnern, daß sie vornehm sind." Und dabei winkte sie ruhig weiter.Uebrigens laß Dir sagen, Schatz, daß das Alles nur uraltes Sommerfrischen- und Badevorrecht ist. In der Stadt rückt sich's leicht wieder zurecht."

Eine Viertelstunde später waren unsere drei Fuß­gänger glücklich oben, und als gleich darnach auch der Wagen erschien, hatte Phemi bereits einen Platz gefunden, der jeden erdenkbaren Vorzug in sich ver­einigte: temperirte Sonne, Schutz vor Wind und Zug und einen wundervollen Blick in die Landschaft.

Wie schön!" sagte die Gräfin, und Franziska gab ihr ein Mäntelchen um, während Egon ein Kissen ans dem Wagen und Gras Pejevics eine Fußbank herbeiholte.Hier bleiben wir, nicht wahr, und schonen unsere Kräfte? Wenn man das Gute hat, muß man das Bessere nicht auf allerlei Gefahr- Hin haben wollen. Und nun, Egon, mache den Wirth; oder besser noch Fräulein Phemi. Zu der Hab' ich ein Vertrauen und bin ganz sicher, daß sie nicht bloß den artigsten und raschesten Kellner, sondern auch den besten und frischesten Kuchen für uns ent­decken wird."

Und nun kamen heitere Stunden oben auf dem Aussichtspunkte, schön und heiter auch für Franziska, die das Berg- und Bnrgenpanorama noch nicht kannte, darunter Schlösser und Thürme, die feit der Türken­zeit in Trümmern lagen. Am meisten interessirte sie die Ruine von Schloß Merkenstein, und Graf Egon, der landeskundig war, erzählte von einer rätselvollen Bnchstabeninschrift0. kl. I. kl. Ul.", die sich bis diesen Tag an dem stehen gebliebenen Portal der alten Burgruine befinde. Phemi, die sich mitunter aus die Wissenschaftlichkeit hin ausspielte, wollte die Bedeutung davon für ihr Leben gern errathen und ruhte nicht eher, bis ihr Egon die Buchstaben in's Notizbuch geschrieben und schließlich, als alles Rathen umsonst geblieben, die Versicherung gegeben hatte, daß nur der Wiener Witz bis dato die Deutung dafür gefunden habe.

Welche?" fragte das Fräulein neugierig.

Oesterreich Hinkt Immer Uloch Ulach."

Und nun gab es ein norddeutsch übermütiges Lachen von Seiten der beiden jungen Damen, das erst schwieg, als sie halb erschrocken einen spöttisch superioren Zug um den Mund der beiden Grafen spielen sahen. Aber Phemi witzelte rasch die kleine Verstimmung fort, und Graf Pejevics, der erst wenige Tage wieder aus England zurück war, wo­hin er sich der Rennen halber begeben hatte, wurde jetzt eindringlich gebeten, über seine Reise zu be­richten, ganz besonders auch von Seiten der alten Gräfin.

Ich bin halb von englischer Extraktion," sagte diese.Meine Mutter war eine Howard und meiner Mutter Mutter eine Talbot."

Eine Talbot!" wiederholte Phemi mit einem beinahe komisch wirkenden Ernste, dem man es deutlich

anhörte, daß die halbeJungfrau von Orleans" an ihrem inneren Auge vorüberzog.

Aber trotz dieser nahen und nächsten Be­ziehungen," fuhr die Gräfin fort,war ich nie dort. Ich Hab' eine Scheu vor der Ueberfahrt und höre jedesmal zu meinem Tröste, daß es keinen schlimmeren ,Pas' geben soll als den Pas de Calais. Indessen, wenn ich auch niemals dort war, ich höre doch gern davon. Alles ist interessant und eigenartig und zeigt uns das Leben von einer neuen Seite. Wie fanden Sie London?"

Vor Allem ohne Londoner und beinahe auch ohne Engländer. Es ist dasselbe wie mit Wien, wie mit allen großen Städten. Sie werden zum Rendez­vous für die Provinzen oder die Welt überhaupt. In London ist Alles ,1rl8l? und .seotelü, und wollte man die Deutschen zählen, so fände man wahrscheinlich mehr als in unserem guten Wien. Im klebrigen, um auch das noch zu sagen, ich kann mich mit einer Lebens­weise nicht befreunden, die den Tag mit Speck und Ei beginnt und ihn mit Cognak abschließt. Kardinal Antonelli soll denn auch ausgerufen haben: ,Jch mag kein Volk, das vierzig Sekten und eine Sauce hat? Er hätte nach meinen Erfahrungen auch noch hinzusetzen können: Alles sei schwer und massig in diesem Lande, sogar die Träume. Wenigstens sprechen sie selber von xtuinpuääiog äreains."

Es fehlte, wie sich denken läßt, nicht an Oppo­sition dagegen, am meisten von Seiten Phemi's, die nicht müde wurde, vom Großen Freibrief an, über Milton und Shakespeare weg bis zu Scott und Thackeray hin Alles zu loben und zu preisen. Egon und Graf Pejevics amüsirten sich ersichtlich und stimmten mit ein oder widersprachen auch, je uach Laune.

So schwanden die Stunden, und erst als die Sonne gesunken und statt ihrer die Mondsichel sichtbar geworden war, erhob man sich, um den Rückweg anzutreten.

Auch die Gräfin zog jetzt vor zu gehen und sprach nur den Wunsch aus, daß der am wenigsten ab­schüssige Weg eingeschlagen würde. Graf Pejevics bot ihr den Arm, und Phemi plauderte nebenher, wäh­rend Egon mit Franziska folgte.

Man ging anfänglich sehr vorsichtig, vorsichtiger noch als nöthig; als man aber die Kuppe passirt und die breiteren Gelände gewonnen hatte, machte sich's, daß man nicht nur in aller Bequemlichkeit, sondern sogar auch in einem beflügelten Marschtempo marschiren konnte. Denn das bunte Treiben auf dem Schützenplatz unten hatte mittlerweile begonnen, und die festen Takte von Trommel und Pauke drangen bis hoch an den Abhang hinauf. Um jedes Caroussel her waren Lichter und Lampions, und inmitten eines eingefriedigten Platzes, auf dem trotz der Mondhelle noch viele Pechfackeln brannten, erkannte man nicht nur Pierrot und Harlekin, sondern hörte ganz deutlich auch das Gelächter, das die Kapriolen und Witze Beider begleitete.

Wir kommen gerade zu guter Zeit," wandte sich Egon an seine Begleiterin.Und ich freue mich darauf. Können Sie sich denken, daß ich ein wirk­liches Vergnügen an diesen Dingen habe?"