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Deutsche Noinan-Biüliothek.
wurden. Aber hübsch war's doch gewesen! Wie konnte Klara aufjubeln, wenn es ihr einmal gelungen war, einen Thurm aus der Ecke zu holen! Welch' triumphirende Miene setzte sie auf, wenn sie Schach bieten konnte!
Arthur wurde in dem Aneiuanderreihen seiner schmerzlich süßen Erinnerungen unterbrochen. Wieder ein Besuch! Sollte er denn heute nicht zur Ruhe kommen?
Dießmal war's ein alter Herr. Arthur mußte lächeln, als er eintrat: etwas mehr Jude und der Fremde hätte sich ihm als Nathan vorstellen können. Kluge, freundliche Augen unter buschigen Brauen; im weißen Barte ein breiter, lächelnder Mund — eine sympathische Persönlichkeit. Arthur ließ es sich schweigend gefallen, daß der Alte ihn aufmerksam betrachtete. Als derselbe sich satt geschaut hatte, schüttelte er enttäuscht den Kops. „Der äußere Typus ist ein anderer," begann er. „Temperament sanguinisch-cholerisch. Wahrscheinlich Ausartung nach mütterlicher Seite. Nun, nun, man erbt Allerlei zusammen; etwas vom Vater wird auch wohl dabei sein. Wir wollen sehen; ich muß Sie sprechen, ich muß Sie denken hören."
„Ich darf mir wohl zu fragen erlauben, wer Sie sind?" ließ sich Arthur jetzt vernehmen.
„Ich war ein Freund Ihres Vaters, junger Herr Ueberweg, und heiße Sondermann."
„Und Ihr Stand, Ihr Gewerbe? Sie sind kein Kaufmann —"
„Daß mich der Himmel bewahre!" rief der Alte mit komischer Entrüstung. „Freilich, hier in dieser Stadt," fuhr er launig fort, „wo die Raben das Regiment führen, wäre der schwarze Federpelz ein Ehrenkleid. Und doch ist der Rabe kein vornehmer Vogel. Freilich, Herr Ueberweg junior, Handel muß sein, und wer ihn treibt, mag sich bezahlt machen, so gut er kann. Dagegen habe ich nichts. Nur müßt ihr Herren vom Haudelsstande nicht vergessen, daß ihr dem gemeinen Bedürfniß dient. Nahrung, Kleidung, Wohnung — was dazu gehört, schafft ihr herbei. Das ist auch etwas Rechtes!"
„Und Sie? Was thun Sie denn?"
„In dem Adreßbuch Ihrer guten Stadt werden Sie mich als Privatgelehrten verzeichnet finden. Diese Rubrik hat die Polizei erfunden. Ein Privatgelehrter, hat sich wahrscheinlich die Polizei gedacht, ist ein Mensch, der Wissenschaften treibt, die Niemandem etwas nützen. Und was nützt, das weiß natürlich die Polizei am besten. Ich Lin Naturforscher, um es mit einem Worte zu sagen. Meine Spezialität ist die Beobachtung der niederen Thiere, insbesondere derjenigen, die im Verlaufe ihres Lebens in verschiedenen Gestalten erscheinen."
Arthur schüttelte den Kopf. „Und für diese Studien hat sich mein Vater interesstrt?" fragte er.
„Nicht doch, junger Herr Ueberweg. Ihr Herr- Vater hat von meinen Raupen, Maden, Würmern und ähnlichem Geziefer nie so recht etwas wissen wollen. Ich hab's ihm nicht übel genommen. Der genießende Naturfreund muß den Mysterien des Lebendigen auf einem reinlicheren Wege beizukommen suchen. Ihr Herr Vater und ich trafen uns auf dem Wege der Pflanzenkunde."
„Mein Vater trieb Botanik? Das ist mir neu; davon hat mir Fräulein Holder nichts erzählt."
„Im Alter," erwiederte Sondermann, „pflegt man zu mehr Geist gekommen zu sein, als man im täglichen Leben verwenden kann. Die stille Betrachtung. zu welcher man dann inklinirt, knüpft gerne an Sichtbares an. Ganz besonders reizt das Leben der Pflanze — so habe ich wenigstens gesunden — in höheren Jahren zu Beobachtungen, zu Forschungen. So ist es auch Ihrem Herrn Vater ergangen. Lange vorher kannte ich ihn schon, was man so kennen nennt. Wir grüßten uns; wir wechselten auch wohl einmal einige Worte, wenn wir im Gewühl Zufällig zusammengeriethen. Die Geister berührten sich, betasteten sich obenhin, und Jeder zog sich dann hurtig wieder in sich selbst zurück. Es war ein Verkehr, genau so, wie er heutzutage unter den Menschen allgemein üblich ist. Erst als Ihr Vater einmal ein paar Monate am Rhein verweilt und dort begonnen hatte, mit der Natur intim zu verkehren, kam er mir näher. Ueberall war ihm entgegengetreten, was er nach seiner Denkweise für Wunder halten mußte, Wunder nannte. Nun begehrte er von mir Erklärung des Geschauten. Er suchte die Definition des Lebens; nach Art der Anfänger schien ihm das Schwierigste gerade leicht genug, um den Unterricht damit zu beginnen. Aber er gab sich auch mit dem Geringeren zufrieden, das ich ihm bieten konnte. Manche Stunde haben wir miteinander verplaudert, hier in diesem Zimmer — ich hatte ihn gern, sehr gern, Ihren Vater; er suchte auf seine Weise das Licht."
Sondermann schwieg, in Erinnerungen verloren.
Arthur wechselte das Thema. „Ihre Freundin, die Natur," sagte er, „kann recht unangenehm werden; mir wenigstens ist der intime Umgang mit ihr gründlich verleidet; sehen Sie nur, wie sie mich zerzaust hat!" Er wies sein steifes Bein vor.
Was ihm begegnet sei, fragte Sondermanu. Und Arthur mußte ihm haarklein die Geschichte seiner Verschüttung in der Val tromola erzählen. In dem Naturforscher wurde während des Berichtes sein ganzes meteorologisches Wissen lebendig. „Das nenne ich ein günstiges Geschick, das Ihnen widerfahren ist!" rief er mit leuchtenden Augen, als Arthur geendet hatte. „Einen der großartigsten Naturprozesse haben Sie aus nächster Nähe beobachten können!"
Arthur lachte verdrießlich. „ Günstiges Geschick!" wiederholte er spöttisch. „Ich danke schön. Vierzehn Tage Patient auf dem Gotthard und heute noch lahm!"
„O, das thut nichts —"
„Thut nichts? Natürlich, es hat ja Sie nicht betroffen!"
„Haben Sie noch nie von Männern gehört, junger Herr Ueberweg, die an die Erforschung eines Naturphänomens ihr Leben gesetzt haben?"
„ Tollhäusler!"
„Ach, mein lieber junger Herr, Sie kennen den Reiz der Forschung nicht; Sie wissen nicht, was es heißt, in einer Sache aufgehen. Kein Genuß, den Sie für Gold kaufen können, gleicht auch nur entfernt demjenigen, welchen das uninteressirte Suchen nach Erkenntniß gewährt. Ich bin arm und muß