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Deutsche Nornan-Sibliothek.
mal den Getränken so eifrig Zusprach, daß er bald alle Herrschaft über sich verlor.
Zur Festtafel trafen noch andere Gäste aus der Umgegend ein, denn Alle wollten den berühmten Sherwood, den sie früher als bescheidenen Lehrer über die Achseln angesehen, jetzt in seinem Glanze als Kapitän und Edelmann gleichsam von Neuem kennen lernen.
Im Lauf des Nachmittags erschienen plötzlich sämmtliche Muschiks von Tarussa in feierlichem Zuge unter Anführung des alten Kuzmin und des Wolfsjägers Iwan, um dem präsumtiven Nachfolger und Erben des alten Uschakoff Salz und Brod als Zeichen ihrer Huldigung darzubringen.
Später, als nach Nadja's Anordnung das Erntefest im vollen Gange war, sangen und tanzten die Gutsleute nach dem Klange der Balalaika. Sherwood ließ sich herab, mit den Schönen des Dorfes zu tanzen, die sich seiner als des armen Lehrers noch recht wohl erinnerten und sich seine Metamorphose zum Gardeoffizier nur aus irgend einer kriegerischen Heldenthat erklärten, in demselben Sinne, wie Viele der feinen Gesellschaft, welche vermntheten, daß Sherwood bei der Bewältigung des Aufstandes im Dezember die Rolle eines tapfern Soldaten gespielt habe und deßhalb vom Kaiser ausgezeichnet worden sei.
Die Stunden vergingen wie im Fluge. Es war ein buntes Leben und Treiben auf den weiten Höfen des Gutes wie in den Räumen des Schlosses, dazu Ströme von Wein, Punsch, Kwaß und Branntwein, Jubel, Liedesklang und Musik ringsum, so daß Stanitza Tarussa an diesem Tage vielleicht der einzige Ort im weiten, von Schrecken gelähmten Rußland war, wo Freude, Friede und Fröhlichkeit herrschte.
Merkwürdig war das Benehmen Frau Nadjesch- da's, und ich hatte mehr als einmal Gelegenheit, mit ihr Zu reden. Sie saß meist still und in sich gekehrt, manchmal wie geistesabwesend. Wenn mail sie dann anredete, schreckte sie empor, lächelte, antwortete und gab sich Mühe, den Pflichten der Gesellschaft zu genügen.
Auch mehrmals kam sie aus ihr gestriges Bedenken zurück. Man sprach im bunten Cirkel unter Anderem auch von Moskau und der bevorstehenden Kaiserkrönnng. Glücklich schätzte sich Jeder, und es war Mancher der Anwesenden, dem Vermögen und Rang gestatteten, an diesen großartigen Festtagen Rußlands theilzunehmen. Man wußte auch, daß Sherwood und seine Gemahlin Hinreisen würden auf kaiserliche Ladung und zwar noch heute, und man beneidete die Glücklichen.
Während dieses Gesprächs wandte sich Frau Nad- jeschda, die neben mir saß, plötzlich zu mir und flüsterte:
„Oberst, geben Sie mir einen Rath. Muß ich wirklich nach Moskau? Der Gedanke an die Reise ist mir wie der Tod. Was soll ich dort; kann ich nicht ablehnend"
„Aber bedenken Sie," erwiederte ich, „daß kaiserlicher Wunsch so gut wie Befehl ist, und ich vermuthe sogar, daß die Majestät Sie kennen lernen will —
wie wichtig kann das für die Zukunft Ihres Gatten werden."
„Mag sein," sagte sie, „wenn es nur nicht in Moskau wäre vor so vielen Menschen. Glauben Sie nur. Oberst, mir ist's, als kämen wir nicht hin. Denken Sie, in voriger Nacht habe ich Tatiana im Traum gesehen. Wo mag sie in diesem Augenblick feind Warum kommt sie nicht — warum kommt sie nicht? Sie weiß ja, daß Papa ihr vergeben hat!"
„Hoffentlich ist sie in Petersburg geblieben," erwiederte ich. „Und gerade ihrethalben könnten Sie in Moskau thätig sein. Ich meine, ein Fürwort beim Kaiser für ihren Gatten; das wäre doch eine schöne Schwesterpflicht."
„Sie haben Recht!" rief sie, und ein Freudenstrahl blitzte in ihren schwermüthigen Augen ans. „Ja, ja, ich muß nach Moskau, ich will das Möglichste versuchen, es ist ja meine heiligste Pflicht, ihr zu Helsen. Sehen Sie, wie wunderbar; das wird nun ähnlich so, wie sie dachte vor so kurzer Zeit, als sie mich aus Smolensk erlösen wollte. Nun ist Alles umgekehrt; wie wandelbar ist das Menschenleben. Aber bei uns wird sie nicht bleiben wollen, ich möchte es auch nicht, schon Sherwood's halber; sie weiß ja nun Alles, Alles, und im Traum sah sie so böse aus. Es war, als wenn Schlangen aus ihren Haaren hervorzüngelten; ich weiß es nicht mehr, ich bin vor Schrecken erwacht und konnte nicht wieder einschlafen."
Dann versank sie wieder in apathisches Schweigen und ließ mich reden. Auf einmal zuckte sie wieder zusammen und berührte meinen Arm.
„Sagen Sie doch, Oberst, meinen Sie, daß man hier nichts weiß von dem schrecklichen Ge- heimniß?"
„Wie sollte das möglich sein?" erwiederte ich. „Mehr als ein halbes Jahr liegt nun dazwischen, und wenn auch, was läge daran? Des Kaisers Gnade und Gunst deckt Alles zu."
„Ich danke Ihnen," sagte sie. „Sie wollen mich beruhigen, aber glauben Sie nur, sie Alle wissen es — Alle! — Alle! Ich fühle es an jedem Wort, an jedem Blick, jedem Lächeln, jedem Kompliment, am meisten in jedem Unterlassen von Fragen; sehen Sie, das ist's. Man müßte sich doch erkundigen, wie Alles gekommen, aber man thnt es nicht, man weiß es schon — das ist's. Jeder Baum am Wege, jeder Ziegel auf dem Dach weiß es und Alle, die um uns sind. Und wie wird das erst in Moskau sein? — Entsetzlich!"
Und wieder nach einer Weile:
„Aber nach Moskau muß ich doch — ja, es will getragen sein, und ich will ja Alles tragen, was der Himmel schickt. Vielleicht gibt mir Gott Geduld und Mnth, der ganzen Welt zu widerstehen und aller Schande; wenn ich nur bei Sinnen bleibe, will ich schon fertig werden mit mir. Mit James darf ich nicht reden davon, sonst spielt er mir Szenen wie gestern; und sonst habe ich ja Niemand, mit dem ich mich aussprechen kann — eine schreckliche Zukunft. Nicht wahr, ich bin thöricht, Oberst; zanken Sie nur mit mir und setzen Sie