Heft 
(1885) 41
Seite
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Sherwood van Julius Grosse.

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urtheilten? Wenn auch das Aeußerste nicht geschehen ist, wird man Ihnen doch Sibirien anrechnen. Und jetzt diese Reise nach Moskau. Unzweifelhaft müssen Sie dem kaiserlichen Befehl gehorchen, und wir werden also zusammenreisen. Dennoch wünschte ich, dieß wäre Ihnen erspart geblieben."

Ich verstehe Sie," erwiederte Sherwood.Jene Familien haben gehorsame Diener und lange Arme. Aber wollen sie mir etwas anhaben, werden sie nicht bis Moskau warten. Uebrigens auch dagegen bin ich gerüstet und möchte es Niemand rathen, mit mir an­zubinden!" Dabei zog er aus der Brusttasche ein paar Pistolen hervor und ließ ihre Läufe im Sonnen­schein blitzen.Es ist gute englische Arbeit," sagte er,und für den allerschlimmsten Fall garantiren sie mir meine Freiheit."

Mit Interesse betrachtete ich die eleganten Waffen, die er mir willig überließ. Im Lause des Gesprächs, das sich noch um einzelne Personen drehte, legte ich später die Waffen neben mich aus die Bank.

Vor Allem fragte ich nach Wadkowski. Was war aus ihm geworden und aus seiner Frau?

Sie meinen Tatiana; ich habe Beide noch ge­sehen. Nachdem das Urtheil gesprochen, war es den Frauen nicht verwehrt, von ihren Gatten Abschied zu nehmen. Das geschah in der Regel auf dem Hofe der Festung, und ich war mit Absicht hin­gegangen, in der Hoffnung, Tatiana's mich an- Zunehmen. Aber ich traf sie nicht allein und ihr Blick schreckte mich zurück. Eine Menge der Depor- tirten wurde abgefertigt. Sie wies auf mich, und sofort wandten sich Aller Augen nach mir, dem Ge­zeichneten.

Mir war es unmöglich, ein Wort hervorzu­bringen. So viel ich in Erfahrung gebracht, war cs ihre Absicht, ihrem Gatten nach Sibirien zu folgen, wie auch die Fürstinnen Narischkin, Trubetzkoi und Andere, aber es war noch unbestimmt, ob ihnen diese Erlaubniß gewährt würde. Wenn ich jetzt etwas für sie thun könnte beim Kaiser, mit tausend Freuden. Ich fürchte, sie macht irgend einen verwegenen Streich, wenigstens hat sie sich genau nach der Straße er­kundigt, welche der Transport nehmen wird. Wenn ich ihr Glück zerstört habe, Gott möge es mir nicht anrechnen. O, es ist bitter, allein glücklich zu sein und so Viele im Elend zu sehen!

Solcher Kontrast lastet wie eine beständige Schuld aus mir. Wenn ich auch dem Menschenarm uner­reichbar, wer weiß, ob das Schicksal selbst nicht seine Donner schleudert, so oder so. Manchmal ist mir wunderlich zu Muth, als wenn Alles nur ein Traum wäre, dem ein furchtbares Erwachen folgen müßte."

Dann versank er wieder in brütendes Schweigen; ich fragte noch nach Komarow, Kraßnoselski, Davi- doff und Anderen, aber ich erhielt nur zerstreute und einsylbige Antwort.

Schon geraume Zeit vorher hatten die Glocken der Schloßkapelle begonnen zu läuten. Auch einige heranrafselnde Wagen ließen sich auf der unfernen Landstraße vernehmen. Jetzt wurde auch der alte

Kuzmin nebst anderen Bedienten auf dem breiten Kiesweg sichtbar, sie kamen uns zu suchen, denn man erwarte uns längst zum Kirchgang.

Sherwood erhob sich wie ein Schlafwandelnder und schritt an meinem Arm zum Schlosse zurück. Doch reichte der Weg für ihn hin, sich feiner düstern Stimmung zu entfchlagen und wieder die siegessrohe, männliche Haltung zu gewinnen. So trat er Nad- jeschda entgegen, die heute in schwarzer Seide prangte, ernst und feierlich, eher einer Aebtissin vergleichbar, als der jungen glücklichen Gattin eines eleganten, beneideten Gardeoffiziers.

Die Gesellschaft war nicht zahlreich, aber gewählt, größtentheils dieselben Personen, die ich früher bei Tatiana's Hochzeit kennen gelernt hatte; Gutsbesitzer, Beamte, würdige Matronen mit ihren Töchtern, auch der treffliche Jsprawnik aus der nächsten Kreisstadt, der damals als Wadkowski's Vater fungirt hatte, waren anwesend.

Alle neigten sich vor Sherwood mit unterthänig- ster Devotion, mit kriechender, ehrfurchtsvoller Höf­lichkeit, ja, sie buhlten um ein Wort, um einen Blick von ihm, denn der Protege des Kaisers war heut der Held des Tages. Es war daraus zu schließen, nicht nur daß übertriebene Gerüchte seines märchen­gleichen Glücks verbreitet sein mußten, sondern auch, daß das Geheimniß seines Verdienstes um Krone und Reich noch einstweilen gewahrt worden sei. Freilich schien es nur so. Wenn man genau be­obachtete, war in den liebenswürdigsten Worten etwas Unwahres, in den Augen etwas Forschendes, in den Komplimenten und Huldigungen etwas Zurückhalten­des und Bemessenes; in den entfernteren Gruppen flüsterte man leise und wechselte bezeichnende Blicke, aber im Ganzen blieb die Form gewahrt. Möglich auch, daß ich als Wissender mich in jenen Beobach­tungen und Eindrücken getäuscht habe.

Von der Ceremonie des Kirchgangs und des heiligen Abendmahls will ich hier nichts weiter be­richten. Gesang und Orgelklang thaten ihre Wirkung nicht minder wie die sinnreiche Rede des alten Wassili Smirnoff, der zum Schmuck seiner Predigt alle möglichen biblischen Bilder aneinanderreihte. Daniel in der Löwengrube wurde nicht weniger herangezogen als der Untergang der Rotte Korah, das Gleichniß vom getreuen Haushalter und die Heimkehr des verlorenen Sohnes, obwohl das Meiste nur mit gewaltsamer Deutung paßte.

Nach Schluß des feierlichen Gottesdienstes und der Spende des Sakraments folgte gegenseitige all­gemeine Umarmung. Selbst der alte Uschakoff schien unter dem Eindruck der Ehrfurcht und Huldigung, welche man Sherwood entgegenbrachte, heute erst völlig versöhnt zu sein. Er umarmte und küßte seinen Schwiegersohn, ja, er sprach es wiederholt in offenen Worten aus, wie geehrt und stolz er sich durch die Gnade des kaiserlichen Befehls fühle, den Ausländer in seine Familie anfzunehmen.

Diesen kordialen Ton behielt er auch im Laus des ganzen Tages bei, und ich mußte heute ent­schieden die Vermuthung zurückweisen, daß er etwa aus loyaler Unterwürfigkeit Verstellung übe. Er­wähnen will ich gleich, daß der alte Herr auch dieß-