Heft 
(1885) 48
Seite
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Deutsche Noman-Sibliothek.

nach dieser Seite hin Hab' ich Zu beschwichtigen, zu ermahnen und komme in diesem Konflikt ganz aus meiner Ruhe.

Wer hätte das gedacht? Meta ist entflohen, entführt worden von jenem Holder. Ein Brief, den sie zurückgelaffen, erklärt Alles rechtfertigt Alles, muß ich leider sagen. Sie mußte fliehen, sie mußte sich ihm ausliefern, damit er ihre Ehre rette der leichtsinnige, infame Mensch! Friederike will nichts mehr von der Unglücklichen hören; ihr Name möge nicht mehr genannt werden, hat sie gebeten. Diese unnatürliche Härte schneidet mir in's Herz; das Kind ist in meinem Hause neben Arthur groß geworden; ich kann's nicht über mich gewinnen, sie aus den Augen Zu verlieren. Nach der Schweiz ist sie mit ihm. Wenn ich sie richtig kenne, wird sie nicht lange schweigen.

Briefe sind an Friederike gekommen und von ihr nneröffnet Zurückgesandt worden. Ich habe nichts davon erfahren; seit dem Unglück ist die Schwester wie starr; nur das Nothwendigste kommt über ihre Lippen. Endlich wendet sich Holder an mich. Schwer genug mag's ihm geworden sein. Ein lamentabler Brief, fürwahr! Das Kindchen ist da und es fehlt an Allem. Vis Zum Letzten hat er's kommen lassen, eh' er sich demüthigte. Was sage ich, demüthigte? Genau besehen, ist verzweifelt wenig von Demuth in seiner Epistel zu finden. Das Schicksal klagt er an. So machen's alle Lumpen. Hin und her ist er mit ihr gezogen, heute hier, morgen dort gewesen. Arme Meta! Zwischen den Zeilen les' ich, daß er sich allenthalben nach kurzer Zeit mit den Leuten Überwürfen hat, die ihm Brod gaben. Was nützt ein Talent, wie er's haben soll, wenn man nicht versteht, es dem Bedarf anzupassen? Mit dem Künstlerstolz und dem Brüten über künftigen großen Werken kann man keine Frau ernähren. Und nun noch ein Kind dazu! Ich muß mich in's Mittel legen; darben soll Meta wenigstens nicht.

Znm Alten wendet sich Alles zurück; mir sogar, dem verschrieenen Reaktionär, bietet man Ehrenstellen an. Das Geschäft lebt wieder aus; alle meine Unternehmungen bringen Gewinn. Ich sollte zu­frieden sein; was kann ich von der Gegenwart mehr verlangen? Doch ist's merkwürdig: mir will die Ruhe, die bequeme Fahrt nicht behagen; wohler war mir's auf bewegter See. Es wird schläfrig um mich her; auch mir ist's, als ob ich mit halb­geschlossenen Lidern lebte. Arthur's Spur Hab' ich verloren; mit keinem seiner früheren Freunde korrespondirt er; ich weiß nur, daß er sich nicht mehr in Charleston befindet. Nun, wo er auch sein mag, er steht in Gottes Hand. Ich muß stille halten und warten.

Heute wird Arthur fünfundzwanzig Jahre alt. Es ist seltsam, wie kurz mein Gedächtniß geworden ist. Ich kann mir nicht mehr vergegenwärtigen, wie mir bei seiner Ankunft auf Erden Zu Mnthe war.

Wahrscheinlich wallte es damals in mir auf von Glückseligkeit, von Dankbarkeit gegen den Höchsten für das Geschenk eines männlichen Erben, von über­schwenglichen Hoffnungen für die Zukunft. Gewiß, so muß es gewesen sein. Und jetzt? Die Freu­den des Lebens vergehen rascher als Blumen; wenn man sich einmal wieder an ihnen laben möchte, sind sie Staub und Asche geworden, und keine Kunst kann die verflogenen Atome des Dufts und der Farbe in die Form zaubern, die von der Erinnerung bewahrt wird. Fünfundzwanzig Jahre! So viel ist's, und doch wieder so wenig! Gerade gestern ist mir erzählt worden, daß Arthur an der Spitze eines Geschäftes in New-Orleans steht. Er hat Carriöre gemacht; Gott sei Lob und Dank dafür! Gestern Abend war mir's so, als ob es an der Zeit sei, den Trotzkopf an alte Liebe zu mahnen. Nach der Arbeitszeit blieb ich allein aus dem Comptoir und tauchte muthig die Feder ein; aber die Tinte darin trocknete ein und das Papier blieb weiß. Tausend Gedanken, tausend Wendungen schwirrten vor mir ans und ich konnte keine einzige gebrauchen. Friederike kam und fragte unwirsch, ob das Abend­essen etwa bis in den neuen Tag hinein auf mich warten solle. Es war nahe an Mitternacht. Da stand ich seufzend auf und werde schwerlich den Ver­such wiederholen.

Friederikens Tochter ist gestorben. Uns sei die Hauptschuld an ihrem frühen Tode beizumessen, schreibt Holder. Der Unverschämte! Meta war immer ein weichherziges Kind, es ist wahr; der Mutter Härte mag ihr Kummer genug verursacht haben; aber dieses Ende hätte auch die größte Milde unsererseits schwerlich verhüten können. Es ist schwer zu glauben, daß ihre kurze Ehe eine glück­liche gewesen ist. Aus einer Verletzung von Zucht und Sitte kann kein häusliches Glück entstehen. Und wir konnten das Geschehene nicht ungeschehen machen. Es muß Jeder doch die Folgen seiner Handlungen tragen; so will es die sittliche Weltordnung. Friederike treibt sich unstät im Hause umher, schweig­samer als je, putzt mit trockenen Lappen an altem Hausrath und macht ein grimmiges Gesicht, wie ihre Weise ist, wenn etwas sie innerlich stark bewegt. Als ich ihr sagte, ich wolle morgen zum Begräbniß reisen, erwiederte sie nichts; aber soeben finde ich meinen Handkoffer fertig gepackt im Schlafzimmer. Lieber reiste ich nach Lappland; heftige Emotionen Wersen mich auf lange Zeit aus dem Gleichgewicht.

-i-

Die Auseinandersetzung mit Holder ist glimpf­licher abgelaufen, als ich erwartet hatte. Mit Vor­würfen haben wir uns gegenseitig verschont; auch stand mir wahrhaftig nicht der Mund darnach. Holder verweigerte in albernem Trotz, von mir eine Summe zur Bestreitung der Kosten anzunehmen, die Arzt und Bestattung verursacht hatten. Ich habe das Geld der kleinen Klara beim Abschied in die Wiege gelegt; nun braucht er mir nicht zu danken. Eine neu gegründete Aktiengesellschaft für Tapeten- sabrikation in Lüttich sucht Holder zu gewinnen;