Heft 
(1885) 50
Seite
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Deutsche Roman-Bibliothek.

die große Straße und sah sich vor dem Gartenlokal, in welchem er jene Gruppe gesehen.

Der Tisch war leer. Der Kellner machte sich eben an das Abräumen. Aber vor dem Ausgang hielten zwei Fiaker. Er erkannte die junge Blondine, den alten Herrn mit dem langen, rothgrauen Bart, auch Balsado. Er sah, wie sie alle Drei mit Gianetti den ersten Fiaker bestiegen und . ..

Da, wenige Schritte vor ihm stand, mit beiden Händen an das Gitter des Gartens geklammert, eine verschleierte weibliche Gestalt, deren Antlitz starr nach jener Richtung gewendet war. Er erkannte Bettina, sah, wie ihre Hände sich eben von dem Gitter lösten, wie sie mit wankenden Schritten an demselben sich entlang bewegte, dann plötzlich diese Schritte be­schleunigte.

Er trat ihr in den Weg. Bettina stieß er­

schreckend einen Laut aus und wich zurück. Oetting- haus schaute durch den Schleier in ein leichenblasses Gesicht, dessen Angen sich mit wildem, feindlichem Ausdruck zurückschreckend auf ihn hefteten.

Gnädigste Frau," bat er mit unsicherer Stimme, Ihre Freundin fürchtete für Ihre Sicherheit. Es ist dunkel. Ich bitte dringend, mir zu gestatten..."

Bettina's düstere, unheimlich leuchtende Augen hatten sich von ihm gewendet; starr und regungslos schaute sie dem sich entfernenden Fiaker nach. Dann senkte sich ihre Stirn; unentschlossen stand sie da.

Vergönnen Sie mir Ihren Arm, meine Gnä­digste," Lat Oettinghaus drängend.

Sekunden vergingen. Bettina's Hand hatte das Gitter ersaßt, um sich zu stützen; sie blieb regungslos. Oettinghaus, der sie anfangs angeschaut, wie er eine Heilige, eine Märtyrerin angeblickt haben würde, erschüttert durch den Eindruck so furchtbaren Schmerzes, wie er auf diesem bleichen Gesichte stand, schlug ebenfalls seine Augen nieder. Erschreckt fuhr er zusammen, als er jetzt ihre Stimme vernahm:

O mein Gott, mein Gott, kann es denn wahr sein!"

Er sah, wie sie die Hände vor das Antlitz schlug und in ein heftiges Schluchzen ausbrach.

Gnädigste Frau!" Er wagte in seiner Rath- losigkeit, die Hand auf ihren Arm zu legen.Ich beschwöre Sie, gnädigste Frau, man könnte Sie sehen! Ist es denn so Entsetzliches, was Ihnen..."

Er fragte, obgleich er Alles wußte; er blickte angstvoll umher. Es war ja nicht weit bis zur Ertel'schen Villa, aber wie diese erreichen! Er em­pfand das tiefste Mitleid für sie, hätte sich vor ihr aus die Kuiee werfen mögen, um sie zu beschwören. Aber jetzt richtete sie sich ans, ihr Arm suchte hülfsbedürstig den seinigen, und von ihm geführt, dessen Herz laut und verzagt gegen ihren Arm klopfte, geleitete er sie in den Schatten der Straße.

Er wagte kein Wort des Trostes, mit Ehrfurcht verstummend vor diesem Schmerz. Ein Weib, das so lieben konnte, war ihm eine heilige, himmlische Erscheinung... So schön, so elend und doch vom Schöpfer bestimmt zur Anbetung.

Zu seinem eigenen Trost fühlte er, wie ihr Arm leichter in dem seinen, ihr Gang sicherer ward. Er wollte sprechen, aber er fürchtete zu verletzen; ein

wonniger Schauder durchlief ihn, als er, vor der Ertel'schen Gartenpforte angelangt, einen unwillkür­lichen Druck ihres Armes empfand.

Frau von Ertel stand in dem aus dem Salon dringenden Lichtschimmer auf der Terrasse; vielleicht hatte ihr Anblick diese Bewegung Bettina's verursacht, denn sie hielt unschlüssig inne vor der Pforte. Erst als Oettinghaus diese geöffnet, ließ sie seinen Arm und schritt ihm hastig voran.

Die junge Wirthin empfing sie und verschwand mit ihr in das Haus. Ertel trat Oettinghaus ent­gegen, als dieser wie ein Schlafwandler die Stufen hinangeschritten.

Herrgott, die Weiber!" rief Ertel mit komisch­unglücklichem Gesicht.Kommen Sie!" Er nahm den Arm des Lieutenants und führte ihn in den Salon.Ich habe einen vortrefflichen Gumpolds- kirchner, der soll uns Appetit machen. Ich wüßte schon," fuhr er fort, während Oettinghaus mechanisch ihm gegenüber Platz genommen und den Inhalt seines Glases leerte,ich wüßte schon, wie man sie Alle kurirte! Man sollte sie emanzipiren, ihnen all' die Arbeit und Sorge mit aufpacken, die wir Männer zu tragen haben, so würden sie verlernen, daß sich Alles in der Welt nur um ihr Herz drehe. Gott sei Dank, mir hat meine Paula noch niemals von diesem unseligen Knorpel gesprochen! Aber wie blaß Sie sind! Trinken Sie; oder sind Sie auch schon verliebt?"

Pauline ließ eben durch den Diener bitten, die Herren möchten sie bei der Tafel nicht vermissen, sie werde kommen, sobald es ihr möglich.

Sie erschien erst nach einer Stunde, als Oetting­haus, der keinen Appetit gehabt, eben den Säbel umschnallte, um in die Stadt zurückznkehren.

Es war nur ein vorübergehender Anfall," sagte Pauline, mehr erregt als sie scheinen wollte.Sie ist gar zu vollblütig und hat ein allzu erregbares Temperament."

Sie gestatten, gnädigste Frau, daß ich morgen mich persönlich erkundige?" fragte Oettinghaus, ihre Hand zum Abschied küssend.

Sie werden mich sehr erfreuen! Aus unserem Diner, lieber Ertel, kann morgen leider nichts werden. Du wirst uns bei Hawcourts entschuldigen!"

Als Oettinghaus sich entfernt, ließ sie ihrem Unmuth die Zügel.

Daß ich auf die Idee kommen mußte, sie mit hieher zu nehmen!" rief sie entrüstet.Ich begreife Alles, aber das ist mir doch zu toll! Sie war wie von Sinnen! Ich wollt', Balsado wäre erst fort, denn so lange gibt es keine Ruhe für mich."

Hm, das Abendblatt bringt eben am Schluß schon die überraschende Notiz, daß Gianetti in aller Eile morgen noch ein Abschiedskonzert veranstalte."

O, dann steht mir ja noch ein herrlicher Abend bevor! Ich muß wieder zu ihr; ich sehe schon, ich werde die ganze Nacht keine Ruhe haben!"

Na, dann laß nur mir die meinige!" Ertel suchte sein Zimmer. Er hatte keinen Sinn für derlei Emotionen.

Als Pauline zu ihrer Freundin zurückkehrte, fand sie diese auf dem Bettrande sitzend, wie sie sich vom