Deutsche Noman-Sibliothek.
gab. Nun war freilich Arthur dieser Liebhaberei nie Zugethan gewesen; jetzt aber schien ihm die Jagd aus Forellen kein übler Zeitvertreib in Ermanglung eines bessern. Gleich nach seiner Ankunft hatte er einige nothwendige Briefe geschrieben — den einen nach New-Aork, den andern an den Prokuristen im Geschäfte seines Vaters — und nun sah er die Langeweile heranschleichen und konnte sich ausrcchnen, daß sie ihn spätestens am nächsten Morgen nach dem Kaffee beim Schopfe haben werde. Da war's das Beste, was er thnn konnte, daß er eine Einladung des Engländers annahm, bei einer Bootfahrt über den See morgen früh sein Genosse zu sein. —
Wo auch der Frühling einziehen mag, seine ersten Werke erscheinen immer als Wunder. Am deutlichsten aber erkennt man in ihm den großen Magier, wenn er unter den Augen des langsam nordwärts abrückenden Winters seine Künste prodn- zirt. So that er in Lugano, als Arthur daselbst gezwungenermaßen seinen Aufenthalt nahm.
Noch hing tief über den Kuppen der Tessiner Alpen die Schleppe vom Gewände des grimmen Herrschers aus der arktischen Zone, und jeden Augenblick tonnte er das Haupt zurückwenden und seinen eisigen Athen: in die eben verlassenen Thäler Hinabblasen. Dennoch drängten sich schon rings um den See die Blütenknospen mit unvorsichtiger Hast aus den Aeuglein an den Baumzweigen. Und aus den südlichen Hängen der Bergkette, die um das User strich, lagen schon hellgrüne Teppiche ausgebreitet, große und kleine, alle mit zierlicher Buntstickerei versehen. Unten auf dem See, wo Arthur fuhr, sah es aus, als ob diese Pntzstücke, mit denen die erwachende Natur sich eiligst ausstassirt hatte, keinen Halt an den kahlen Felswänden fänden und mit dem nächsten Lufthanch davonflattern würden.
Arthur, bequem in der Barke liegend, die sein neuer Bekannter mit langen Ruderschlägen nach Cavrino Hinübertrieb, schaute fleißig um sich. Es war doch recht hübsch um das langgestreckte Becken des blauen Sees, namentlich jetzt, da der Frühling begonnen hatte, das Bild mit leuchtenden Farben zu koloriren! Häufig genug hatte Arthur in Amerika Gelegenheit gehabt, das Ansleben der Natur ans ihrer Winterstarre zu beobachten; aber er hatte sie nicht benützt. Was konnte ihm auch die Natur sein, ihm, bei dem sich jedes Ding erst durch seine Nützlichkeit legitimiren mußte, um einen Anspruch auf sein Interesse zu gewinnen! Acker, Feld und Garten betrachtete er nur als eine Art von Maschinerie, welcher der Siedler Zn einer gewissen Zeit im Jahre die Aussaat übergibt, um sie später als Ernte hundertfältig zurückzuempfangen. Während der Regen in der Erde die ausgestreuten Körner feuchtete, die Wärme den Keim emportricb und das Licht die ersten Blättchen grün färbte; während der Blütenstaub in feinen Wolken befruchtend von Aehre zu Aehre wehte und an der Baumwollstaude die faserreichen Kapseln anschossen; während endlich die Halme hart wurden und die sruchtschweren Köpfe senkten, aus den berstenden Kapseln glänzendweiße Pflanzenwolle brach und in den versteckten Maiskolben Korn neben Morn schwoll; während all' dieser Vorgänge in der
Natur vom Frühjahr bis Zum Herbst, die für den letzten Menschen noch so geheimnißvoll sein werden, wie sie es für den ersten gewesen sind, war es lediglich die Frage nach dem muthmaßlichen Ertrage des bebauten Landes, welche Arthur beschäftigte. Die Witterungsberichte aus Osten und Süden, die sich Morgens aus seinem Schreibtische sammelten, setzte er mit wohlgeschulter Phantasie in Ziffern um. Bei ihm, dem Kaufmann, wurde Alles zur Ziffer: der Wolkenbruch, die Dürre, der Wirbelsturm, das Erdbeben.
Auf der Reise aber war Arthur unvermerkt sein ganzer Zissernvorrath aus dem Kopfe abhanden gekommen, und was er jetzt sah, wollte sich nicht in Ziffern umsetzen lassen. Seltsame Gedanken schwirrten dem Müßigen in's Hirn und versuchten dort zu nisten. „Welch' unvernünftig zärtliche Mutter ist doch diese alte Erde!" dachte Arthur. „Jeden Keim, der in ihren Schooß fällt, müht sie sich zu entwickeln; Allem, was nur eine Spur von Leben in sich hat, sei sie auch noch so tief verborgen, widmet sie gleiche Sorgfalt. Von einem Nutzen aber des Wachsenden und Werdenden, von einem Nutzen im Sinne der Menschen weiß sie nichts, gar nichts!"
Schweigsam fuhr Arthur dahin, und es war ihm, als ob irgendwo auch in seinem Innern ein tief versteckter Keim sich leise regte. Unweit Caprino zog der Engländer die Riemen ein und holte sein Angel- gerüth hervor. Arthur war die Lust zum Fischen vergangen; er bat, an's Land gesetzt zu werden. An den faltenreichen Bergen kletterte er in die Höhe, die sich neben Caprino in den See schieben, an zahlreichen Grotten vorüber, hinter denen in wohlverschlossenen Felsenkellern die vermögenden Einwohner von Lugano ihre Weinvorräthe ausbewahren. Rüstig stieg er aufwärts; die Bewegung gewährte ihm einen ungeahnten Genuß. Oben stand er still und trocknete die heiße Stirne. Linde fächelte ihn die Lust, wie etwas Lebendiges, das ihn koste. „Ist- es doch gerade," rief er aus, „als ob auch ich zum Blühen gebracht werden sollte!"
Nachdem der Wanderer Umschau gehalten, stieg er gemächlich hinab zu dem kleinen Orte. Unterwegs summte er ein altes deutsches Volkslied vor sich hin, an das er seit seinen Knabenjahren nicht wieder gedacht hatte. Woher es ihm jetzt aus einmal in den Sinn kam, bemühte er sich vergeblich zu ergründen. Vor einer Osteria pries ein ansgehängtes Schild den rothen Wein von Asti, der daselbst zu haben sei. Arthur nahm Platz in der noch kahlen Pergola und ließ sich von der Wirthin mit dem berühmten Getränk bedienen. Sie war eine junge Frau, eine Schweizerin aus einem der Urkantone. Ab- und zugehend, trug sie ihren jüngster: Buben aus dem Arme mit sich umher, ein rundes, blühendes Geschöpf, das von der Mutter das blonde Haar, vom italienischen Vater die dunklen Augen hatte. Mutter und Kind waren von heiterer Gemüthsart, lachend wie der sonnige Tag. Der Kleine lallte dem Fremden entgegen, in dem er den Vater zu sehen glaubte; ehe er sich's versah, hatte ihm die Frau den Blondkopf auf den Schooß gesetzt, und ein Paar allerliebste Händchen, jedes mit vier Grübchen über den Fingerwurzeln, tasteten ihm nach Uhrkette und Bart.