Heft 
(1885) 36
Seite
846
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Deutsche Noman-Sibliothek.

Unordnung sähe; im Geiste hörte May bereits eine entsetzliche Gardinenpredigt.

Aber Charles war unbarmherzig, sogar das lila­farbene Band Zog er dem schönen, willenlosen Kind aus den Haaren, daß die seidigen Strähnen ties in den Nacken wogten; als sie nach dem Bande haschie, schlang er es drei-, viermal um seinen linken Arm, sie jagten wie die Kinder um den moosigen Stamm einer Eiche herum; so flink die Leichtfüßige war, er blieb im Besitz des geraubten Pfandes.

Zürnst Du mir?" fragte er plötzlich besorgt, da er sie so verängstigt vor sich sah.

Aber sie konnte nicht böse sein, sie warf sich stürmisch an sein Herz und rief:

Thue was Du willst, löse mein Haar, daß ich damit den Staub von Deinen Füßen streife!"

O himmliscke kleine Schwärmerin!" hauchte er im Kusse, ihr Köpfchen in beide Hände nehmend, und fügte unwillkürlich hinzu:O Maienrose, süßes Kind, Ophelia!"

Tiefer sanken die Schatten herab, kühler wehte es durch die Zweige, ach, es mußte geschieden sein! Das war ein Nimmersattes Abschiednehmen, nur auf die eindringlichsten Bitten gab Charles seine Mayflower frei. Frei? nicht doch! May's über­volle, hingebende Seele blieb ja in seiner Hast.

Zweites Kapitel.

UeXirgarten mW Spukschloss.

Den Fruchtkorb in Händen, die niedliche, neu­gierige Nase in der Luft, trabte Polly unterdessen gleichfalls auf Waldpfaden; auch sie hatte sich auf­geputzt, natürlich hinter dem Rücken derTante Brennnessel", wie sie Dame Bell nannte, und um die vollen Kirschenlippen Zuckte es schalkhaft; trotzdem sahen es ihr die Vögel und klug herabschauenden Eichkätzchen au, daß sie kein verliebtes, sondern ein leichtherziges Menschenkind war, welches mit festem Schritte, klaren, kecken Blickes einherging.

Wo sie eine rothe Beere sah, mußte sie sie ab- reißeu, nur so aus Tollheit, aus knabenhafter Zer­störungslust, denn das große, von Gesundheit strotzende Mädchen tummelte sich am liebsten auf der Wiese, in der Scheuer, überall, wo es Grasgeruch und Ge­legenheit Zu Schabernack und Possen gab; der Weib­lichkeit war sie sich noch nicht bewußt, ebensowenig der Eitelkeit, mochten die riesigen Tanzschuhe sie auch ein wenig verdrossen haben, bunte Bänder hatte sie nicht aus Gefallsucht an ihre Achseln geheftet, sondern weil sie gar so lustig knisterten im Abendwinde.

Ein wahres Wunder, daß die Ananaserdbeeren, welche Polly's Obhut anvertraut, nicht über Bord des Korbes flogen!

Mancherlei Schnurren gaukelten dem wilden Dinge durch den Kopf, sie rief sich ihre spitzigsten Redensarten in's Gedächtniß Zurück, um damit im Jägerhause um sich zu werfen, sobald die tanzlustigen Bursche sich nahen würden, besonders Ralph, der Hauptanbeter ihrer knospenden Reize, sollte gedemüthigt werden, Ralph, mit seinem energischen, edlen Ge­sicht, was durchaus nicht zu der dürftigen, beinahe Zwerghaften Gestalt passen wollte! Grausam und lieblos

lachte Polly über dieß Mißverhältniß zwischen Kops und Gliedern.

Dazwischen verspürte sie kindische Gelüste, hinter die Geheimnisse des Herrenschlosses zu kommen.

Welch' ein Triumph das wäre!" träumte laut die unternehmende Evastochter, mit der Zunge schnalzend.

Und sie blieb stehen und begann ernstlich nach­zugrübeln.

Nähme Joe Murrey, der alte Diener mit dein Zopf, die Erdbeeren in Empfang, dann blieb nichts Anderes übrig, als eben den Weg, welchen Polly gekommen, wieder zurückzulegen, aber wenn Bob, ihr Brüderlein, etwa sichtbar wäre, oder noch besser, Mylords Kammerdiener, der redselige Fleischer, ah, dann hätte sie gewonnenes Spiel!

Und sie befragte das Orakel eines Akazicnblattes, doch schien das Resultat nicht befriedigend, denn ver­drießlich warf sie den kahlen Stengel fort.

Schon sah sie von Weitem dieAbtei", so nannte man das verrufene Stammschloß der Byrons, ein stylvolles, mächtiges Gebäude aus dem zwölften Jahr­hundert, woraus Heinrich VIII. im Zeitalter der Reformation die Dominikanermönche entfernt und es der Familie Buron später genannt Biron und Byron gegeben hatte Zn Lehen als Belohnung vielbewährter Treue und ausgezeichneter Dienste.

Newstead-Abtei!

Noch umwebte nicht der Zauber unsterblicher, herzaufwühlender Poesie deine krenelirten Zinnen! dein jugendlicher Besitzer war sich des eigenen Genius noch unbewußt, ja, noch verscheuchte er die Musen durch zweck- und zügelloses Treiben vorn Herde der Vorfahren. . .

Newstead-Abtei!

Damals warst du mit deiner ehrwürdigen, epheu- umzogenen Fronte, deinen eckigen Thürmen und Bogen­fenstern nur der Gegenstand allgemeiner, müßiger Neugier insofern, als man in deinen gothischen Wölbungen und Krenzgängen umgetriebene Geister witterte und in deinen bewohnbaren Gemächern einen frühreifen Don Juan, einen Lovelace! . . .

Die reiche Skulptur des feodalen, mehr in die Länge gestreckten als hohen Schlosses spiegelte sich in einem unabsehbaren Teiche, der gut und gern See genannt werden konnte. An seinem Ufer lagen Gondeln und kleine Segelboote. Die durchsichtig klare Wasserfläche gab dem stillen, vornehmen Park jenen unsagbar melancholischen Reiz von Abgeschiedenheit und Träumerei, wie wir ihn aus keiner Landschaft von Poussin und Claude, wie wir sie nur gegen­wärtig aus den Wald- und Villenpoemen Arnold Böckhlin's einathmen.

Nahe am Rande des Teiches wiegten sich auf dem leise zitternden Wasser schneeweiße Nymphäen, von breiten, braungrüuen Blättern getragen.

Polly vergaß über dem Anblick der Nixenroseu den eigentlichen Zweck ihres Kommens; sie hatte in Märchenbüchern gelesen, daß Zu mitternächtiger Stunde dem Kelche der Nymphäen ein schönes, weißes Fräu­lein entschwebt und auf den Wellen tanzt, und daß der Nix Jedweden hinabzieht auf des Wassers Grund, der beim Pflücken der Blume nicht eine besondere Formel murmelt.