Heft 
(1885) 41
Seite
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Sherwood von

der Selbstverwaltung. In Rußland ist der Wille des Kaisers das alleinige Gesetz, und dieser erhabene Wille war und ist gewiß gut, aber verzeihen Majestät er ist ohnmächtig. Denn die wahren Herren Rußlands sind tausend Tyrannen die Bojaren und Beamten. Diese geschlossene Phalanx steht zwischen dem Volk und dem Thron und ver­eitelt seinen Willen. Geben Sie dem Volk Theil an der Selbstregierung, lösen Sie es aus der Schmach vielhundertjähriger Sklaverei. Das russische Volk ist jugendlich und jugendstark, seine Liebe ist heißer als sein Haß. Geben Sie diesen Millionen ein menschen­würdiges Dasein o, daß mir ein Engel Worte liehe, Ihr Herz zu ergreifen. Und dann, Majestät, wenn Sie sich entschließen könnten, dieß Joch vom wunden Nacken des Volkes zu heben, dann würden Sie auch Mitleid und Gnade haben für jene Ver­führten !'

Mit Denen, die das Haus Romanoff ausrotten wollten, nimmermehr!' Und dabei schritt er Zum Schreibtisch, wo die verhünguißvolle Liste lag. Er nahm die Feder in die Hand, um zu unterzeichnen. Dabei wandte er noch einmal den Kopf zu mir. ,Gib Dir keine Mühe weiter. Wenn Du es nicht selbst gestanden, jetzt wüßte ich es auch Du ge­hörst Zu den Rebellen!'

,Ja, Majestät, zu den Rebellen gegen jene Mächte, die zwischen Ihnen und dem Volk stehen, nicht gegen Sie. Gern will ich wie ein Hund Wachen vor Ihrer Thür. Ich denke, ich habe es bewiesen, daß ich zweimal jene Anschläge aus das Leben Ihres erhabenen Vaters durchkreuzte und ablenkte. Strafen Sie die Schuldigen, die Blut vergossen haben, aber das sind nur Wenige. Alle Anderen sind, wenn nicht schuldlos, doch entschuldbar oder Ihr ganzes Volk müßte mitschuldig sein, weil es dieselbe Sehnsucht nach Erlösung und Befreiung hegt. Majestät sind stark und mächtig, die Zügel zu halten und Miß­brauch zu hindern. Majestät können auch ewige Nacht und Knechtschaft dekretiren, aber wähnen Sie nicht, damit den Vulkan zu löschen. Durch Ge­schlechter und Geschlechter wird diese verborgene Glut fortlodern und den Boden unterwühlen, um Ihren Nachfolger eines Tags versinken zu lassen. Die Völker vergessen nichts keine Wohlthat, aber auch keine Mißhandlung. Das ist keine Drohung, das ist die Lehre der Geschichte. Ich habe gesprochen, nun schicken Sie mich nach Sibirien!'

Der Kaiser war längst vom Schreibtisch zurück­getreten und machte einen Gang durch das Zimmer. Dann blieb er bei mir stehen und berührte meine Brust mit der Fahne der Feder, die er in der Hand hielt.

,Du hast gesprochen wie ein Engländer, darum vergebe ich Dir. Du kennst mein Volk nicht lerne es kennen und verstehen. Du wie die Anderen ihr sprecht von Freiheit! Ein schönes Wort. Was ist des Freiesten Freiheit? Recht zu thun! Und daran wird sie der König nicht hindern. Weit besser ist's, sie einzuengen, daß man sie wie Kinder halten kann; so sagt ein deutscher Dichter.'

,Ganz recht, Majestät, so spricht Herzog Alba, und in derselben Szene wird ihm geantwortet:Wer

Julius Grosse.

ein edles Roß reiten will, muß ihm seine Gedanken ablernen, muß nichts Unkluges von ihm verlangen." Und ein anderer deutscher Dichter sagt:Frei ist der Mensch, er ist frei und wär' er in Ketten ge­boren." Diese abzuschütteln war der Wahn jener Unglücklichen, und deßhalb zum Schaffst die edelste Jugend Ihres Reichs Majestät, es ist unmöglich, wenn ein menschliches Herz in Ihrer Brust schlägt, geben Sie Gnade!' und ich wagte einen Fußfall.

,Steh' aus!' rief der Kaiser, ,aus der Stelle, ich befehle es Dir!' Dann griff er zur Klingel und sofort trat General Diebitsch wieder ein.

,Ein feiner Vogel das, der sonderbare Lieder pfeift,' sagte der Kaiser. ,Sorgen Sie dafür, daß er einstweilen in Sicherheit bleibt. Dich werde ich noch weiter sprechen/ sagte er zu mir mit einem Tone, der plötzlich alle Schärfe verloren hatte. ,Ver­giß auch nicht, daß Deine Worte für Niemand ge­sprochen sind als für mich. Sei getreu, Sherwood. Auf Wiedersehen. Einstweilen bleibe ich noch in Deiner Schuld.'

Dann winkte er mit dem Kopfe, und wir waren entlasten, General Diebitsch und ich. Das heißt, entlassen war ich eigentlich nicht, man führte mich wieder in's Gefängniß auf die Peter-Paulsfestung, wo ich vorher fchon wochenlang sozusagen hospitirte."

Sie waren schon früher auf der Festung, und als Gefangener, wie hängt das zusammen?"

Richtig, auch das habe ich Ihnen nicht erzählt. Ja, schon seit Beginn der Untersuchung mußte ich mein Domizil beim Kommandanten der Festung nehmen. Man wollte mich immer bei der Hand haben als Zeuge bei den Untersuchungen. So war ich halb und halb Gefangener, auch wenn ich manche Freiheit hatte, unter Anderem die, zu schreiben. Von dort haben Sie meine Briefe erhalten. Das hatte nun ein Ende, jetzt wurde ich in strengeres Ge­wahrsam genommen, und deßhalb haben Sie nichts mehr von mir erfahren."

Aber in aller Welt, was war die Ursache?"

Darüber habe ich nur Vermuthungen; vielleicht glaubte man, ich sei von den reichen, großen Familien bestochen gewesen, nicht die volle Wahrheit auszu­sagen. Jetzt wurde auf kaiserlichen Befehl die ganze Untersuchung noch einmal revidirt, alle Tage wurde ich vorgeführt, abermals wurde ich konfrontirt mit Allen, wie schon früher. Ja, Herr Oberst, damals sah ich Alle wieder in Ketten: Juschnesski, Bulgari, Wadkowski, Murawieff, Pestel, Davidosf, Rylsjes, Trubetzkoi, Oblenski. Ich hätte Alle verderben können schon von Anfang an und tausend Andere aus hohen Familien. Das ist heute noch nicht bekannt und wird niemals bekannt werden. Ich habe geschwiegen, aber was half mir mein Schweigen jetzt, da sie sich Alle als verloren ansahen, bekannten sie Alles ganz offen. Mit dem Leugnen war es nun vorbei. Sie prahlten noch mit ihren Plänen, mit ihren schlauen Maßregeln und Listen. Und wurde ich ge­fragt, so blieb mir nichts übrig, als die Bestätigung. Das habe ich nach Pflicht gethan, ohne Neues hinzu- Zufügen oder neue Namen zu nennen. Leider half auch diese Schonung nicht mehr. Wußten sie doch Alle nun, daß ich der erste Verräther gewesen, als