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Deutsche Roman-Bibliothek.
ganzes Geschlecht werdest vertheidigen müssen, daß Du Dich um Deine ganze Ruhe bringen werdest? Ich habe Deinen Muth von Anfang an bewundert und bewundere ihn auch jetzt noch."
„Er hat mir geschworen, daß er mich liebe!" Bettina's Augen leuchteten auf.
„Geschworen! O, das ist wenig! Das geschieht immer, wenn Zwei einander in den Armen halten. Es ist ein Unglück mit der Liebe heutzutage, daß sie so oft dunkle Punkte hat, die den Werth des Diamanten beeinträchtigen. Ich kann darüber ganz unbefangen sprechen, denn mir ist außer einigen kleinen Pensionsschwärmereien nichts passirt und ich bin jetzt doch bald drei Jahre verheiratet."
Pauline, die sonst so leichtlebige und heitere Frau, sprach heute mit einer Nüchternheit, die Bettina empörte und ihr wie Eis in das Herz floß; und sie kam doch, bei ihr Rath und Trost zu suchen.
„Was ich that — Du weißt es, und auch er weiß es — es geschah nur, um ihn Zu besitzen."
„Aber er ist ja Dein! — Oder hat er Dir wirklich Ursache gegeben..."
„Du kennst seinen Vertrag mit Gianetti, der zwischen uns stand. Ich habe Gianetti befriedigt; er nahm die Summe, die ich ihm bot."
Pauline faltete erstaunt die Hände.
„Das thatest Du? Es muß ein großes Opfer gewesen sein!" sagte sie, ihr Erstaunen überwindend, „Gianetti rechnete sicher nach Hunderttansenden."
„Es war mir kein Opfer zu groß für ihn!"
„Aber Gianetti wird ihm unentbehrlich sein; ich hörte, er habe für ihn bereits Verträge mit allen Welttheilen bis nach Australien geschlossen. Ich kenne dieses Virtuofenleben, denn es wurde oft schon bei uns darüber gesprochen. Gianetti, hieß es gestern, habe soeben erst wieder ein neues Talent entdeckt und es zur Ausbildung nach Mailand geführt. Er läßt sich dafür immer auf eine Zeitlang die Seele, das heißt das Talent seiner Zöglinge verschreiben. Du hättest nun also Camill's Seele von ihm zurückgekauft! Womit vermagst Du aber für ewig sein Herz zu erkaufen?"
„Was mein ist, gehört ihm!" rief Bettina mit Feierlichkeit. „Er und ich, wir sind eins für ewig!"
Pauline hörte das mit wachsendem Staunen. Sie, die durch ihren Gatten der Kunst so nahe stand, die Künstler bei sich empfing, für Musik und Theater lebte, hörte fast täglich so viel von ephemeren Künstlerliebschaften, daß sie dieselben nur wie schillernde Eintagsfliegen betrachtete. Aber sie waren ihr wie allen Damen ein interessanter Unterhaltungsstoff.
„So . .. willst Du ihn heirathen?" fragte sie deßhalb, die Freundin verwundert anschauend.
Bettina ward leichenblaß bei diesem Ausruf, der mit so unwillkürlicher Betonung geschehen. Ihr Herz pochte ängstlich. Beide saßen einander schweigend gegenüber. Endlich schüttelte die Freundin den Kopf.
„Das ist ja aber eine tolle, abenteuerliche Idee, Schatz! Du erschreckst mich wirklich! Ich hatte Deine Leidenschaft eben nur für eine schöne Wallung Deines Herzens gehalten, zu deren Befriedigung Du Alles aufbotest. Ich begriff sogar, daß diese Liebe Dich kalt und fühllos für Deinen Gatten mache, I
obgleich man ihn mir als einen schönen und interessanten Mann geschildert, denn wir Frauen sind eigensinnig genug, nur den Mann schön zu finden, den wir einmal lieben; aber kaum Mne würde zu der Kühnheit, ja Verwegenheit im Stande sein, einen Künstler wie diesen für ewig in ihre Fesseln schlagen zu wollen. Wird er es Dir verzeihen können, daß Du ihn Dir zu Dank verpflichtet, daß Du Dich so zu seiner Herrin aufgeworfen?"
Bettina war's, als höre sie die Mutter aus dem Grabe sprechen. Und das sagte ihr Pauline, die sich den Schein gegeben, als billige und schirme sie ihre Liebe — Pauline, diese Kokette, die allerdings nie ein Herz gehabt!
Schwer verletzt, sich verrathen glaubend, erhob sie sich. Pauline ergriff lachend ihren Arm, als sie das unglückliche Gesicht der Freundin sah.
„Ich glaube gar, Du fühlst Dich beleidigt!" rief sie. „Ich sagte Dir, was ich als Freundin Dir zu sagen schuldig war, und jetzt ihn', was Du willst, aber lamentire mir nichts vor, wenn Deine Hoffnung Dich täuschte, wenn er aus eigenem Interesse nach wie vor an seinem Impresario hängt, der ein schlechter Geschäftsmann sein müßte, wenn er sich ihm jetzt nicht noch viel unentbehrlicher zu machen verstände, oder wenn sein eigener Stolz sich gegen das Bewußtsein empört, Dir die Befreiung aus einer ihm selbst doch künstlerisch unentbehrlichen Abhängigkeit Zu danken, die — verzeih', wenn ich, die Erfahrenere und Aeltere von uns Beiden, alle Möglichkeiten in Betracht Ziehe — ihm gerade die Unabhängigkeit seines vielleicht in einem schwachen Augenblick verpfändeten Herzens rettete. — Ich spreche ja nur in Deinem Interesse, um Dein noch zu heißes, übervolles Blut klug zu machen. Du bist reich; aber wer gäbe so viel für eine Künstlerliebe! Du würdest für sie den tiefsten Brunnen ausschöpfen können, um darnach doch selbst elend zu verschmachten."
Pauline sah Thränen in den Augen der schwer geprüften Freundin; sie empfand Mitleid, aber sie wollte nicht widerrufen, was sie gesagt. Was sie während Bettina's Fortbleiben über die Unbesonnenheit gehört, mit der sie ihre Liebe für den Künstler der Welt preisgab, hatte sie verdrossen, denn man kannte ihre Intimität mit der schönen Fremden.
„Vergessen sollst Du nicht, was ich Dir sagte," fuhr sie in weicherem Ton fort; „ich mußt' es Dir sagen, denn man handelt nicht ungestraft wie Du, und ich, Deine Freundin, werde dadurch mit getroffen. Du mußt, um das Geschwätze der Leute zum Schweigen zu bringen, auf einige Tage unsichtbar werden. Meine Absicht war es, heute noch das schöne Herbstwetter draußen in unserer Besitzung zu genießen, begleite mich also, wir werden dort recht ruhig und zufrieden leben, wenn Du mit Deinem Ungestüm es gestattest. Mein Mann hat auch den Lieutenant von Oettinghaus gebeten ... Willst Du?"
Bettina schwieg. Der Gedanke, auch nur auf Stunden sich von ihm zu entfernen, war ihr unfaßbar.
„Es wird auch nach anderer Seite sein Gutes haben," fuhr Pauline fort. „Camill ist genesen, wie ich höre. Entbehrt er Dich, so wird er Dich