Heft 
(1885) 50
Seite
1187
Einzelbild herunterladen

Vre tolle Betty von Hans Wachenhusen.

1187

mir Manches versagen, was Anderen zum Leben schlechthin unentbehrlich scheint; wenn mir aber Einer den Betrag der amerikanischen Staatsschuld böte mit der Bedingung, ich solle fortan auf meine Forschungen verzichten, so würde ich ihn abweisen, ohne einen Augenblick Zu zögern."

Gibt es noch viele solch' seltsame Menschen in Deutschland wie Sie?"

Gewiß, mein Bester. In dem Tumult, worin Sie und Ihresgleichen leben, gewahren Sie das Beste nicht, was um Sie her geschieht. Zuweilen erscheint eine neue Erfindung auf dem Markt; die Form des äußeren Lebens erfährt eine plötzliche erfreuliche Um­wandlung. Da staunen sie und brechen in ein enthusiastisches Lob der Wissenschaft aus. Das aber, was sie sehen, sind nur Späne, die sie bei der Arbeit abwirft. Das Ziel dieser Arbeit ist ein ganz anderes, als die Dienstbarmachung sämmtlicher Natur- kräfte. Befreiung des Geistes erstrebt sie; ein wahres Bild der Welt versucht sie zu entwerfen. Die Aus­

gabe ist groß, unendlich groß; doch rückt die Lösung näher. Zu dieser Lösung beizutragen, sei es auch nur durch einen einzigen Pinselstrich, sei es auch nur durch die Vernichtung eines winzigen Jrrthums, das allein ist des Lebens Werth."

Sondermann ging. Einen tieferen Eindruck hatte die Persönlichkeit des Gelehrten auf Arthur gemacht, als derselbe sich zur Zeit bewußt ward. Er konnte sich nicht sofort Zurechtfinden in einer Lebensanschauung, die mit der seinigen umsprang wie die Weisheit mit der Thorheit. Das war ihm Alles so neu, so fremd, was er gehört hatte! Und sein unruhig be­wegtes Herz gestattete ihm keine Muße, jetzt noch nicht, sich mit Dingen zu beschäftigen, die so weitab Zu liegen schienen von Allem, was er gegenwärtig wünschte, erstrebte, begehrte. Dennoch: der seltsame Alte war zu beneiden, der jetzt zu seinem Mikroskop Zurück­kehrte und in dem Thiergewimmel, das ihn umgab, zu einer Welt sich entrückte, in der kern Leiden ist!

(Fortsetzung folgt.)

toLLe

Roman

eltp.

von

Hans lVachenhusen.

(Fortsetzung.)

Achtunddreitzlgftes Kapitel.

ine Beute schließlich ganz unerträglicher Angst und Ungeduld, hatte Bettina diese Wochen verbracht, täglich umsonst eine Botschaft von dem Geliebten erwartend 7D.) und mit dem gequälten Herzen streitend, ob es denn möglich, daß er sie vergessen. In ihrer Angst eilte sie zu ihrer Freun­din, die sie vernachlässigt, um ihre Stimmung nicht zu verrathen.

Aber, Schatz," rief Pauline, erstaunt lächelnd, als sie ihr Alles geklagt,Du bist in der Liebe wie ein Augusttag voll Blitz und Donner, vor denen ja ein Mann sich nothwendig unter Dach und Fach retten muß! Du bist ohnehin von uns Allen zu beneiden; Du bist frei und unabhängig; wie Viele können das von sich sagen?! Freilich wäre der Titel einer geschiedenen jungen Frau nicht nach meinem Geschmack und ich muß also mit meinem Alten aus­zukommen suchen, aber trotzdem ich schon um meinet­willen durch den Lieutenant von Oettinghaus dieses Duell überall der geheimnißvollen russischen Prinzessin habe aufbürden lassen, fängt man doch an, hinter die Wahrheit zu kommen, denn Du bist zu unvor­sichtig. Man munkelt schon, Du habest Dich um Camill's willen von Deinem Manne scheiden lassen.

und das macht Dich doppelt interessant. Aber sei vorsichtig mit solch' einer Künstlerliebe."

Du machst mich toll durch Deine Reden!" Bettina preßte das Taschentuch zwischen die weißen Zähne; ihre Augen hafteten erschrocken fragend und groß auf Pauline; sie fühlte ihr Herz nicht mehr schlagen. Diese sah, wie wild und vernachlässigt das glänzende Haar über ihre Stirn gesunken, als Bettina bei ihren: Kommen so heftig den Hut vom Scheitel gerissen.

Wie Du jetzt plötzlich so anders sprichst!" rief Bettina, ohne aufzuschauen, das Taschentuch in den Händen windend.

Anders? Kann denn zwischen uns je ein Miß- verständniß aufkommen? Bin ich nicht bereitwillig die Schützerin dieser Liebe gewesen?"

Warum sprichst Du denn jetzt so ... sonder­bar!"

Sonderbar?" Pauline schien wirklich ein wenig pikirt.Ich warne Dich ja nur, nicht so sturmvoll zu sein, und aus gutem, freundschaftlichem Herzen! Ich finde Deine Liebe zu dem schönen Künstler furchtbar interessant, aber die Gefahren derselben durftest Du Dir doch selbst nicht verhehlen."

Die Gefahren? Und welche?" Bettina's Unruhe stieg mächtig; ihr Auge flackerte fieberhaft.

Sagtest Du Dir nicht, daß Du ihn gegen Dein