Heft 
(1885) 41
Seite
978
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Deutsche Roman-Bibliothek.

.Wie meinst Du das?'

.Weil mir die Existenz in Rußland doch un­möglich gemacht werden wird?

Der Kaiser war inzwischen wieder eingetreten und stand in meiner Nähe. Offenbar hatte er Alles gehört.

.Der Mensch weiß nicht, was er wünscht? sagte er zu Diebitsch. ,Jn Sibirien würden sie ihn er­schlagen als Denunzianten. Dort ist er noch weniger geschützt als hier?

.Majestät!' rief ich, .ein Denunziant war ich; aber doch nur, weil es unvermeidlich und weil es meine Pflicht gebot. Beim Militäraufstand haben sie Alle sich selbst geliefert durch das vollbrachte Verbrechen. Seitdem ist nichts mehr anzuzeigen. Hätte man auf meine Warnungen gehört, hätte man die Mehrzahl abreisen lassen, als sie Urlaub ver­langten, wäre Pestel nicht verhaftet worden mit zwölf Kommandanten, sie würden sich nicht verrathen geglaubt haben, und der Aufstand wäre unterblieben vielleicht und nach menschlichem Ermessen?

.Ich weiß schon? sagte der Kaiser, ,es war eine Betise des Grafen, er hat Alles verdorben und nachher auch die Anderen; aber es ist gut, daß es so gekommen? Dann trat er näher zu mir und musterte mich abermals.

.Mensch, wer bist Du denn eigentlich? Erst denunziren und dann warnen, erst preisgeben und dann protegiren. Warum das?'

.Warum das, Majestät? Weil ich als Aus­länder anders über diese Vorgänge denke, weil ich zwar die Mittel verdamme, aber in den Wünschen und Plänen jener Unzufriedenen etwas Berechtigtes nicht verkennen kann, mit einem Wort: weil ich als Engländer und als Sohn eines freien Staats bis zu einem gewissen Punkt ihr Gesinnungsgenosse bin?

.Was soll das heißen?' rief der Kaiser mit drohendem Ton. .Erkläre Dich deutlicher!'

.Das würde ich nur wagen vor Eurer Majestät allein?

Der Kaiser sah mich wieder eine Weile schwei­gend an, dann gab er dem General Diebitsch einen Wink, sich zu entfernen, mir aber befahl er, nun­mehr frei zu reden.

Ich weiß nicht, Herr Oberst, was für ein Geist plötzlich über mich kam. Es war mir, als wenn der Genius Rußlands und feiner Zukunft in diesem Augenblicke zu mir träte und mir die heilige Mission gäbe, diese bedeutungsvolle Stunde zu ergreifen, mir Worte auf die Zunge legte, die ich heute nimmer­mehr wiederholen könnte. Was mir davon geblieben, ist nur wie die Erinnerung an einen Traum. Keiner Menschenseele als Ihnen möchte ich das vertrauen; ich weiß, Sie allein verkennen mich nicht."

Und als ich ihn mit einigen Worten ermuthigt, fuhr er fort:

,Ja, Majestät? sagte ich, .der Himmel hat mir einen Augenblick vergönnt, der nie im Leben wieder­kehrt. Und wenn ich mich um den Kopf rede, mag's sein. Jene Unglücklichen, die heute verurtheilt sind, gehören zu der Blüte Ihres Adels, es sind die Besten, die Hochgebildetsten Ihres Reichs; von ihrer Schuld kann sie Niemand freisprechen wollen, und

trotzdem wird man sie die Märtyrer einer großen Idee nennen, jener Freiheitsidee und Humanität, die den Völkern Europas die Fesseln gelöst hat und noch löst. Majestät, wenn Ihr Volk auch jetzt noch nicht reif ist, früher oder später wird die Stunde kommen, wo Sie selbst ihm die Ketten abnehmen möchten, auf daß Rußlands Völker ebenbürtig werden den anderen Nationen Europas?

.Phrasen!' unterbrach mich der Kaiser unge­duldig, .und mit solchen Gesinnungen konntest Du dennoch Verrath üben? Das verstehe ich nicht?

.Majestät haben Recht. Ich befand mich in unlösbarem Widerspruch. Aber was wie Verrath aussah, war doch nur Furcht vor dem Unberechen­baren. Wie ich schon andeutete, weil ich mit den Mitteln nicht einverstanden war, jene Ideale Zu er­zwingen, weil ich Mord, Aufstand und Umsturz für Verbrechen hielt. Greuel erzeugen nur neue Greuel und verwildern die Masse. Das wissen wir seit der französischen Revolution, die schließlich die Beute eines Tyrannen ward. Freilich war die Katastrophe dort unabwendbar, und ein Schuldloser hat die Sünder: der Väter büßen müssen mit Tausenden. Möglich, daß Rußland Aehnliches erlebt haben würde, und vor diesem Furchtbarsten wollte ich Sie bewahren?

Der Blick des Kaisers ruhte noch immer fragend und drohend auf mir, aber ich ließ mich nun nicht mehr einschüchtern.

,Ja, Majestät, wenn mir frei zu redeu erlaubt ist, möchte ich sagen: was jetzt im Werke war, ist unerledigt geblieben, aber jene Gefahren werden wiederkehren. Sie werden sie Niederschlagen ohne Zweifel, aber schließlich werden sie Ihnen über den Kopf wachsen, Ihnen oder Ihren Nachfolgern. Was dann geschehen wird, wer könnte es sagen, aber auch das Entsetzlichste wird dann nur als Folge gelten einer langen, schuldvollen Vergangenheit auch im Kaiserhause. Majestät! Wollen Sie blättern in diesem Schuldbuch? Sie können es verbieten, aber das Gedächtnis; des Volkes können Sie nicht zer­stören. Dort gedenkt man der Thaten Jwan's, des Todes Peter's III., des Endes des Prinzen in Schlüsselburg, auch Ihres eigenen erhabenen Vaters. Das Volk nennt das Palastrevolutionen, aber wenn es sieht, wie leicht Entschlossenheit und Gewalt trium- phiren konnten, so lernt es davon. Majestät, die Völker sind gelehrig im Guten, aber auch im Bösen!'

Der Kaiser hatte mich ruhig ausreden lassen, vielleicht überwog das Staunen seinen Zorn. Dann maß er mich abermals mit einem unsagbaren Blick.

.Und das Alles wagt mir ein Unteroffizier zu sagen?'

.Das sagt Ihnen ein Engländer, Majestät, der Sohn einer guten Familie und von guter Erziehung, ein Mann, der Ursache hatte, Rußland zu hassen und seinen Vater zu rächen, der das Opfer der Korruption geworden, und ein Mann, der dennoch alle seine Racheschwüre vergißt, wenn Majestät selbst sich entschließen könnten, die Hyder des Verderbens auszurotten.'

.Die alten Klagen leere Worte. Wo wäre da anzufangen, wo zu enden?'

.Anzufangen, Majestät, wäre mit der Freiheit