Heft 
(1885) 41
Seite
976
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976

Deutsche Noman-Bibliothek.

Roman

von

JuLirrs Krrosse.

(Fortsetzung.)

Sechstes Wuch.

s war zu früher Morgenstunde des folgenden Tags, als ich in den weitläufigen Park hinunterging, der für mich noch das volle Interesse der Neuheit besaß; Zuvor hatte ich ihn nur im Winter gesehen.

Jetzt schmückte ihn der ganze Zauber des Hochsommers, und ein wolkenloser, würziger Morgen war über ihn gebreitet. Schattig wie ein Kirchenschiff empfingen mich hohe Eschenalleen mit herrlichem Ausblick auf den blitzenden Wellcnspiegel des Sees und auf die blauen Fernen der Haide. Die glanzen­den Blätter der Eschen und Birken standen reglos in der windstillen Luft. Heber Felder und Wiesen her wehte ein süßer, betäubender Duft von frischem Heu, wie von Blumen und Korn. In den hohen Wipfeln des Laub- und Nadelholzes hielten Drosseln und Finken noch ihr Morgenkonzert, während über den Wasserspiegel des Sees die Schwalben strichen und Schwärme von Mücken im Sonnendnft tanzten. Als ich weiter ging, wurde die Aussicht noch freier.

Am Horizont verschwamm die unermeßliche Haide in braunem Dunst, nach rückwärts tauchten aus Tannen und Fichten die goldenen Kuppeln der Schloß­kapelle und die grünen Dächer des Herrenhauses ans. Vor mir wehte das Schilf des Teichs, um den sich ein anmuthiger, abwechselnder Pfad schlang.

Hier erwartete ich Sherwood.

Was hatte er mir noch sagen wollen, sagen könnend Dieser Mensch hatte nach seiner Pflicht den Denunzianten gespielt und war fürstlich belohnt worden. In diesem Zusammenhang war keine Lücke. Indes; interessirte cs mich. Spezielleres über das Schicksal einzelner der Verurtheilten zu erfahren. Was war aus so Manchen geworden, jener Vor­nehmen, Hochgestellten, Reichbegüterten, die nun einen; hoffnungslosen Geschick verfallen waren? Vielleicht konnte er nur Auskunft ertheilen.

Sherwood ließ nicht lange ans sich warten. Er war schon stundenlang vor mir ans dem Platze ge­wesen und kam jetzt in einem leichten Ruderboot von einer Wassersahrt zurück, die er zu den Inseln unter­nommen.

Wie er so heranruderte, die Stirn heiter, das Auge klar, die Haltung frei und sicher, bot er das Bild eines männlich-schönen Kavaliers. Als ich ihm das scherzend anssprach, während er das Boot an­legte und an's Land sprang, erwiederte er lachend:

Danke für Ihr Kompliment, Herr Oberst, aber Sie müssen das lieber meiner Frau sagen." Dann gab er nur die Hand.Es ist wahr," fuhr er fort,seit gestern fühle ich mich wie neugeboren; ich fange wieder an zu hoffen und zu glauben. Bis gestern war ich ein Verlorener, Alles, was ich er­rungen, galt doch nur wie Nichts. Ich selbst hielt mich für einen Infamen, dessen Name gebrandmarkt für ewige Zeiten. Nun ist's, als wenn der Fluch von mir genommen. Die Furien sind entwichen von der Schwelle des Hauses, und Alles durch ihr Wort allein. Wenn ich sie nur glücklich mache, wie sie es verdient.

Sie glauben nicht, Oberst, wie voll mir die Brust ist, ich könnte weinen wie ein Kind. Menschen­glück Lebenshöhe ja, so sieht's ans; wenn ich sie nicht behaupten kann in Zukunft, möchte ich lieber heute sterben. So glücklich werde ich nie wieder sein!"

Und so schritt er neben mir hin.

Was wollten Sie mir eigentlich sagend" fragte ich endlich.

Die Hauptsache, Herr Oberst!" rief er.Sie wissen ja eigentlich gar nicht, wie ich Zu Allem ge­kommen bin, zum Ossizierspatent, Zum Adelsdiplom, zun; Ehrennamen. Das war doch höchst merkwürdig. Und dann betrifft es auch die Zukunft. Sie kann groß, heroisch, unvergleichlich werden, nicht bloß für mich allein, nein, für Millionen, für ganz Rußland. Ich sage Ihnen, mich saßt es wie ein Schwindel, wie ein Rausch, wenn ich nur daran denke. Ich wollte selbst nicht daran glauben, aber jetzt werde ich nach Moskau berufen und Alles kann Wahrheit werden! Aber dazu bedarf ich Ihres Rathes!"

Ich mußte diesen Menschen immer von Neuen; betrachten. War das ein Rasender, ein Komödiant, ein Sclbstbetrügerd Unmöglich. Er sprach mit sieges­gewisser Ruhe und stolzer Bescheidenheit. Meine Erwartung war auf das Höchste gespannt.

Wir machten noch einige Schritte am Wasser hin, bis wir zu einer Art Bucht kamen.

Im Schatten hoher Tannen und Trauerweiden stand eine Bank aus Banmzweigen. Es war ein reizender, versteckter Platz. Die blauschillernden Li­bellen flogen in; Sonuenglanz. Ueber die Wasser­linsen huschten langbeinige Spinnen, und wo die Wasserfläche frei 'war, zuckten ab und zu Goldfische zur Oberfläche empor.

Lassen Sie uns hier bleiben," sagte Sherwood. Dieser Platz ist mir bedeutungsvoll. Ans dieser Bank erwartete mich einst Tatiana in jener Sommer­nacht, und am Tage darauf kam es zur Erklärung