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Deutsche Roman-Bibliothek.
suchte, mich einschloß — zu jener für ihn so traurigen Zeit ist es geschehen, daß er einst, spät nach Hause kommend, sein schreiendes Kind lange, lange umhertragen mußte. Er ist darüber wohl eingeschlafen im Hin- und Hergehen, übermüdet, wie er sein mochte; ich bin ihm vom Arm geglitten, auf irgend einen Gegenstand, der am Boden lag, unglücklich gefallen
„Und das Rückgrat des armen Wesens wurde verletzt," fuhr Arthur fort, als sie stockte. „Und Ihr Vater schämte sich, einen Arzt zu rufen, weil er ein böses Gewissen hatte, weil an dem Unfall seine Trunkenheit schuld war."
Klara fuhr zusammen und hob, wie um Schonung für den Pflichtvergessenen bittend, ihre Hände empor.
„Später," ergänzte Arthur unerbittlich die Erzählung der zartsinnigen Tochter, „später freilich, als die Folgen jenes Falles immer deutlicher hervortraten, da mag der entsetzte Vater Hülfe für sein verwachsendes Kind gesucht haben. Es war zu spät; die Wissenschaft vermochte nicht mehr, die letzten Spuren der begonnenen Verkrümmung zu tilgen. Und jetzt noch zieht von Zeit zu Zeit aus krankhaft empfindlich gebliebenen Nervenbändern ein Unwetter in Ihr armes Köpfchen — Sie nennen es Migräne, Sie nennen es ein altes, harmloses Uebel, wie damals in Mailand, eine konstitutionelle Schwäche, und breiten über seine Herkunft einen undurchdringlichen Schleier. — O Klara, Klara! Sie sind aus Liebe eine vorzügliche Schauspielerin geworden!"
„Haben Sie Erbarmen, Arthur!" sagte Klara, und sie sah ihn an, als ob sie ihm ein Unrecht abzubitten hätte.
„Und jetzt," begann Arthur wieder, „und jetzt, Sie gutes, thörichtes Geschöpf, sind Sie im Begriff, zu Ihrem Vater nach Berlin zu reisen, unter tausend Sorgen ein Brüderchen großzuziehen und einen alternden, leichtsinnigen Halbkünstler auf dem richtigen Wege zu halten! Ist es nicht so?"
„Kann ich anders?" antwortete Klara einfach.
„Und mich lahmen Menschen lassen Sie ohne Gewissensbisse hier zurück, inmitten rebellischer Kreaturen, die ihm das Leben sauer machen werden?"
Einen Augenblick sah sie ihn zweifelhaft an. „Sie scherzen, Vetter," entschied sie dann im Tone der sichersten Ueberzeugung. „In einigen Tagen werden Sie sich frei bewegen können, der Arzt hat's mir gesagt. Und von den rebellischen Kreaturen haben Sie keine ernstliche Belästigung zu fürchten, Sie nicht, Vetter, der gewöhnt ist, Hindernisse zu besiegen und ein paar Felsblöcke auf seinem Wege für nichts achtet. Wir gehen nur einige Tage früher auseinander: das ist Alles."
„Wann wünschen Sie zu reisen, Klara?"
„Morgen, wenn es sein kann."
„Natürlich; ich konnte mir's denken. Sie haben Angst, daß Anastasia, die fromme Amme, das Kind von Leoutine Prevost zu Schaden kommen läßt, daß der Vater in der großen Stadt seine Freiheit mißbraucht — der Gedanke macht Sie fiebern, daß Sie wieder eine Ausgabe im Leben haben, daß Sie irgendwo sich unentbehrlich machen können — mit heiterer Erwartung wenden Sie sich der Zukunft ent
gegen — und das nennen Sie ein Opfer! Und Sie brauchen doch keiner einzigen Hoffnung zu entsagen!"
Sinnend sah er auf die Schweigende nieder; dann nahm er sachte ihren blonden Kops Zwischen die Hände, beugte sich herab und küßte sie aus die Stirne.
„Wenn Sie doch weniger Engel wären, Klara!" sagte er leise mit vibrirender Stimme. „Aber ich muß Sie ziehen lassen; mir ist keine Macht gegeben, Sie zu halten!"
Klara erhob sich, mit Glut übergossen. Sie wollte etwas sagen, etwas Gutes, Lindes, Tröstliches ; sie konnte nicht. Arthnr's Augen ruhten ans ihr mit einem Ausdruck, der sie verwirrte. Sie schauerte zusammen und ging langsam, ganz langsam, wie gegen ihren Willen, zur Thür. Nicht ein einziges Mal wagte sie umzublicken.
Leise schloß sich die Thür wieder. Tief athmete Arthur auf und preßte beide Hände gegen die Brust.
„Es wogt und braust, es drängt und treibt," sagte er, dorthin schauend, wo er Klara Zuletzt gesehen hatte, „und aus dem Chaos will sich keine Form entwickeln. Mir entschwebt die rührende Gestalt; ich möchte sie glücklich machen und habe ihr nichts zu bieten, was sie schätzen kann — nichts! Arm und gering bin ich vor ihr; über mir geht sie dahin und leuchtet: eine Heilige, die man verehren muß, kein Weib, das man lieben darf. — Morgen also, schon morgen! — Vorbei! Hermann Klaus hat Recht, ganz Recht: die Firma Konstantin Ueber- weg muß in Liquidation treten!"
Achtes Kapitel.
Heize der Heimat.
Besuch über Besuch in dem sonst so stillen Hause an der Alexanderstraße! Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde verbreitet, der Sohn des verstorbenen Herrn Ueberweg, der Millionär aus New-Iork, sei angekommen, mit genauer Noth einem schrecklichen Tode auf dem Gotthard entronnen. Noch leide er an den Folgen des gefährlichen Abenteuers und müsse einstweilen das Haus hüten. Und die Jugendfreunde Arthur's, soweit sie nicht gestorben oder von dannen gezogen waren, hielten es für ihre Schuldigkeit, dem Glückspilz schleunigst ihre Aufwartung zu machen.
Auch die Verräther kamen leichten Herzens heran, jene frühe mit Klugheit Gesegneten, die ehemals den aus Flucht sinnenden Gefährten der väterlichen Gewalt überantwortet hatten. Ihre Falschheit war ja zum Guten ausgeschlagen; Arthur Ueberweg, meinten sie, werde kein solch' verstockter Pedant sein, ihnen dennoch nachzutragen, was sie an ihm verbrochen, und ihnen einen kalten Empfang bereiten. Sie hatten Recht; der Jugendgenosse empfing sie mit derselben ernsten Freundlichkeit wie alle Uebrigen und behelligte keinen Einzigen von ihnen mit einer Anspielung aus jenes unliebsame Ereigniß. Wem sie aber diese Enthaltsamkeit des scharfzüngigen Mannes Zu verdanken hatten, das ahnten natürlich diese Besucher nicht. Von Fräulein Holder's Existenz wußten sie freilich; wie sollten sie nicht? Wer hatte nicht in den letzten