Ziele des Lebens von W. Berger.
1183
Klara zog einen niedrigen Sessel heran und setzte sich neben Arthur. „Werden Sie nicht ungeduldig," sagte sie und sah ihn bittend an. „Ich bedarf Ihrer Nachsicht wie Ihrer Freundschaft. Ich muß Verhältnisse berühren, von denen ein Mädchen am besten nichts weiß."
Sie seufzte und holte einen Brief aus der Tasche, den sie langsam, wie mit Widerstreben, entfaltete.
„Vor acht Tagen schon," begann sie, „ist dieser Brief hier in's Haus geflogen, ein Brief von meinem Vater aus Lüttich."
Arthur horchte hoch auf. „Und über den Inhalt dieses Briefes wollten Sie mit mir sprechen?" unterbrach er sie. „Nicht über — Hermann Klaus?"
Erstaunt sah Klara zu ihm empor. „Was könnte ich über Herrn Klaus mit Ihnen zu verhandeln haben, Vetter Arthur?" erwiederte sie. „Wissen Sie wohl, daß Sie mir das Reden recht sauer machen, wenn Sie so zerstreut sind?"
„War ich zerstreut? Das thut mir herzlich leid. Ich will's nicht wieder sein, von jetzt an nicht wieder. Was ist Ihrem Vater geschehen?"
„Trauriges und zugleich Gutes. Vorausschicken muß ich," sagte Klara zögernd, „daß in meines Vaters Hause — seit langen Jahren schon — eine Person —" Sie stockte.
„Ich weiß," kam Arthur ihr zu Hülse. „Es ist ein Frauenzimmer dort, vor dem die Tochter sich hat entfernen müssen."
Klara nickte. „Leontine Prevost, ein wildes Geschöpf ans Languedoc, über Paris nach Belgien verschlagen, das sich mit Leidenschaft an meinen Vater gehängt hat zu einer Zeit — Zn einer Zeit, wo es ihm schlecht ging und er Liebe dankbar entgegennahm, wenn sie sich ihm darbot. Sie hat mit ihm gearbeitet und gedarbt; — sie hat auch mit ihm genossen und Erworbenes leichten Sinnes verpraßt. Ein Fluch ist sie ihm gewesen, Alles in Allem — und doch, ich weiß nicht, was aus Vater geworden wäre ohne sie! Jetzt ist sie todt."
„Das also ist's, was Ihr Vater schreibt! Friede sei mit ihr. Aber das Opfer — das Opfer, welches Sie bringen müssen, welches unabänderlich auf Ihrem Lebenswege liegt, wie Sie sagten?"
„Ich bin noch nicht fertig. Ja, wenn das Alles wäre! Mit diesem Todesfall allein würde sich vielleicht nichts zu ändern brauchen. Aber — lesen Sie, Vetter —- diese Stelle —"
Arthur las in dem Briefe von Gustav Holder: „Der kleine Knabe, den Leontine mir vor drei Wochen geboren hat, ein allerliebster schwarzäugiger Bengel, macht die weitgehendsten Ansprüche an mich. Die Situation ist dieselbe wie damals, als Deine Mutter gestorben war und Du in der Wiege lagst und mit kläglichem Geschrei nach Nahrung und Wartung verlangtest. Ich habe eine Amme angenommen, eine entsetzliche Person vom Lande, die so viel Lärm macht, als ob ich eine Menagerie im Hause hätte. Sie geht wie ein Rhinozeros und kreischt wie ein Kakadu. Bier trinkt sie wie ein Bayer; ich werde noch eine ganze Brauerei in Pacht nehmen müssen. Aber cs scheint mir, daß das Kind gedeiht. Ich stopfe mir Watte in die Ohren, wenn ich nach Hause
komme, und lasse sie gewähren. Anastasia heißt die Schreckliche; der Pfarrer ihres Ortes hat sie empfohlen, er rühmt ihre Frömmigkeit. Das ist doch etwas."
Arthur hielt inne mit Lesen und machte ein bedenkliches Gesicht; der frivole Ton dieser Mittheilungen verletzte ihn.
„Die letzte Seite lesen Sie noch," bat Klara.
Daselbst schrieb Gustav Holder: „Leontine hat nie gestatten wollen, daß ich mich anderswo um eine bessere Stelle umthat. Wenn diese Frage auf's Tapet kam, setzte sie immer einen Kopf von Eisen auf. Hier sei sie glücklich, erklärte sie, hier wolle sie bleiben bis zu ihrem Tode. Nun, sie hat ihren Willen durchgesetzt. Während ihrer Krankheit schon erhielt ich aus Berlin ein sehr vortheilhastes Anerbieten; ich hielt es in der Schwebe und nahm es an, sobald sie todt war. Morgen verauktionire ich meinen Hausrath; übermorgen ziehe ich mit Kind und Kakadu nach Berlin. Meine Adresse daselbst gebe ich Dir am Fuße auf. Ich werde eine Wohnung nehmen, die auch Dir konveniren wird, denn ich setze voraus, daß Du zu mir zurückkehren wirst. Natürlich sollst Du in Allem Deine Freiheit haben; nur die Sorge um den Knaben mußt Du mir abnehmen; ich habe kein Talent zum Kinderwarten, wie ich ja leider bei Dir bewiesen habe —"
„Also das ist es!" rief Arthur. „Nun verstehe ich! O Klara, Sie haben bisher bei Schilderung Ihres Vaters sehr, sehr lichte Farben angewendet!"
„Habe ich?" entgegnete Klara, schmerzlich lächelnd. „Und wenn ich's gethan habe: durfte ich anders?"
„Gott weiß, wie viel besser Sie sind als ich!" sagte Arthur. „Aber Klara, jetzt keine Schönfärberei weiter! Nicht zwischen uns. Was meint Ihr Vater mit der letzten Bemerkung? Inwiefern hat er an Ihnen, leider, wie er schreibt, seinen Mangel an Talent zum Kinderwarten bewiesen?"
Klara zögerte mit der Antwort. „Daß Sie auch gerade diese unglückliche Anspielung beachten müssen!" rief sie endlich aus. „Warum haben Sie nicht darüber hinweggelesen und sich nichts dabei gedacht?"
„Warum? Weil ich argwöhnisch, weil ich mißtrauisch bin; weil ich all' Ihre Geheimnisse wissen möchte, Klara, und Ihnen bis auf den Grund des Herzens sehen!"
Er faßte sachte ihre Hand. „Habe ich Anspruch auf Ihr Vertrauen oder nicht?" fragte er eindringlich. „Als wir damals im Thal des Zitterns unter der Lawine begraben lagen, dem Tode entgegenwachend in fürchterlicher Dunkelheit, ich von unleidlichen Schmerzen gefoltert: habe ich da nicht Ihnen, der Gefaßten, der Gottergebenen, gebeichtet wie ein Kind der Mutter, mein Innerstes bloßlegend ohne Scheu bis zum letzten eitlen Gedanken? Und Sie wollten ein Ereigniß aus Ihren: Leben geheim vor mir halten, nur um einen Dritten zu fchonen?"
Klara schlug die Augen zu ihm auf; aus der Tiefe der blauen Sterne kam ein zitterndes Licht. „Als ich noch sehr klein war," bekannte sie leise, „und mein Vater, zu Hanse arbeitend, nur während einiger Tagesstunden fremde Hülfe nahm, am Abend aber, wenn er für einige Stunden draußen Erholung