Sherivood von Julius Grosse.
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mit Nadja — auch hier. Es gibt solche Stationen des Lebensgeschicks, und ich weiß keine, die mir heiliger ist. Hier unter den Trauerweiden möchte ich einst begraben sein. Glauben Sie mir, ich denke jetzt häufiger an das Ende, als sonst."
Wir hatten Platz genommen im Schatten.
„Ehe ich Ihnen weiter erzähle," fuhr er fort, „muß ich auf Früheres zurückkommen. Sie erinnern sich vielleicht noch meines letzten Briefes aus Petersburg, ich konnte ihn damals nicht fertig schreiben."
„Ganz recht. Sie schlossen damit, daß Sie zum Kaiser Nikolaus berufen würden."
„Das war es — der verhängnißvollste Tag meines Lebens und der Wendepunkt meines Geschicks — der Weg zur Höhe — freilich nicht sofort, denn es lag noch ein Abgrund dazwischen, aber die Brücke war gefunden.
„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen geschrieben, daß der Gerichtshof an jenem Tage gegen vierzig der gefangenen Offiziere zum Tode verurtheilt hatte. Ich wußte, daß das Urtheil dem Kaiser zur Bestätigung vorlag.
„Was soll ich Ihnen erzählen, wie man mich erst zum Michaelowskipalast, dann zum Winterpalast geführt. Kaiser Nikolaus bewohnte einen andern Theil desselben als Alexander. Wie lebhaft mußte ich an die erste Audienz vor einem Jahre denken, und wie ganz anders kam Alles dießmal.
„Von Araktschejes war dießmal nichts zu sehen, nur einige Adjutanten befanden sich in den Vorzimmern, und im Audienzsaal trat mir General Die- bitsch entgegen. Ihm allein sollte ich Rede und Antwort stehen, das sah ich nun wohl. Kaiser Nikolaus war gleichsam nur als Zeuge anwesend, er kam ab und zu, hielt sich einige Augenblicke auf und verschwand dann wieder.
„Dabei sah ich gelegentlich in seiner Hand eine Schrift, die er aufmerksam betrachtete und dann aus einen Schreibtisch legte.
„Ich weiß nicht, durch welche Jdeenverbindung ich errieth, daß dieß die Liste der Verurtheilten sein müsse; vielleicht durch seine Unruhe.
„Sie wundern sich über diese seltsame Art des Kaisers, doch bedenken Sie, an welchem verhängniß- vollen Tage es war. Uebrigens wußte ich von Anderen bereits, daß es so seine Manier, und zwar durchgängig. Die meisten von den Gefangenen ließ er sich persönlich vorführen, um sich selbst Zu instrniren und in eigener Person zu inquiriren. Ich gehörte nun allerdings nicht zu den Angeklagten — zu den Vornehmen — desto schlimmer für mich.
„Das letzte Mal maß mich der Kaiser, während er auf der Schwelle stand — Sie kennen seine herkulische Gestalt, seine majestätische Stirn, seine metallischen, stahlblauen Augen — er maß mich vom Scheitel zu den Zehen, so von oben herab, wie eine erbärmliche Kreatur, deren Nähe man scheut. O, er behandelte mich mit unglaublicher Verachtung.
„Dann sagte er Zn Diebitsch auf deutsch — Sie wissen, der General stammt aus deutschem Hause —: ,Ein miserables Subjekt. Erst denunziren, dam: warnen, dann abermals denunziren — aber wir sind
Deutsche Romaii-Viblioihek. XII. 21.
in seiner Schuld und ich will mir nichts schenken lassen. Fragen Sie ihn, was er eigentlich wünscht und wie wir uns absurden können? Dabei legte er die Rolle auf den Schreibtisch.
„General Diebitsch aber wandte sich zu mir: ,Du hast durch Deine Anzeige und Deine Ueber- wachnng der Regierung einen Dienst erwiesen. Das Reich ist Dir Dank schuldig geworden. Seine Majestät läßt Dich fragen, welche Belohnung Du verlangst!'
„Setzen Sie sich in meine Lage, Herr Oberst. Ich fühlte mich von der wegwerfenden Art des Kaisers wie vom Donner gerührt. Ich meinte doch, daß er mir die Erhaltung seines Lebens und seines Thrones zum Theil zu danken habe, aber vielleicht wußte er nichts davon. Hundert Fragen schwebten mir auf der Zunge, aber ich brachte keine einzige hervor. Und dann die Ablehnung. Was sollte ich verlangen? Das Höchste wie das Geringste schien mir jetzt nichtswürdig. Mein Stolz war erwacht, und so fand ich den einzigen Ausweg. Ohne mich weiter zu bedenken sagte ich: ,Herr General, so viel ich weiß, sind heut sechsunddreißig Offiziere zum Tode verurtheilt worden?
„,So ist es? erwiederte er. ,Was willst Du damit sagen?'
„,Wenn mir Seine Majestät einen Dank erweisen will, so bitte ich darum, daß er mich wieder ehrlich mache vor der Welt?
„,Und wie kann das geschehen?'
„.Dadurch, daß er mir das Leben dieser Verurtheilten schenkt?
„Bei diesen Worten wandte sich der Kaiser rasch um und ein durchbohrender Blick traf mich aus seinen Augen, die vor Zorn funkelten. Dann ging er rasch fort, blieb aber im nächsten Zimmer.
„General Diebitsch aber strich sich den Bart und runzelte die Stirn. Mensch, es scheint, Du willst mit uns dasselbe Spiel treiben wie mit Excellenz Araktschejes. Ich möchte Dich warnen. Die Schuldigen sind nach dem Landesgesetz verurtheilt, und die hohe Kommission kann nach so sorgfältiger Untersuchung nicht irren. Im Gegentheil, es sind noch Viele durchgeschlüpft, und die meisten Anderen, die Zur Verbannung verurtheilt sind, legten sich auf's Leugnen. Der Kaiser ist höchst unzufrieden mit diesem Ausgang. Er wünscht ausdrücklich, daß die Untersuchung wieder ausgenommen und weitergeführt werde. Vieles würde erleichtert, wenn die Vergangenheit völlig klargestellt wäre, bis zum französischen Kriege zurück. Dort fing das Unheil an. Kaiser Alexander hat mehr gewußt. Wo ist die Hauptliste geblieben?'
„ ,Jch gab sie vor einem Jahre Seiner Majestät dem Kaiser; er hat sie verbrannt?
„,Wir hörten davon, aber man hat es nicht glauben wollen. Du aber könntest sie wieder Herstellen, wenn Du wolltest?
„,Das werde ich nie thnn, auch wem: es nicht völlig unnütz wäre?
„,So wird man Dich als Complicen behandeln. Hast Du große Sehnsucht nach Sibirien?'
„,Das Alles steht bei der Gnade Seiner Majestät. Uebrigens würde mir Sibirien eine Wohlthat sein?
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