Heft 
(1885) 41
Seite
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Deutsche Noman-Sibiiothek.

solcher gelte ich ihnen nnd der Nachwelt. Was liegt daran? Ich will es nun sein nnd tragen. Das Schwerste habe ich damals gebüßt. Wie soll ich Ihnen die Szene der letzten Tage beschreiben: diese Dolchstöße halber Worte, die Höllenpein anklagender, stummer Blicke, die höhnende Verachtung des Todes- muths. Nur ein Einziger hob beim Abschied die Hand; es war Bulgari; nie werde ich diesen furcht­baren Blick und sein letztes Wort vergessen: ,Dir kommt auch noch die Abrechnung, Judas. Du sollst verflucht sein bis an's Ende Deiner Tage!'

Damit schieden sie, die Verlorenen, die zum Tode verurtheilt blieben uvd ich! tausend Klafter tief hätte ich mich bergen können unter die Erde. Was hatte nun mein Schweigen geholfen, was mein Fußfall vor dem Kaiser? Alle schritten zum Tode unwiderruflich.

Und so mußte ich ausharren jene letzten Tage, bis Zum furchtbaren dreizehnten Juli. In der Nacht hörte ich, wie die Zimmerleute arbeiteten auf der Terrasse der Festung. Balken um Balken sah ich sich erheben in der grauen Luft. Oberst, in jener Nacht bin ich um Jahre gealtert. Ich bin mit dem Kopf gegen die Steine gerannt im Wahnsinn, bis ich bewußtlos umfiel. Erst im Tagesgrauen, beim Trommelwirbel der Truppen, kam ich wieder zu mir, aber ich wollte den Tag nicht überleben. Ich hatte ein Handtuch an das Fensterkreuz geschlungen. Der letzte Augenblick der Verurtheilten sollte auch der meine sein.

Da plötzlich rasseln die Schlüssel in der Thür. Es tritt Jemand in meine Zelle. Der alte General Diebitsch in eigener Person. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen.

,Sie find frei/ sagte er.

,Frei! Und warum hielt man mich gefangen?'

,Das wird der Kaiser wissen; vielleicht um Sie zu schützen.'

,Vor wem? Vor dem Minister Araktschejef?'

,Nein, Der hat aufgehört, Minister zu sein. Der Kaiser hat ihm seine Brutalität nicht vergeben, wie man sagt. Er ist abgereist. Ihnen aber kann man Glück wünschen.'

,,,Wozn?'

,Znm Fähnrichspatent, und da dieß zurückdatirt ist, find Sie heute zum Kapitän avancirt.'

,Und jene Vierzig sollten sterben! Ich danke dem Kaiser; aber ich brauche kein Patent, Herr General, ich brauche bald nichts mehr.'

,Tollkopf,' sagte Diebitsch, ,können Sie nichts abwarten? Der Kaiser hat nur fünf Todesurtheile bestätigt, Jener, die selbst Blut vergossen. Die Anderen sind zur Verschickung begnadigt. Das läßt Ihnen der Kaiser sagen. Müssen eine merkwürdige Sprache geführt haben, junger Mann, können eine schöne Zukunft vor sich haben, wenn Sie klug sind.'

Und so sprach er noch weiter mit gezwungener Höflichkeit, mit ironischer Herablassung; aber ich hörte nichts mehr davon, ich hörte nur das Gnadenwort, nur das eine erlösende, das mir selbst das Leben zurückgab. Ich bin damals auf die Kniee gesunken nnd habe gebetet für Kaiser Nikolaus!

Dann habe ich mich fortführen lassen, ich weiß

nicht wohin. Von der Exekution habe ich nichts gesehen, noch sehen wollen. Noch im selben Monat brachte man mir das Adelsdiplom und den neuen Ehrennamen, jetzt bin ich zum Stab versetzt worden.

Der Kaiser hat mich seit jenem Tage nicht wieder rufen lassen, aber er kennt mein ganzes Leben; dem General Diebitsch mußte ich Alles aus­führlich mittheilen. Auf kaiserlichen Befehl mußte ich endlich hieher reisen, und nun läßt er mich zur Krönung entbieten nach Moskau. Oberst, wenn ich Ihnen sagen könnte, was mir das bedeutet. Wie im Fluge werde ich von Höhen zu Höhen empor­getragen. Bisher wagte ich nicht daran zu denken, aber wenn es Wahrheit wäre, wenn mein Wort in des Kaisers Seele gefallen, wenn mein Flehen Er- hörung gefunden, wenn für Rußland wirklich ein neuer Tag, eine neue Zeit begänne, dann wäre auch meine Schuld gesühnt, dann hätte Niemand mehr ein Recht, mir zu fluchen, dann wird vielleicht mein Name gesegnet sein. Und seit gestern glaubte ich daran. Mit Nadja Alles, ohne sie Nichts! Dieß Vollgefühl, dieser Rausch auf des Lebens Höhe nach des Lebens Tiefen wie soll ich es tragen allein. Oberst, gestatten Sie mir, daß ich Sie meinen Freund nenne, meinen Vater und Bruder? Wir find Ihnen so viel Dank schuldig geworden. Sie haben mich aus dem Elend emporgezogen, nun Helsen Sie uns auch das Glück zusammen tragen!" Und der Erregte sank an meine Brust, ja, der wetterfeste Mensch brach in ein Schluchzen aus, daß ich selbst Mühe hatte, meine Fassung zu behaupten.

Ich will nicht leugnen, daß ich seine Kühnheit, seinen Freimuth und seinen Edelsinn bewunderte. Er hatte es also durchgesetzt, eine große Anzahl Unglücklicher vom schimpflichen Tode durch Henkers Hand zu erretten. Im Uebrigen gab er sich aber doch Illusionen hin, die beinahe Mitleid verdienten. Es war ja sonnenklar, man hatte das gefügige Werkzeug mit vollen Ehren, mit glänzenden Ver­heißungen belohnt, aber damit war er auch abge­funden. Nur ein Phantast, dem unsere russischen Verhältnisse fremd, hätte auf Weiteres hoffen können. War es schon ein halbes Wunder, daß er nach so vermessenen Worten vor dem Kaiser sich noch auf freiem Fuß befand, so wäre es vollends ein un­mögliches Wunder, wenn ein russischer Zar der Bahn des Selbstherrschers entsagen sollte, lediglich der Ver­wegenheit eines Abenteurers zuliebe. Das hält Nie­mand für denkbar, der Rußland kennt. Im Uebrigen bekränzt man auch wohl ein Opferthier, und sicher war sein Verderben entschieden, wenn er die still­schweigende Bedingung vergaß, sich künftig als mund- todt zu betrachten.

Alles dieses stellte ich ihm, als er meinen Rath verlangte, mit schonenden Worten vor. Ich wünschte ihm die Erfüllung seiner Hoffnungen, aber ich wies auch auf die Gefahren seines Pfades hin.

Gefahren, woher sollten sie kommen?" erwiederte er.Ich denke, mein Rang und Name ist jetzt mein Harnisch. Vom Minister habe ich nichts mehr zu fürchten, und das Militärkabinet gehorcht dem Kaiser, meinem Herrn. Er wird mich schützen."

Auch gegen die Rache der Verwandten der Ver-