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Roman
von
Jutiirs Krosse.
nter den Zahlreichen Fremden, die sich das schöne Elbflorenz zum Aufenthalt gewählt, fiel vor einigen Jahren besonders ein alter, würdiger Herr auf.
Man sah ihn alltäglich in den Nachmittagsstunden auf der weltberühmten Terrasse erscheinen. Dort wandelte er behaglich bis zum kleinen italienischen Kaffeehause neben der Akademie, wählte einen schattigen Platz unter den Linden und nahm seinen Kaffee. Der alte Herr pflegte einen hellgrauen Cylinderhut und einen dunklen, kaftangleichen Ueber- rock zu tragen. Das bartlose große Gesicht, über dessen breiter Stirn die spärlichen Haare sorgsam zusammengekämmt waren, hatte etwas Mumienhaftes, und dieser Eindruck des Unbeweglichen ward noch durch die rauchgraue Brille verstärkt, welche die großen Augen verbarg. Eigenthümlich war seine leise Stimme, wenn er sprach, und sein lautloser, wie auf Filzsocken schleichender Gang. Im Uebrigen kenn- Zeichnete der Typus der ganzen Persönlichkeit den alten Gelehrten.
In der Regel kam er allein, las still seine Zeitung, fütterte die Sperlinge, spielte zuweilen eine Partie Domino mit Diesem und Jenem und verschwand dann ebenso geräuschlos, wie er gekommen.
Im vorhergehenden Sommer war er bisweilen mit fremden, dem Anscheine nach sehr vornehmen
Deutsche Roman-Bibliothek. XII. 17.
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Herren erschienen, die er als nnterthäniger Cicerone begleitete und mit denen er französisch und russisch plauderte. Gegen den Winter hin blieb er mehrere Monate lang aus, und es hieß, er sei krank geworden.
Damals erfuhr man, der alte Herr sei ein Professor D., ein geborener Sachse, der fünfzig Jahre lang an einem Moskauer Lycenm dozirt habe. Jetzt sei er quieszirt und in sein Vaterland zurückgekehrt, um mit anständigem Ruhegehalt seinen Lebensabend in Dresden zu beschließen.
Man hatte den würdigen, schweigsamen Herrn wegen seines hochachtbaren, nicht aufdringlichen Wesens allgemein liebgewonnen, und die Freude aller Bekannten und Stammgäste war um so größer, als er im Frühling wieder erschien, zwar noch als Rekonvaleszent, aber gesprächiger und mittheilsamer, ja erregter als sonst. Es war damals die Zeit der verbrecherischen Attentate in Berlin. Alle Welt war empört und tief erschreckt über den Abgrund moralischer Verworfenheit, der sich plötzlich unter dem unterhöhlten Boden der Gesellschaft aufthat.
„Seltsam, daß Sie staunen, meine Herren," sagte der Professor, der schon aufgestanden war. „Das Alles find bei uns keine neuen Dinge. Wer ein Menschenalter in Rußland gelebt, weiß, wie viel tiefer dort der Boden aufgewühlt ist. Die Wunden sind alt, und wer die Zwanziger Jahre gesehen, weiß davon zu erzählen. Damals stand die Existenz des mächtigsten Reichs aus dem Spiele, und seine Gegner waren viel gefährlicher als heut. Dennoch hat man
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