848
Deutsche Roman-Bibliothek.
Löwen auf azurnem Grunde; hier und da flimmerte geisterbleich ein Frauenprofil mit goldener Schnebben- haube dazwischen.
Stand wo ein Fenster offen, fo bot sich freie Einsicht in die wundersamste Verzweigung von Laubund Nadelholz, die vom Abendroth angeglühten Stämme der aromatischen Kiefern schienen Rubinensäulen! Die saftgrünen Blätter der Kastanien schimmerten wie Myriaden geschliffener Smaragde!
Gott, welch' andere Welt, als daheim am Kachelofen bei Sankt Patrick und Miß Siddous! —
Polly staunte über die Sicherheit, womit ihre Frau Pathe Nancy, die Haushälterin, sich im Speisesaale bewegte, den ab- und Angehenden Dienern, — worunter auch der wetterfeste Joe Murrey — Befehle ertheilend. Nun da galt es, sich ein Herz zu fassen und einzntreten.
„Guten Abend, Frau Pathe," rief Polly ganz keck, „ich bringe die Ananaserdbeeren."
„Das hättest Du zeitiger thun können," lautete die nicht allzu freundliche Begrüßung der saubergekleideten Frau. Und erst später setzte sie einen „guten Abend" hinzu, ohne von Polly's Anweseuheit weitere Notiz zu nehmen.
Polly hatte somit volle Muße, den großen, reichverzierten Kamin aus dem Zeitalter Eduard's III. zu mustern, deßgleichen eine der Wand eingefügte, uralte Holzschnitzerei, welche einen Sarazenen zwischen einem christlichen Ritter und einem abendländischen Mädchen darstellte.
„Na, gottlob! endlich 'mal was Junges!" wisperte eine Stimme dicht an Polly's Wange. Polly blickte auf und begrüßte mit vertraulichem Nicken den Kammerdiener Fleischer, der schwarz gekleidet war und nach Lavendel duftete.
Er und „das Junge" kicherten verstohlen hinter dem Rücken der Mistreß Marsden, darauf folgte von Seiten Polly's ein Schwall von Fragen über die seltsamen Sachen, die Holzschnitzerei, die bunten Fenster und so weiter.
„Da müssen wir olä Joe, unfern Admiral, fragen, der ist die wandelnde Chronik der Abtei," versetzte Fleischer und winkte dem gepuderten Haushofmeister, scherzhaft genannt „der Admiral", da er früher ein tüchtiger Seefahrer gewesen unter „Bösvetter-Hans", dem Großvater des schönen, absonderlichen Enkels.
Der Admiral that nichts lieber, als seine Kenntnisse hinsichtlich des Byron'schen Stammschlosses zum Besten zu geben.
„Sie müssen zuvörderst wissen, mein liebes Kind," begann salbungsvoll der alte Mann, nachdem er sich in Positur gesetzt, „die Familie Seiner Herrlichkeit ist nicht angelsächsischer, sondern normännischer Abkunft."
Polly hatte zwar sehr unklare Begriffe von der Geschichte ihres Vaterlandes, — um so mehr imponirte ihr der Ausspruch des greisen Dieners, dem der festgewickelte Zopf ohnehin etwas sehr Respektables gab; unwillkürlich faltete sie die Hände und lauschte mit offenem Munde, wie in der Kirche, — nur viel aufmerksamer als aus die Predigt des Reverend.
„Der Stammbaum der Familie," fuhr Joe Murrey fort, „verliert sich im nebelhaften Alterthum, die Bürüns kamen ans Skandinavien als Seekönige
und ließen sich in der Normandie nieder; von dort folgten zwei Brüder, Ernistus und Redolphus de Bürün, dem Eroberer nach dem grünen England — oho, Jnngens: mehr Eis in die Sektkübel! — grünen England, woselbst sie große Ländereien in Porkshire und Nottinghamshire erhielten. Diese Schilderei nun," er deutete auf das Holzrelief, „stellt einen Vorfahren Mylords dar, Einen — all rizllt, Mistreß Marsden, es hat seine Nichtigkeit mit dem Aal! — Einen, der sich an den Kreuzzügen betheiligt hat."
„Danke schön, Mister Murrey," knixte Polly. Fleischer aber zupfte sie am Aermel und raunte ihr mit satirischem Lächeln in's Ohr:
„Ist nicht wahr: die Schnitzerei hat eine biblische Bedeutung, — > man munkelt, es sei die keusche Susannen"
„Ach, wie -Heide!" entgegnete Polly, welche für Ritterthaten sch ärmte. Sie stand im Begriff, sich mit weiteren F agen an den Admiral zu wenden, als ein prachtvoller Neufnndländerhund, schwarz mit weißen Pfoten, in mächtigen Sätzen Zum Saale hereinsprang, alle Anwesenden — Polly nicht ausgenommen — stürmisch wedelnd begrüßte, mit dem zottigen Schweife mehrere Blumenkörbe umfließ, Pathe Marsden fast zu Boden riß, um ebenso unmotivirt und seelenvergnügt wieder dem äiinisr - room zu enteilen.
„Das ist Boatswain, Mylords Liebling," erklärte Murrey, sich geduldig die Weste abstänbeud, auf deren seinem Leder der schöne Neufundländer Spuren seiner Pfoten zurückgelaffen hatte.
Polly aber hielt zitternd Fletscher's Arm mit beiden Händen umfaßt und sagte kleinlaut, nachdem äarlinZ Boatswain verschwunden:
„Ich glaubte, es wäre der Wolf!"
Murrey lächelte, Fleischer aber lachte laut auf.
„Nein, Miß Polly, unsere beiden wilden Gesellen liegen in finsterem Gewahrsam, und," fügte er tröstend hinzu, „und sind von Klein auf gezähmt, — sie fressen aus der Hand."
Der Admiral entfernte sich; Nancy nahm die Erdbeeren, um damit eine duftige, süße Bowle zu brauen. Bob schleuderte müßig, wie es einem Pagen geziemt, durch den Saal.
Polly hätte das Brüderlein lieber entfernt und wäre mit dem zugänglichen Kammerdiener allein geblieben, denn sie hegte einen Plan io xotto.
Einstweilen begnügte sie sich, den beiden Anwesenden zu sagen:
„Es ist in der That gar nicht übel bei euch, wenigstens hier oben! Das schöne, herrschaftliche Geräth! wie beim König! und die gewölbte Decke! die weiten Räume und schön bunten Fenster! — unten im Park ist Alles verdorben durch die abscheulichen Teufelsfratzen."
„Sind Waldgötter, Du einfältiges Ding," warf Bob hin.
„Was pfeifst Du mir von Göttern, Du dummer Junge," machte die große Schwester, „Götter mit Bocksbeinen, Bocksohren, Hörnern und Ziegenhäuten?!"
„Polly, Deine Unbildung ist haarsträubend," sagte der Page gesteigert, „lebtest Du, wie ich, in Mylords Nähe, so würdest Du manches Vorurtheil ablegen."