Heft 
(1885) 50
Seite
1191
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Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.

Auch Bettin a's Auge schweifte gleichzeitig ohne Interesse über die Dasitzeudeu; aber auch sie hatte dieselbe Gruppe bemerkt, vielleicht aufmerksam gemacht durch Pauline. Auch sie sank zurück, aber mit einem schlecht unterdrückten Schmerzenslaut; ihr Haupt lehnte sich auf die Schulter.

Mein Gott!" Pauline legte den Arm über ihre Freundin.Schnell, schnell!" ries sie dem Kut­scher Zu, und dieser, wie errathend, trieb die Pferde an. Die Dienerschaft hob vor dem Landhause des Herrn von Ertel eine Ohnmächtige aus dem Wagen.

Pauline war außer sich.Diese Narrheit! Ich selbst war schuld daran!" rief sie, als man die Be­wußtlose zu sich gebracht, in ihrem Zimmer ruhelos auf- und abschreitend.Mister Hawcourt, der im vorigen Jahre mehrmals unser Gast war, mit seiner schönen blonden Tochter! Ich war ihnen einen Gruß schuldig. Aber wie kamen Balsado und Gianetti zu ihnen! Ich wußte nicht einmal, daß Hawcourt wieder hier sei! Und der Brief, den ich eben an ihrer Brust fand, als ich sie aufschnürte!" Pauline erinnerte sich in ihrer Bestürzung erst jetzt desselben.Ich wage nicht, ihn zu lesen, sie würde es mir nicht vergeben, aber ich mußte ihn retten vor der Neugier meiner Jungfer. Mein Gott, was für ein Elend sie mir bereitet! Und Oettinghaus, den ich hieher einlud, um sie zerstreuen zu helfen; er wird errathen; auch er muß ihn gesehen haben!

Aber auch er scheint bis über die Ohren verliebt in sie zu sein! Das fehlte noch! Diese Schwäch­linge, die Männer! Keiner kann sie ansehen, ohne gleich Herz und Kopf zu verlieren!... Um Gottes willen, muß auch er schon kommen!" Sie hörte ihres Gatten Stimme draußen und lief ängstlich in ihr Schmollzimmerchen, um nicht gleich Rede stehen zu müssen.

Inzwischen erschien Herr von Ertel; er fand sie, als er die Portiere zurückgeschlagen, und blickte harmlos herein.

Warum versteckst Du Dich denn?" rief der joviale alte Herr mit den lustigen kleinen Augen, sie anlächelnd.Ich muß Dir doch gleich sagen,"

er setzte sich zu der verlegenen jungen Frau, ihre Hand nehmenddaß Mister Hawcourt wieder hier ist; er hat so lange in London und Paris gelebt. Er gab heute seine Karte in meinem Bureau ab und eben begegnete ich ihm drüben mit seiner Tochter, die noch viel schöner geworden ist. Ich lud sie für morgen hier bei uns zum Diner und sie haben an­genommen, werden Dir natürlich morgen früh hier draußen ihren Besuch noch machen."

Pauline hörte das mit steigender Verlegenheit. Ertel wußte nicht, daß Bettina sie hieher begleitet.

Und daß ich's nicht vergesse," fuhr Ertel fort, auch Balsado war bei ihnen; ich sah ihn zum ersten Mal wieder. Ich konnte natürlich nicht umhin, auch ihn und Gianetti einzuladen..."

Und er hat angenommen?" fragte Pauline schnell und besorgt.

Erst nachdem Hawcourt ihn gebeten und ich ihn versichert, daß wir ganz unter uns sein würden."

Pauline schüttelte peinlich berührt den Kopf.

Das setzt mich in eine schreckliche Verlegenheit!"

sagte sie.Du weißt nicht, daß meine Freundin Bettina mit mir gekommen; ich habe sie eingeladen, einige Tage zu bleiben."

Aber was thut denn das, Kind? Wenn die schöne Frau Baronin und Balsado ... Apropos, Du warst ja die Schirmherrin dieser höchst romantischen Liebe, von der man so viel hören mußte. Du scheinst so unmuthig; unsere Amerikaner brauchen ja nichts zu wissen von dem, was etwa zwischen den Beiden..."

Das ist es ja eben!" platzte Pauline heraus. Es ist nichts mehr zwischen den Beiden! Wir können sie unmöglich ... Bettina ist eine Närrin, aber sie war ja nicht zu kuriren von dieser unglück­seligen Leidenschaft."

Also aus ist's? Hm, da habe ich allerdings was Dummes angestellt!"

Bettina sah den Geiger heute bei der schönen Ellen sitzen; sie ist natürlich wild und eifersüchtig auf sie. Es bleibt mir nichts übrig, als ihr zu sagen... Ich muß mich ohnehin nach ihr umschauen. Wie konntest Du nur so unvorsichtig sein."

Pauline erhob sich unruhig und trat hinaus auf die Gartenterrasse. Die Dunkelheit sank eben schnell herab und legte sich bereits auf die Blumenrabatten; Ertel folgte ihr mit den Händen auf dem Rücken. Gewohnt, seiner Gattin in Allem die Vorhand zu lassen, trug er geduldig den Vorwurf und schaute, in der Thür stehend, auf den Garten hinaus. Be­ruhigend war es ihm, als er den Lieutenant von Oettinghaus die Stufen heraufsteigen sah.

Auch dieser schien verlegen, wie er Pauline grüßte.

Gnädigste Frau," sagte er halblaut uud zögernd, ich bin da in einer Situation des Zweifels, der Unschlüssigkeit. Ich sah vorhin Ihre reizende Freun­din, nur mit einem dunklen Schleier über dem Scheitel, eilig durch die Gartenthür hinaushuschen. Es wird Nacht, ich befürchtete, daß ihr so allein etwas Unangenehmes begegnen könnte, aber ich wagte nicht..."

Pauline krampfte die Hände zusammen und stampfte mit dem Füßchen.

Diese Unbesonnenheit! Sie ist unverbesserlich! Herr von Oettinghaus!" Sie schritt mit ihm seit­wärts.Ich würde meinen Mann bitten, aber der ist unbrauchbar zu dergleichen . . . Sie darf nicht allein... Sie errathen wohl; was soll ich Ihnen Geheimnisse machen... Eilen Sie ihr nach, Oetting­haus; ich beschwöre Sie! Führen Sie die Unbesonnene hieher zurück! Sie ist aufgeregt, beleidigt! Sie weiß nicht, was sie thut! In einer solchen Stimmung ist sie zu Allem fähig!"

Pauline hob dabei die Hände so flehend, daß Oettinghaus keinen Einwand hatte.

Aber wo finde ich sie?" fragte er nur verwirrt, obgleich er selber ahnte.

Fragen Sie doch nicht!" Sie deutete ihm die Richtung uud Oettinghaus taumelte die Stufen hinab.

Er sollte ihr nach, sollte sie vor einem Akt der Leidenschaft schützen, für den er, wenn er um seinet­willen geschähe, sein Leben hingegeben hätte.

Ohne zu überlegen, bewegte er sich vorwärts. Dunkler ward's. Aus den erleuchteten Gärten schallten heitere Stimmen. Er blickte hierhin, dorthin, erreichte