Siete des Lebens von W. öerger.
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Herr mit dunklem Schnurrbart und durchdringenden Augen, der mühsam, von Klara unterstützt, auf den Perron hinabkletterte und sich mit Hülfe eines Stockes schleppend weiterbewegte, ein siecher, lahmer Mann! Da hatte der Himmel wieder einmal recht sichtlich die ewige Gerechtigkeit walten lassen, meinte Hermann Klaus, und den Reichen am Leibe geschlagen, damit er nicht gar Zu viel vor dem Armen voraus habe. Und in Hermann's Schätzung verringerte sich der Abstand zwischen ihm und dem neuen Herrn sofort um ein Beträchtliches; besaß er doch, was Jenem fehlte: Gesundheit und brauchbare, rüstige Glieder!
Mit mehr Selbstvertrauen, als er noch vor wenigen Augenblicken besessen, trat Herr Klaus jetzt Arthur unter die Augen. Arthur schien ihn wenig zu beachten; er schüttelte dem kleinen, bartlosen Männlein, das ihn in wohlgesetzten Worten in der Vaterstadt willkommen hieß, flüchtig die Hand und drängte ungeduldig weiter, dem Ausgange zu.
„Wir habeil lange auf uns warten lassen, Herr- Klaus, nicht wahr?" sagte Klara, an Arthur's Seite hillschreitend. „Es fehlte nicht viel, und wir wären gar nicht wiedergekommen."
Hermann erschrak und blickte von Klara zu Arthur.
„Wieso?" fragte er.
„Ans den Alpen haben uns böse Geister arg bedrängt," versetzte Klara, „während Sie warm und sicher in Ihrem Comptoir saßen. O Herr Klaus, ich rathe Ihnen: bleiben Sie auch ferner hübsch daheim und reisen Sie nur hin und her zwischen Ihren Geschäftsbüchern und Ihren Kanarienvögeln! Draußen in der Fremde ist es schön, sehr schön zuweilen; aber es lauern dort auch Gefahren auf den schwachen Reisenden, von denen ein seßhafter Mensch nur Nachts im Traume, wenn ihn einmal der Alp drückt, einen Begriff bekommt!"
Hermann war es gewöhnt, daß Fräulein Holder einen neckenden Ton in der Unterhaltung mit ihm anschlug lllid wußte auch dießmal nicht recht, ob sie ihn zum Besten habe oder ob den Reisenden wirklich ein schlimmes Abenteuer zugestoßen sei. Ehe er indessen weitersorschen konnte, war schon der wartende Wagen erreicht, und Hermann mußte Zurückbleiben, um nach dem Gepäck der Angekommenen zu sehen.
„Morgen früh gegen zehn Uhr erwarte ich Ihren Besuch, Herr Klaus," befahl Arthur lakonisch, ehe der Wagenschlag sich schloß. Gleich darauf stand Hermann allein auf dem Pflaster und hielt den Hut in der Hand, bis ihn ein Gepäckträger unsanft beiseite stieß. Da besann er sich, daß er später am Abend noch Muße genug haben werde, über die kurze Episode des Empfangs nachzudenken, drückte energisch den Hut bis an die Ohren herab und ging in das Bahuhofgebäude zurück.
„Ich habe mir den Prokuristen meines Vaters anders vorgestellt, Klara," sagte Arthur, während der Wagen ihn näher und näher zum verödeten Elternhause trug.
„Mehr als Teufel oder mehr als Engel?"
„Keins von Beiden. Es war einmal eine Zeit, da mich das Lob verwirrte, welches Sie diesem Herrn Hermann Klaus zu ertheilen für gut fanden. Ich fürchtete, in ihm einen deutschen Mustermeuschen an
zutreffen, athletisch von Gestalt, fromm, brav und bieder, die Frauen als Heilige verehrend, für Las Recht starrköpfig eintretend. Seitdem habe ich erkannt, daß meine werthe Cousine in den Frühlingstagen unserer Bekanntschaft meist Alles Zn loben pflegte, was mir Mißfallen erregte —"
„Arthur!"
„Es ist so. Ich bin Ihnen nie böse darum gewesen. Es war die Wirkung einer natürlichen Antipathie zwischen uns. Und wenn jene Katastrophe nicht gekommen wäre, wer weiß, ob wir jemals gelernt hätten, in Frieden miteinander zu verkehren, wie sich's doch für Blutsverwandte geziemt."
„Ungeheure Mittel zu kleinem Zwecke!" versetzte Klara scherzend. „Der St. Gotthard mußte alle seine Schrecken aufbieten, um ein paar gebrechliche, streitsüchtige Menschenkinder zur Verträglichkeit zu bringen!"
„Er hat mehr gethan," sagte Arthur ernst. „Bei Leuten von meinem Alter sind starke Erschütterungen nöthig, um die Rinde alter Vorurtheile zum Bersten zu bringen. Will die Vorsehung Einen von uns noch kuriren, so muß sie schon derb zufaffen." Er blickte zu seinem lahmen Beine nieder. „Ich habe ihren Griff gespürt und werde ihn nicht vergessen."
Der Wagen hielt. „Wir sind zu Hause!" rief Klara.
Arthur warf einen forschenden Blick hinaus. Noch immer wie in früheren Zeiten war die schwere Hansthür grün gestrichen. Barbarischer Geschmack! Die geschnitzten Löwenköpfe in der Mitte der beiden Thürflügel, ebenfalls grün, hielten noch immer jeder einen mächtigen Ring von Messing zwischen den Zähnen. Wie oft hatte Arthur als Knabe, während er draußen warten mußte, bis man ihm öffnete, mit diesen Ringen geklappert und die lose hängenden ungeduldig rund und rund geschoben! Auf der obersten breiten Treppenstufe stand Mamsell Doris in weißer Schürze, mit frischem Häubchen auf den sorgfältig frisirten Haaren.
„Das ist wohl Ihre erste Gehülsin auf dem weiblichen Arbeitsfelde des Hauses, Klara?" fragte Arthur.
„Errathen, Vetter! Das ist Doris, eine gute Köchin und treue Seele, des Hauses älteste und längste Bewohnerin! Bitte, gönneil Sie ihr ein freundliches Wort!"
Klara sprang aus dem Wagen und begrüßte dis Dienerin. Gespannt sah Mamsell Doris all dem Fräulein vorbei nach der Wagenthür und wartete auf das Erscheinen des „jungeil" Herrn. Klara bemerkte es. „Wir haben einen Unfall gehabt unterwegs," sagte sie rasch. „Herr Ueberweg hat sich dabei am Bein verletzt; wir müssen ihm beim Aussteigen behülflich sein."
Ganz Eifer, stürzte Doris zum Wagen. Schwer ruhte Arthur's Hand auf ihrer Schulter, als er hinausklomm.
Vor der Treppe blieb er stehen. „Das hätte ich mir nicht träumen lassen," rief er aus, „daß ich als Invalide wieder Anziehen würde in das Haus, worin ich meine Jugend verlebte! Und doch ist es besser so. Wohlan denn, vorwärts! Ich spüre einen Geisterhanch aus vergangenen glücklichen Tagen!"