Heft 
(1885) 50
Seite
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Deutsche Noinan-Sibtiothek.

Sie ließ ihn in das Vorzimmer führen, ordnete ihre Toilette und die Erwartung färbte wieder ihr bleiches Gesicht. Sie wollte hören, sie eilte, den Mann Zu empfangen.

Gianetti trat ihr mit feierlichem Lächeln entgegen; er sprach ihr Worte ausgesuchter Höflichkeit, bat um die Erlaubniß, sie in einer Geschäftssache stören zu dürfen, und sie schaute ihn mit immer starrer werdender Miene an, ungeduldig wartend auf die Botschaft, die sie hören wollte.

Endlich kam er auf feine Angelegenheit. Marquis Balsado, sagte er, habe ihm bittere Vorwürfe ge­macht, er weigere sich entschieden, den zwischen ihm und der Frau Baronin geschlossenen Vertrag an- zuerkenneN, es sei kein Anderer befugt, in seine, Gianetti's, Rechte einzutreten, es bleibe ihm also nichts übrig, wie diesen Vertrag als ungesetzlich zu annulliren und ihr die schriftliche Verzichtleistung auf die gezahlte Summe zu überbringen.

Bettina hatte ihn zu Ende gehört. Ihr war's so schaurig um die Brust geworden, ihre Augen hasteten kalt und starr auf Gianetti. Mit zitternder Hand, fast unbewußt, nahm sie das Papier, das dieser ihr mit bange fragendem Blick reichte. Sie las, bleicher und bleicher werdend, schaute immerfort auf das Papier, sinnend, wie sie das verstehen solle.

Und Sie haben keinen andern Auftrag von ihm?" fragte sie endlich, die schwarzen Wimpern nur halb erhebend.

Gianetti war auf diese Frage nicht vorbereitet. Er antwortete nicht und zuckte verlegen die Achsel. Während auch er noch über eine Antwort sann, bebte er leise zurück. Er sah, wie ihre weißen Hände krampfhaft und zitternd das Papier zerrissen und die Stückchen auf den Teppich Zu ihren Füßen streuten.

Als er aufschaute, stand er allein; er sah noch die dunkle Robe der Baronin in der Thür ver­schwinden und diese sich schließen.

Eine Sekunde lang stand er noch da, dann fuhr er mit dem Unterarm über feinen Cylinderhut, schaute auf und begegnete in dem Spiegel ihm gegenüber einem verschmitzt lachenden Gesicht seinem eigenen»

Das Geld ist mein; aber davon braucht er nichts zu wissen!" Er sammelte die größten der Papicrstückchen in seinen Hut und schlich auf den Fußspitzen hinaus.

Kein besseres Geschäft als mit Verliebten, die sich entzweit und einander durch Großmuth zu be­schämen suchen! Wenn ich mit meiner Tournee zu Ende bin, soll mir die schönste Villa am Lago Maggiore gehören!"

Mit gehobenem, stolzem Bewußtsein schritt der kleine Mann über die Straße, um der Sicherheit wegen für die ihm jetzt zweifellos gehörende Summe bei dem Bankhause Wechsel auf Rothschild in Paris zu verlangen.

Neummddreitzigstes Kapitel.

An der Verstimmung der Frau von Ertel gegen ihre Freundin trug kein Anderer die Schuld als Lieutenant von Oettinghaus.

Jobst von Walbeck hatte dem einstigen Kameraden

seine ganze kurze Leidensgeschichte erzählt und Oetting- haus hatte sie der jungen Frau anvertraut, die das hingenommen mit dem Ausruf:O, ich kenne sie! Sie ist heftig und starrsinnig in Allem, was sie empfindet! Was Andere nur bewegt, geht wie ein Orkan durch ihre Seele. Schon in der Pension verrieth sie mir oft einen gewissen Haß gegen die Menschen; wen sie, wie mich, gern hatte, dem gab sie sich rücksichtslos hin, mochten sich Andere ihr nähern wollen, sie verletzte sie, wenn sie nicht glaubte, sie benützen zu können. Sie ward maßlos verwöhnt und verzogen von unserer Frau von Schüller, die immer nur auf die Freigebigkeit des Baron Oppen­stein spekulirte."

Oettinghaus mit all' seiner Verehrung für den Künstler war auf der Mensur doch der Ansicht ge­wesen, für ein Weib wie dieses, das so lieben konnte, hätte er sich auf Kanonen fordern lassen, um seinen Gegner zu vernichten oder eines großen, helden­mütigen Todes für sie zu sterben. Ebensowenig begriff er deßhalb, wie Walbeck so ruhig auf sie ver­zichten konnte. Sie waren eben Beide Männernaturen, die an sie nicht heranreichten.

Der Gedanke, Bettina in Gesellschaft der Frau von Ertel hinausbegleiten zu sollen, war ihm deßhalb ein hochbewegendes Ereigniß. Mit klopfendem Herzen erwartete er um die bestimmte Stunde, Paulinen im Wagen gegenüber sitzend, das Erscheinen der jungen Frau. Er wechselte die Farbe, als diese wirklich erschien, bleich, mit den Spuren der Thränen in den schönen Augen, die sie vergeblich hinter dem Schleier zu bergen suchte. Er sah, wie sie schweigend Paulinens Hand drückte, sich neben derselben in den Wagen zurücklehnte und in sichtbar tiefer Verstimmung die Unterhaltung verschmähte.

Frau von Ertel verstand sie. Es that ihr leid hiezu Anlaß gegeben Zu haben, aber sie kannte Bet­tina, sie wußte, daß nicht ihre Vorwürfe allein diesen Schmerz verursacht. Ein forschender Seitenblick auf sie überzeugte sie sogar, es müsse während dieser wenigen Stunden noch Anderes vorgefallen fein, denn Bettina's Züge verriethen das gewaltsame Zurückdrängen und Beherrschen eines schweren innern Kampfes.

So wie jetzt eben hatte sie ihre Freundin ge­sehen, wenn sie, kaum dem Kindesalter entwachsen, erlittenes Unrecht, das sie nicht rächen konnte, in sich verarbeitete, wenn es in ihr wie in einem kleinen Vulkan kochte, bis es ihr gelungen, geräuschlos eine Revanche zu üben, die nur der Mitwissende auf die Veranlassung Zurückzuführen im Stande.

Oettinghaus, der keine Ahnung von einer solchen hatte, sah sich um seine Hoffnung betrogen. Bettina würdigte ihn kaum der Beachtung; in sich verschlossen, schien sie nicht zu hören, was er in seiner Erregtheit zu Frau von Ertel sprach.

So fuhr man endlich in das Dorf ein, das dem vergnügungslustigen Wiener ein Mekka, vorüber an den Restaurants und ihren Gärten. Frau von Ertel's Blick glitt über die unter den Zeltdächern sitzenden Gäste, bis plötzlich eine Gruppe ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie wollte grüßen, aber sie erschrak in ihrer Bewegung und lehnte sich zurück.