Heft 
(1885) 50
Seite
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Die tolle Sctty von Hans Wachenhusen.

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suchen; es wird dieß also der beste Prüfstein für seine Liebe sein. Begreifst Du dieß?"

Lieutenant von Oettinghaus ließ sich eben melden. Pauline empfing seine Karte mit einiger Verlegenheit.

Ich hatte ihn allerdings bitten lassen .. . hatte ihn ganz vergessen!" sagte sie Zögernd.

Oettinghaus stand bereits ungerufen aus der Schwelle. Man hatte ihm, dem Hausfreund, draußen gesagt, die schöne Frau sei bei der Wirthin und es drängte ihn, dieser näher zu kommen. Frau von Ertel hatte ihn ja vor Kurzem mit der Mission be­traut, ihre Freundin vor unwahren Gerüchten in Schutz zu nehmen; er hatte überall von ihr gesprochen und glaubte sich also berechtigt, sie auch näher kennen zu lernen, für die er unwillkürlich sich in ein warmes Interesse hineingeredet.

Oettinghaus war ein Mann mit einem frischen Knabengesicht, von jener liebenswürdigen Keckheit, die den verheirateten Damen gefällt, er verstand es, mit ihnen zu plaudern, ihnen Neuigkeiten zu erzählen, und hatte trotz seines Dienstes immer Zeit, die besten Häuser zu besuchen. Daß er Bettina noch nicht näher kennen gelernt, war ihm eine höchst empfindliche Lücke. Er hatte Frau von Ertel im Verdacht, daß sie ihn von ihr fern halten wolle, benützte also diese Gelegenheit und war untröstlich, als die schöne, ihm so interessant gewordene Frau bei seinem Eintreten sich schüchtern und abgewandt zurückzog.

Bleib', ich bitte Dich!" flüsterte Pauline dieser zu, ihre Hand sesthaltend.Ich habe meine Gründe! Herr von Oettinghaus," rief sie diesem zu,ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Ich hatte die Ab­sicht, Sie zu bitten, meine Freundin und mich heute Nachmittag nach Hietzing hinaus zu begleiten, da mein Mann uns später erst Nachfolgen kann."

Sie machen mich glücklich, gnädigste Frau!" Oettinghaus küßte dankbar die Hand derselben, zu­gleich mit einem bewundernden Blick auf Bettina. Eine besondere Gnade des Schicksals für mich, heute endlich..." Er verbeugte sich tief vor der Letzteren, die inzwischen nach Fassung gerungen.

Sie verzeihen aber, Herr von Oettinghaus," fiel Pauline ein,wenn ich Sie bitten muß, uns jetzt zu verlassen. Wir haben einige wichtige Garde­robeangelegenheiten zu besprechen," setzte sie lächelnd hinzu.

Oettinghaus zog sich zurück, überglücklich durch diese Einladung.

Es war nothwendig," beruhigte Pauline ihre Freundin.Man soll Dich ausdrücklich mit mir in der Gesellschaft des Lieutenants fahren sehen, um dem dummen Geschwätz ein Ende zu machen. Wenn unsere Freundschaft nicht leiden soll, wirst Du mir folgen! Was ich Dir schuldig bin, befreit mich nicht von der Rücksicht für die Welt. Du selbst wirst anerkennen, was ich für Dich thue, denn man kennt mich als Deine Freundin."

Frau von Ertel sprach das Letztere mit einem Nachdruck, dem Bettina sich widerwillig fügte. Sie sank auf eine Causeuse, kreuzte die Arme unter der Brust und starrte eigensinnig vor sich nieder.

Du scheinst mich noch immer nicht zu verstehen!" Pauline setzte sich neben sie.Du bist Zwar in

einer Dir fremden Stadt, aber doch in einer Stadt, in der mich Alle kennen, und wie groß sie sein mag, jeder außergewöhnliche Unterhaltungsstoff ist wie ein Steinchen, das in's Wasser fällt; weiter und weiter ziehen sich die Ringe, die es im Fallen verursacht. Ich konnte ja, als ich Deine Neigung für den Geiger beschützte, nicht ahnen, daß sie auch mich in meiner gesellschaftlichen Stellung kompromittiren werde durch Deine Wildheit, denn Du liebst ja, wie es heute nicht mehr Mode ist! Wenn ich ein Mann wäre, ich wollte, bei Gott, lieber gehaßt, als so geliebt werden! Freilich ist das Temperamentssache, aber man verdenkt mir, was Du als meine Freundin thust, und der Himmel weiß, wodurch das dumme Gerücht hieher gedrungen, Du habest Deine Mutter aus ihrem Sterbebette verlassen. Deinem Pflegevater die letzte Hülfe versagt, nur um dem Geiger nach- Zulausen."

Bettina's Hände krampsten sich im Schooß zu­sammen, ihre Lippen preßten sich aus einander.

Sie war's!" flüsterte sie vor sich hin.Wieder diese Verrätherin!"

Daran glaubt ja natürlich kein vernünftiger Mensch," fuhr Pauline fort,aber die Angst, die Du im Hotel um ihn gezeigt, Deine fruchtlosen Be­suche dort, dergleichen verzeiht die Welt nicht ein­mal einer Häßlichen, viel weniger Dir, die ohnehin so bemerkt wird! Ich möchte Dich nun ungern hier verlieren, denn Du weißt, wie viel ich stets von Dir gehalten, deßhalb mußt Du mit mir auf's Land! Liebt Dich Camill, so wird er Dich Zu finden wissen; liebt er Dich nicht so, wie Du glaubst, denn Dir den Hof zu machen, dazu wäre Jeder bereit so gib ihn auf, wie es Deine Ehre als Weib gebietet.

Jetzt habe ich Dir nichts mehr zu sagen, aber ich erwarte, daß Du meinem Rathe folgst! Komm'!" bat sie, als Bettina noch immer in düsterem Brüten dasaß.Ich habe noch einige Kommissionen in der Stadt; ich setze Dich vor Deinem Hotel ab und in zwei Stunden hole ich Dich!"

Mechanisch ließ Bettina Alles mit sich geschehen. In einer Art von Betäubung erreichte sie ihre Woh­nung, und hier saß sie allein, menschenscheu, ächzend unter dem Eindruck von Paulinens herzlosen Worten, das Haupt in die Hand gestützt, grübelnd über die mögliche Wahrheit derselben.

So lange die Gedanken an Camill in blindem Vertrauen auf seine Liebe ihr Herz erfüllt, hatte ein Gefühl des Verwaistseins keinen Raum in demselben gewinnen können; er war ihre Welt, ihre Gegenwart, ihre Zukunft. Die Worte der Freundin hatten zum ersten Mal ein Gespenst in ihrer Seele heraus­beschworen und wie sie jetzt so verlassen dasaß, war's ihr, als breite dasselbe seine schwarzen Fittige über sie.

Sie war schuld au seinen Leiden; hatte sie nicht auch um ihn gelitten? Aber die Briefe, die sie ihm gesandt. Zürnte er ihr, warum schickte er ihr keine Botschaft?

Ein Pochen an der Thür erschreckte sie. Un- gerusen trat das Stubenmädchen des Hotels ein; sie brachte eine Karte; der Herr wünsche dringend .. .

Gianctti! Camill sandte ihn, ohne Zweifel!