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Deutsche Roman-Bibliothek.
Herr Klaus," fragte sie, „daß aus dem alten Hause werden wird?"
Hermann Klaus stand vor ihr still, knöpfte seinen Nock wieder ans und fuhr mit den Händen in die Hosentaschen. „Was werden wird?" wiederholte er. Dann führte er eine Hand geschlossen vor den Mund, blies daraus und spreizte die Finger auseinander. „Das wird daraus!" sagte er bestimmt. „In den Wind geht's!"
„Du lieber Gott! Und was wird aus uns?"
„Wir suchen uns einen andern Platz, Mamsell Doris! Eine Veränderung wird uns gut thun!"
„In meinen Jahren! Das kann Ihr Ernst nicht sein. Ich dachte —"
„Herr Arthur werde sich in das Nest hiueinsetzen, das der Urgroßvater gebaut hat und die beiden folgenden Generationen ausgesüttert haben — das dachten Sie. Mamsell Doris, Sie kennen die heutige Welt nicht. Womit der Vater prunkte, darüber rümpft der Sohn die Nase, vollends einer, der in Amerika zum Krösus geworden ist. Wir kennen diese Art, die alle unsere Einrichtungen als veraltet bemängelt; Herr Arthur wird auch keine Ausnahme davon machen. Sie sollen sehen, Mamsell Doris: es kommt Alles unter den Hammer, Schiffe, Maaren, Haus und Gerätst, so rasch, wie es nur dem Auktionator handlich gemacht werden kann. Ja, wenn der junge Herr noch ein Herz für die Heimat behalten hätte! Aber wir wissen ja, wie's damit aussieht; er hat's in all' den Jahren nicht einmal über sich gewonnen, sich mit seinem Vater, dem seligen Herrn Ueberweg, auszusöhnen!"
„Da möchte man am liebsten gleich aus dem Hause lausen!" rief Mamsell Doris aus.
Herr Klaus knöpfte lächelnd seinen Rock wieder Zu. „Sie vergessen das Fräulein," sagte er überlegen. „So lange das alte Wesen hier noch zusammenhält, darf Fräulein Holder nichts von der bevorstehenden Auflösung merken. Solch' ein armes Ding, das nicht weiß, wohin, wenn hier die Herrlichkeit zu Ende ist! Zum Vater kann sie nicht, dem verkommenen Subjekt, der ihr eine Stiefmutter gegeben hat, die keine ist. Und ein junges Frauenzimmer, das weiter nichts hat als wirthschaftlichen Sinn und guten Willen, findet heutzutage nur schwer eine Stelle zum Unterkriechen, die ihr ein bischen Freiheit läßt. Es sollte ein wackerer Mann ein Einsehen haben, Mamsell Doris, und Fräulein Klara zu seiner Hausfrau machen. Darüber, daß sie nicht so gerade gewachsen ist wie ein Lineal, ließe sich am Ende hinwegkommen, wenn man bedenkt, daß man ein gutes Werk an ihr thäte, das sie mit lebenslanger Dankbarkeit lohnen müßte. Was meinen Sie, Mamsell Doris?"
Und Herr Klaus begann seinen Rock wieder auszuknöpfen, besann sich aber, legte die Hände aus den Rücken und verfolgte auf der neben ihm hängenden Wandkarte aufmerksam die Route Basel-Franksurt- Hannover, wobei er angenehme Gedanken haben mochte, denn er schmunzelte wie ein Mensch, der einen guten Entschluß gefaßt hat und sich dafür belobt.
Die Beschließerin wußte nicht recht, wie sie die ^ Aeußerungen des kleinen Herrn zu deuten hatte. ^
„Das Heirathen," sagte sie, „gewährt einem Mädchen auch nicht immer die beste Unterkunft. Die Eine trifft's gut, die Andere nicht. Auch der ledige Stand hat seine Vorzüge, Herr Klans. Was aber das Fräulein anbetrifft, unser Fräulein Holder, so ist die viel zu gut, um bloß aus Barmherzigkeit ge- heirathet zu werden, und viel zu klug, um Jemand zu nehmen, der überhaupt sieht, daß sie anders gewachsen ist wie die Engel im Himmel. Lieb aber wäre mir's doch, sie hätte geschrieben," fuhr Mamsell Doris fort, wieder an die Angelegenheit denkend, die ihr zunächst am Herzen lag. „Wenn man der Familie so lange gedient hat wie ich, so möchte man bei einem Ereigniß wie dem heutigen auch gern seine Anhänglichkeit zeigen und nicht nur stumm und neugierig beiseite stehen wie ein unvernünftiges Thier, das nicht über den Futtertrog hinausdenkt. Unsereins muß aber immer fürchten, in bester Absicht etwas Unrichtiges zu thuu."
Die Geduld des Herrn Klaus schien erschöpft zu sein, denn er war während der Auslassungen der treuen Dienerin an's Pult getreten und hatte die Feder ergriffen. „Sie kennen meine Meinung, Mamsell Doris," erwiederte er obenhin und begann gleichzeitig zu schreiben. „Ich kann nichts weiter für Sie thun."
Seufzend entfernte sich die Beschließerin; der Rath, den sie empfangen hatte, war doch anders ausgefallen, als sie, ohne es zu wissen, erwartet haben mochte. Herr Hermann Klaus aber knöpfte noch manches Mal seinen Rock aus und wieder zu, bis die Stunde herankam, die ihn zum Bahnhof rief. Wie ein Reichsverweser kam er sich vor, der im Begriff steht, das lange geführte Szepter abzngeben und in den Schatten zurückzutreten. Heute noch war er der Repräsentant einer großen Firma gewesen, an dessen Mienen die Augen zahlreicher Untergebener respektvoll hingen; morgen würde er selbst Untergebener sein und sein Wort, seine Meinung nichts mehr gelten. Und wenn er später einmal als simpler Hermann Klaus an der Börse erschien, für sich mit erspartem Kapital einen kleinen Handel beginnend, dann beugte sich Niemand vor dem eben aufgegangenen Lichtlein, Niemand kam und bot die Hand zu vor- theilhasten Unternehmungen, kein Grüuderkomite re- servirte ihm eine Anzahl von Aktien!
Als die rothen Augen der Lokomotive an der nächsten Kurve erschienen, nahm sich der Prokurist zusammen. „Es muß einmal durchgemacht werden," sagte er zu sich selbst und stemmte'den Regenschirm fest vor sich aus den Boden. Zischend fuhr die Lokomotive an ihm vorbei; er hatte noch so viel überschüssige Aufmerksamkeit für Nebendinge, daß er den Namen daran ablas. Dann sah er plötzlich in einem Coupkfenster das Gesicht Klara's. Vorüber rollte der Wagen; die Menge um ihn drängte eilig nach allen Seiten und ließ ihn nicht folgen. Klara stieg aus, ohne daß er ihr behülslich sein konnte. Nun blieb er stehen, um den Sohn und Erben seines verstorbenen Chefs erst zu betrachten, ehe er die Reisenden begrüßte.
Das also war Arthur Ueberweg, der Millionär aus New-Iork! Ein mittelgroßer, schlanker, blasser