Binder der Flamme von
War Polly auch nicht vorwiegend träumerischer Natur und auch nicht besonders belesen, — ein britisches junges Blut saugt mit der Muttermilch Zaubergeschichten und alte Balladen ein.
Es war gut weilen unter den knorrigen Rieseneichen, es war gut ruhen nach dem Lause durch den Forst.
Aber, o Himmel! woher plötzlich das unheimliche Knurren und entsetzliche Gebrumm ganz in der Nähe? Cerberus, der Höllenhund in Person, mußte irgendwo im Hinterhalte lauern, o Weh, o weh!
Polly ergriff das Hasenpanier und flüchtete entsetzt einer andern Richtung zu, denn sie besann sich nun gar wohl, daß Bob ihr berichtet hatte: vor den: Eingang der Schloßhalle läge ein Bär und ein Wolf an der Kette, ja, aber Ketten können reißen, wenn solche Ungethüme daran hin und her zerren, Ach und Weh ohne Ende!
Ein unsichtbarer Kobold schien die Flüchtende auszulachen: geschieht fürwitzigen Dingern ganz recht, wenn sie sich zu sehr in die Nähe ungelöster Probleme wagen!
Zitternd duckte sich das Pächterskind, den Korb immer krampfhaft in der Rechten, gegen das bemooste Piedestal einer Statue, denn es brummte fort und fort, freilich ohne näher zu kommen, haarsträubend blieb es trotzdem!
Und nun tauchten in Polly's Erinnerung lauter Schreckbilder auf: hinter jenen altersgrauen Mauern hatte ja — vor nicht zu langer Zeit — „der gottlose Lord" gehaust, der gefürchtete Großonkel George Gordon Byron's, es überlief Tante Vrennnessels Nichte mit Eiscskälte, der „böse" Lord war ja des Todt- schlags überführt worden in Folge eines Zweikampfs ohne Zeugen, und nur straffrei ans dem Tower entlassen, weil er Peer war. Schlimmer noch: während einer Spazierfahrt hatte er seinen Kutscher erschossen und die Leiche zu seiner Gemahlin in den Wagen geworfen, ja diese unglückliche Frau selbst einmal in den Teich geschleudert bei Sturm und Hagelwetter, so daß nur ein herbeieilender Gärtner sie mit eigener Lebensgefahr zu retten vermochte.
Und aus Haß gegen seinen leiblichen Sohn, welcher Wider des Vaters Willen geheirathet, hatte der Wütherich den Sherwoodforst zum Theil unbarmherzig zerstört und besonders Newstead-Abtei in Verfall gerathen lassen.
Polly verwünschte ihren Hang für Abenteuer, flehend blickte sie zum rosig angeglühten Himmel empor.
Da grinste ein schrecklicher, grünangelaufener Waldteufel mit geschwungener Keule aus den Eichenzweigen auf die Geängstigte herab, ach, und erst das Weib daneben, mit ihrem dickköpfigen, ziegenfüßigen Balg!
Richtig, das waren die verfehmten Steinbilder, „die Teufel des alten Herrn", denen er sich vollständig ergeben hatte!
Mit festgeschlossenen Augen rannte Polly davon, nicht.ahnend, daß sie'auf diese Weise dem Schlosse wieder ganz nahe kam, Plautz! da stolpert sie und liegt aus der Nase, aber nicht etwa ein alltäglicher Stein brachte sie zn Falle, sondern ein — Todten- schädel! O Graus, nun gewahrt sie, daß sie in einen ganzen Kreis von Todtenköpfen hineingestürzt ist!
Günther von Freiberg. 847
Freilich, freilich, der Park ist behext; unselig, wer ihn betreten; wie Recht hatten doch die Basen Bell, Lilian und Muffy!
In ihrer Herzensangst stöhnte die bestrafte Neugierige ein Stoßgebetlein über das andere, darauf schielte sie seitwärts, erhob sich zitternd und zagend und sprang schließlich mit der Geschwindigkeit eines Grashupfers über die Schädel hinweg.
„Woher des Weges, Polly, große Schwester?" rief plötzlich eine wohlbekannte, Helle Stimme und zwang das verwirrte Mädchen auszublicken.
„Bob, kleiner Bruder, bistDu's?" athmete sie auf.
Aus einem Luginsland der Schloßmaner blickte ein hübscher Knabe, Robert, — Polly's siebenzehn- jähriger Pflegebruder.
Nun schämte sich das Jüngferchen ihrer Schwäche, schwenkte den Korb und rief mit fester Stimme:
„Ich bringe die Erdbeeren."
„Nur zu," machte der hübsche Groom in blau- silberner Phantasielivree, „tritt in das Pförtchen ein, grad' aus, ich komme Dir entgegen."
Diese Aufforderung ließ sich hören, nun wich Polly's banges Herzklopfen einem freudigen.
Rechts an der Seitenpsorte befand sich ein tröstliches Steinbild der Madonna unter einen: kleinen Baldachin aus gekrausten Steinblättern — einst war ganz Newstead der heiligen Jungfrau geweiht —- und jetzt? — jetzt trieben aus demselben Gebiete lockere Gesellen und Skeptiker ihr Wesen.
Robert, genannt Bob, nickte freundlich herablassend, als er Polly ans der Schwelle empfing.
„Du kannst Deine Beeren in den Speisesaal hinauftragen. Die Frau Pathe ist oben."
„In den Speisesaal!?" Polly stand mit offenem Munde.
„Warum nicht? Die Tafel wird soeben gedeckt. Du brauchst Dich nicht zn fürchten, bist groß und lang genug, um keck zn sein, unsere Gentlemen sind noch weit, sie fischen und reiten Gott weiß wo! Mylord verläßt sein Zimmer nicht, bevor cs zum zweiten Male läutete."
„So begleite mich doch."
„Ist nicht nöthig, hier hinauf und dann rechts in die offene Thüre hinein."
Polly trippelte breite, rothbelegte Stufen hinan, sie machte ein sehr verlegenes Gesicht, aber ihr angeborener Leichtsinn erstickte jede fernere Ueberlegung, vergessen waren die Todtenköpfe, vergessen das Satyrpaar im Nu.
Aus dem Treppenhause schaute sie in einen großen, gothischen Saal hinein, die purpurgoldenen Strahlen der sinkenden Sonne spiegelten sich den Pokalen, Bechern und venetianischen Glaskrügen der Kredenztische, im Silbergeräth der Tafel; wieder gedachte Polly an das Märchenbuch, an Blaubart's Schloß, wollüstiges Grauen durchrieselte die Evastochter; wendete sie den Blick rückwärts, so verlor er sich in einer endlosen Galerie voller Rüstungen und geschwärzter Ahnenbilder.
Sonderbar gedämpft fiel das Licht durch farbig eingebrannte Wappenschilder und Fabelthiere hoher, schmaler Bogenfenster. Da glühten granatrothe Hähne in topasengelben Feldern; da flammten orangefarbene