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Deutsche Noman-Sibliothek.
zusühren — nun, Herr Ueberweg, unsereiner hat auch seinen Ehrgeiz. Zum bloßen Gehülsen laß ich mich nicht degradiren, nachdem ich so lange an der Spitze gestanden habe. Meine Mittel sind nicht groß. Eine Summe wie diejenige, welche ich besitze, wird wahrscheinlich von Ihnen häufig an einem einzigen Tage gewonnen oder verloren; aber sie reicht aus, um nur eine bescheidene Selbstständigkeit zu schaffen, und ich darf hoffen, mit der Zeit weiter zu kommen."
Herr Hermann Klaus war blutroth geworden, während er diese geharnischte Rede hielt. Arthur hatte ihn dabei mit großen Augen angesehen. „ Jeder wählt den Weg, den er für den besten zu seinem Ziele hält," antwortete er kühl. „Nur habe ich gefunden, daß Derjenige meistens sein Ziel verfehlt, der an die Figur denkt, die er vor der Welt spielt. Nun, das ist Ihr Risiko. Ich werde also Sorge tragen, daß zunächst Ihre gegenwärtige Stellung genau desinirt wird. Bis morgen werden Sie mir doch Zeit dazu lassen; Sie sehen ja, wie wenig mobil ich bin."
„So war es nicht gemeint, Herr Ueberweg," rief der Prokurist aus, nunmehr über seine Aeußerungen erschrocken. „Es wäre ja anmaßend, es wäre un- christlich von mir, wenn ich bei Ihrem augenblicklichen Zustande —"
Arthur machte eine ungeduldige Bewegung. „Verlassen Sie sich daraus, Herr Klaus: es soll morgen geschehen, was Sie wünschen, mit Recht wünschen, wie ich einsehe. Nur heute, nicht wahr, heute lassen Sie mir Ruhe? Sehen Sie nur, welche Anzahl von Briefen mich hier überfallen hat! Ich werde angestrengt arbeiten müssen, um zu erledigen, was keinen Aufschub leidet, was schon seit vierzehn Tagen und länger auf meine Entscheidung wartet!"
„Ah — ich bitte sehr um Entschuldigung, daß ich so lange gestört habe," stotterte Hermann Klaus, machte einen Bückling und ging.
Mit gerunzelter Stirn sah Arthur ihm nach. „Kein Geschöpf kenn' ich," rief er ans, als die Thüre sich wieder geschlossen hatte, „das schwieriger zu behandeln ist, wie ein Philister, der aufsässig wird!^Weit eher noch will ich mit einem durchgehenden Pferde fertig werden! Selbstständig sein, weiter kommen, heirathen — lockende grüne Waide! Er nimmt die Stange fest Zwischen die Zähne und galoppirt darauf los! Als ob Alle zur Selbstständigkeit geboren wären! Als ob ein guter Commis nicht höher stände als ein schlechter Prinzipal! Narren!"
Er griff zu seinen Briefen. Aber sein Geist war nicht bei der Sache; nach einigen Minuten legte er die Blätter wieder aus der Hand. „Fräulein Holder hier, Fräulein Holder da," sagte er und fixirte die Thür, durch welche Hermann Klaus verschwunden war. „Ausgezeichnetes Frauenzimmer!" Er lachte laut aus. „Also dahin gehen deine Gedanken, ehrgeiziges, emporstrebendes Männlein! Kann sie doch die künftige Schwiegermutter bereits um den Finger wickeln! Was noch sonst? Frau Klara Klaus — nicht übel! Die Wachtel möchte sich mit der Lerche paaren; das glaub'ich wohl! Keine Heimat — der Vater ein Sausewind — die kleine Lerche in ihrer Angst um einen Unterschlupf aus Erden wär' am Ende fähig — nein, es ist nicht möglich, sie thut
es nicht, nun und nimmermehr — sie muß nicht, sie soll nicht müssen —"
Arthur stützte den Kops in die Hand und sann. Leise öffnete sich die Thüre, er hörte es nicht. Auf einmal war's ihm, als vernähme er Klara's Stimme. Zaghaft, ganz Zaghaft sprach es in seiner Nähe: „Vetter Arthur!" Er lächelte über die Stärke seiner Phantasie, die es fertig brachte, ihm den Klang ihrer Stimme in's Ohr zu zaubern. Da aber kam es nochmals, nun ganz nahe: „Vetter Arthur!"
Er fuhr empor. Die kleine Lerche stand vor ihm mit gesenktem Köpfchen. „Ich habe gestört," zwitscherte sie. „Aber Sie waren allein —"
„Sie können mich nicht stören, Klara," entgegnete er. „Bin ich nicht vom Gotthardhospiz her gewöhnt, daß Sie bei mir ab und zu gehen? — Aber denken Sie, was sich ereignet hat! Ihr gerühmter, selbstloser, aufopferungssüchtiger Hermann Klans hat mir soeben den Stuhl vor die Thüre gesetzt. Er will nicht länger Diener sein; er will selbst den Herrn machen! Was sagen Sie dazu? Stellt mir Bedingungen, noch ehe zum zweiten Mal die Sonne hierüber mir niedergegangen ist! Was mag ihm wohl in den Kopf gefahren sein?"
„Wenn Sie mit Herrn Klaus umgegangen sind wie mit mir in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft," entgegnete Klara, „so ist mir seine Rebellion erklärlich. Er hat lange kein Joch getragen; das neue mußte ihm recht gelinde ans den Nacken gelegt werden, damit er den Druck nicht spürte."
„Das ist es nicht allein, Klara. Er hat Aspirationen, die ihm den Blick trüben. Man hat ihn hier im Hause verwöhnt. Wenn ich nur wüßte, ob ich versuchen muß, ihn zu halten?" Er blickte Klara forschend an. „Ich kann es mir nicht denken!" rief er aus.
„Was meinen Sie, Vetter?" fragte Klara mit ungekünstelter Verwunderung. „Wie sonderbar Sie sind!"
„Sie wissen nichts? Sie ahnen nichts?"
Klara sah ihn voll an und schüttelte langsam den Kopf. „So unbegreiflich wie jemals sind Sie mir aus einmal wieder," sagte sie. „Und ich hoffte, Sie freundlich und gut zu finden. Ich möchte ein ernstes Wort mit Ihnen reden, Vetter, ein Wort über — mich."
„Also doch! — Und muß das gleich heute sein? Will denn plötzlich Alles von mir abfallen?"
„Wenn die Angelegenheit nur Aufschub duldete, wie gerne würde ich schweigen, bis Sie mir geböten, zu sprechen! Aber ich leide Zwang und kann mir nicht helfen."
„Zwang? Sie? Das sollen Sie nicht, das dürfen Sie nicht, solange ich da bin, Ihnen zu helfen! Ihr Wille ist frei; ich leide nicht, daß Sie sich opfern!"
„Es gibt Opfer," versetzte Klara schmerzlich, „die uns das Schicksal anserlegt, die wir bringen müssen, weil sie unabänderlich ans unserem Lebenswege liegen."
„Ich verstehe Sie wahrlich nicht, Klara! Von solcher Ergebung, die Sie predigen, weiß ich nichts; sie ist ein Hirngespinnst, darin sich schwache Seelen verwickeln, sich selbst ihr Unglück bereitend. Doch was ist es, Klara? Kommen Sie endlich zur Sache!"