Heft 
(1885) 41
Seite
983
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Feuilleton.

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mir den Kopf zurecht. Ich finde mich nicht mehr, aber Sie haben Recht. Der Kaiser muß mein Ge­wissen sein. Was er gut nennt, muß gut sein, und wäre es ein Verbrechen. Aber nöthig ist es ja nicht, daß man vor der Welt damit prahlt."

Und wieder versank sie in Sinnen. In dem

herrlichen Geschöpf war seit gestern eine Umwand­lung vorgegangen. Ihr stolzer, freier Muth war vernichtet, ich möchte sagen, ihre sittlichen Begriffe von Recht und Unrecht waren in den Grundlagen erschüttert und verwirrt worden.

(Schluß folgt.)

Feuilleton.

Marietta Aköoni.

Von

Alfred Meißner.

Der Dichter des Ziska hat uns mit derGeschichte meines Lebens" (Wien, Prochaska) ein werthvolles Geschenk gemacht, denn es sind die Memoiren eines bedeutenden Menschen, eines gefeierten Dichters, eines Mannes, der seine Zeit voll reprä- sentirt; er hat mitten in der Bewegung gestanden, ein feiner, geistvoller Beobachter. Von seiner Heimat Teschen aus führt er uns mit seinen Jugenderinnerungen nach Karlsbad, in die Studentenjahrc nach Prag, in die Bewegung des Jahres 1848 in Wien und erzählt zuletzt in diesem ersten Bande seine Ver­bannung, die ihn nach Brüssel und Paris bringt. Ueberall verkehrt er mit den bedeutendsten Menschen, und wie er zu schildern, zu charakterisiren versteht, wissen die Leser seiner Romane; kurz, das Buch ist reich an anziehendem Stoff, den eine Meisterhand geformt hat. Wir lassen seine Begegnung mit der Sängerin Alboni folgen.

Ich war seit Jahren einer ausgezeichneten Prager Familie befreundet und in ihrem Kreise wie ein Sohn ausgenommen.

Ihr gehörte ein herrlicher Besitz, die schöne, mitten in der Stadt gelegene Färberinsel, in deren Saalgebüude alle Bälle und Konzerte nbgehalten wurden. Vier in gleicher Weise für Musik begeisterte Schwestern theilten sich in das Regiment des edlen, gastfreien Hauses, in dem alle in Prag wohnenden und alle nach Prag kommenden Künstler Aufnahme fanden. Zu den Ersteren gehörte W. Ambros, von Hause Jurist und Be­amter, dabei Musikschriftsteller, Alexander Dreyschock, sodann Fr. Kittl, unlängst Direktor des Prager Konservatoriums ge­worden, ein großes Talent', er komponirte eben an einer Oper: Die Franzosen vor Nizza", zu der ihm Richard Wagner den Text überlassen hatte.

In diesem Hause hatte ich Hektar Berlioz kennen gelernt, der im Januar 1846 nach Prag gekommen war und uns in großen, starkbesuchten Konzerten seine L^mpüonia tünta8ki^u6, seinen Romeo und Julie, die großen Ouvertüren Harold, Lear und den LRrnövsl rvmuin vorgeführt hatte, Produktionen, von denen ich einen gewaltigen, unverlöschlichen Eindruck empfangen.

In dieser Familie saß als Hausgeist, als 8xiritn8 kami- liarm, ein alter Italiener, ein Musiker, Namens Giovanni Gordigiani. Er war Opernsänger gewesen, hatte auf allen größeren Bühnen Italiens gespielt und gesungen, und hatte, als seine Stimme nachließ, eine Stelle als Gesangslehrer am Prager Konservatorium übernommen. Er war ein sanfter und freundlicher alter Mann, dessen Kopf noch die auffallenden Spuren ehemaliger Schönheit zeigte und der durch absonder­liche Tracht, bis auf die Schultern fallendes Haar und langen schwarzen Bart eine Stadtfigur geworden war. Er glich in feiner Erscheinung dein Harfner aus Wilhelm Meister.

Dieser alte Künstler hatte eine Oper,Consuelo" nach George Sand's Roman gedichtet und in Musik gesetzt. Sie sollte am Schluffe des Sommerkurfes von den besten Schülern und Schülerinnen des Konservatoriums aufgeführt werden. Dazu war ihm die Benützung des Stadttheaters zugeftanden worden, auch der Opernchor sollte Mitwirken.

Der Alte wollte nicht aus der Welt gehen, ohne gezeigt zu haben, was er vermöge.

Eines Tages traf ich in der befreundeten Familie ein wunderbares Geschöpf, das mir wie ein schöner Knabe in Frauenkleidern vorkam. Dieß Geschöpf hatte einen herrlichen Kopf, umflattert vom üppigsten, nach Knabenart kurzgeschnit­tenen Haar, schwarz wie Ebenholz. , Die Wangen waren voll und kindlich zart, wie die einer rosig angehauchten Kamellie, und auf einer dieser Wangen saß ein kleines schwarzes Mal, das einem Schönpflästerchen glich. Dieß Zwitterwesen zwischen Knabe und Mädchen hatte schwellend rothe Livpen, dunkel­braune, feurige Augen. Und welche Büste, welche Arme! Dabei eine Stimme, fast wie die eines Mannes.

Diese schöne Dame," sagte Gordigiani, indem er mich an der Hand nahm und mich vorführte,ist die große Sängerin Marietta Alboni. Schon mit sechzehn Jahren ist sie in Bologna aufgetreten wie ein Phänomen. Alles ist fehlerlos an ihrem Gesang, Alles virtuos, und doch Alles Gabe der Natur, nicht des Studiums. Auch eine ausgezeichnete Dar­stellerin ist sie, die Alles aus dem Leben herauszugreifcn weiß. Nun kommt sie von Wien, wo Merelli sie engagirt hat, und wird hier in mehreren Rollen auftreten. Aber aus Freund­schaft für den alten Gordigiani, ihren Landsmann, hat sie ihm soeben ihre Mitwirkung in seiner Oper zugesagt. Sie wird den Barkarolenknaben Pierrotto singen."

Meine Freude über dieß Anerbieten war groß.

Das Piano war aufgethan, Gordigiani setzte die Finger auf die Tasten und Marietta sang die große Arie aus Händel's Rinaldo:

Imseia,' io züan^g, lg, äuru 8orbo."

Nein, etwas Mächtigeres und Herzenbezwingenderes als diesen Alt hatte ich nie im Leben gehört! Mein Herz gerieth in große Unruhe und diese wuchs, als ich Marietta als Arsace in Rossini's Semiramis und als Massiv Orsini in Donizctti's Lucretia gehört. Wenn ich fortan über meinen Büchern saß, wie tauchte ihre Gestalt vor mir auf! Zudem gab es nur zu viele Verlockungen, sie da und dorthin in die Stadt zu begleiten. Abende wurden ihr geopfert, die besser angewendet hätten sein können. Die Aufführung derCon­suelo" rückte immer näher; die Theaterwelt war mit der Macht einer Invasion bei mir eingebrochen. Ich ließ mich verleiten, größeren und kleineren Proben beizuwohnen, das nahm viel Zeit fort. Die Gattin des Compositcurs hatte sich an einer Uebersetzung des Libretto versucht; als man es in Druck geben wollte, zeigte sich, daß viele Verse nichts taugten und eine Umarbeitung dringend nöthig sei. Da sollte ich helfen und half nach Kräften. So wurden Verse geschrieben in einer Zeit, da ich ungetheilt über meinen Büchern hätte sitzen sollen.

Ich liebte und machte alle Qualen der Eifersucht durch. Marietta reiste nicht nur mit einer alten Duenna, sie hatte auch einen Begleiter zur Seite, der als ihr Sekretär bezeichnet war. Signor Carlo war ein kleines, unbedeutendes, bescheidenes Männchen, ganz jung, in Marietta's Jahren, nahm sich aber Vieles seiner Herrin gegenüber heraus. Das konnte zu denken geben. Zudem wohnten sie neben einander, Zimmer an Zim­mer, nur durch eine Thür getrennt. Carlo folgte seiner Herrin wie deren Schatten. Und wenn man ihn irgendwo hinschickte, zog er es vor, die Kommission einem Lohndiener zu übergeben und sofort wieder zur Stelle zu sein. Ein selt­samer Sekretär! Außer dem Italienischen verfügte er nur über einige Brocken Französisch, führte aber auch im Italie­nischen die Feder höchst ungelenk. Hatte er den einfachsten