Heft 
(1885) 50
Seite
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Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.

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Lager erhoben, die Hände im Schooß, das bleiche Antlitz von dem die Schläfen überflutenden Haar be­deckt. Als sie Bettina die tief eingesunkenen Augen aufschlagen sah, schrak sie zurück, denn ihr war's, als spreche geistige Störung aus diesem glanzlosen Blick, und mehr noch, als Bettina die nackten Arme erhob, das Haar zurückstrich, beide Hände unter dem Haupt in einander schlang, dasselbe zurücklehnte und in düsterem Sinnen zur Decke schaute.

Was willst Du?" rief sie, als Bettina sich jäh erhob und Miene machte, sich anzukleiden.

Ich will zur Stadt!" Ton und Miene verriethen ihren Entschluß.

Und allein? So spät?"

Bin ich denn nicht immer allein?"

Eben damit Du es nicht seiest, bat ich Dich, mit mir zu kommen. Du konntest von einer ganzen Welt begehrt sein und wandtest Dich so thöricht von ihr."

Du weißt, was meine Welt gewesen; sie sank heute vor meinen Augen zusammen."

Nimm Vernunft au; es gibt noch eine andere, in der Du glücklicher sein könntest!"

Bettina antwortete nicht. Mit blutleerem Antlitz und von gekränkter Leidenschaft zitternden Händen setzte sie ihre Toilette fort. Pauline, auf den Divan hingelehnt, die Arme kreuzend, schaute ihr schweigend zu; schließlich aber stieg ihre Besorgniß, als sie den Trotz in Bettina's Antlitz sah.

Was hast Du vor?" fragte sie, sich erhebend und ihr in den Weg tretend.

Nichts, was Dich..." Sie schaute Pauline mit von Zorn entstelltem Gesicht an.

Und so willst Du Dich von mir trennen? Versteh' mich!" Auch Pauline verlor ihre Selbst­beherrschung.Ich sagte: trennen, weil ich in meiner gesellschaftlichen Stellung und meinem Manne gegenüber keine Mitverantwortung tragen will für das, was Du Sinnloses begehst! Du bist dieselbe tolle Betty geblieben, die Du im Pensionat gewesen, und wirst sie immer bleiben!"

Ein Blick voll Verachtung antwortete ihr. Hoch ausgerichtet wandte sie ihr den Rücken.

Bettina!" Diese war schon hinaus. Pauline stand erschrocken; sie hatte nicht erwartet, daß Bettina sie wirklich verlassen werde.

Ganz aufgeben darf ich sie nicht; aber heute soll sie wenigstens ihren Willen haben; mag sie sich einmal die Stirn einrennen, damit sie zur Vernunft kommt! Aber den Brief will ich . . . Sie hat ja keine Gedanken mehr..."

Sie zog das Billet aus dem Busen, das ihr vorhin in die Hände gefallen, trat an das Licht und las.

Ich kann ihm nicht Unrecht geben, wie leid sie mir auch thut! Er bittet sie um Verzeihung für einen unglücklichen Traum seines Herzens, während vor dem strengen Richter seines Gewissens er doch nur ihr zu vergeben habe für ihre Unaufrichtigkeit, für die Täuschung, in welcher sie ihn erhalten." Tief verstimmt barg sie das Billet wieder und suchte ihren Gatten.

Deutsche Roman-Biblioihck. XII. 25.

Inzwischen war Bettina hinausgestürmt. In ihr tobte es; sie eilte durch den dunklen Garten, fuhr aber vor einer Gestalt zurück, die, nachlässig auf das Gitter gestützt, den Ausgang sperrte.

Sie, Gnädigste ..." Oettinghaus hatte es mit Zaubergewalt an die Stätte gebannt, als die Konvenienz ihm geboten, der Wirthin des Hauses nicht lästig zu fallen. Freudig überrascht, aber erschreckend über ihr Ungestüm, richtete er sich auf und öffnete die Thür.

Beide standen einander gegenüber, Bettina mit gesenktem Blick, schwer und heftig athmender Brust, er mit der ganzen Theilnahme seines berauschten Herzens.

Sie wollen . .. zur Stadt?" fragte er, da sie schwieg, aber ungeduldig hinausschaute.Es war eine glückliche Ahnung, die mich hier festhielt. Ge­statten Sie mir, gnädigste Frau..."

Sie antwortete nicht, aber sie lehnte auch nicht ab. Sie trat in die Thür.

Ihren Arm, wenn ich bitten darf die Straße ist finster..."

Mit demselben Schweigen gewährte sie ihm und verschwand an seiner Seite in das Dunkel hinein.

Vierzigstes Kapitel.

Riesige Affichen verkündeten schon am nächsten Morgen ein letztes Konzert Balsado's für den Abend, und Bettina's Blick mußte gerade auf eine derselben fallen, als sie nach schlafloser Nacht, krank an Körper und Geist, sich erhob und an das Fenster getreten war, um mit müden, dunkel umrandeten Augen auf das Gewühl der Straße hinab Zu blicken.

Die Wimpern schließend, kraftlos auf einen Sessel sinkend, barg sie das Antlitz in den Händen.

Welch' eine Nacht nach jenem für sie entsetzens­vollen Tage! Schweigend hatte sie's sich gefallen lassen, daß Oettinghaus sie bis zum Hotel gebracht, sie hatte ihm zum Abschied eine kalte, fast regungslose Hand gereicht und war dann oben in ihrer Wohnung machtlos zusammengebrochen.

Keine Hülfe, denn sie hatte Niemanden nm sich zur geringsten Dienstleistung; kein fremdes Auge sollte auch ihre Verzweiflung sehen, und in dieser riß sie endlich, als die Vorstellung der erlittenen Schmach sie aufrüttelte, die Kleidung von sich, schleppte sich znm Lager, ballte die Hände vor der Stirn, raufte das Haar und fluchte sich, fluchte ihm, der sie in so rücksichtsloser Weise verhöhnt.

Wechselnd in Sturm und gänzlicher Zerknirschung verstrichen die Stunden der Nacht. Wenn ihre Augen­lider müde und schmerzend Zugesallen und sie in halber Betäubung dagelegen, schreckten sie die wüstesten, düstersten Bilder auf. Sie sah die beiden Todten vor sich, die sie Zurückgelassen, hörte die Stimme der Mutter, des in seiner Liebe so unerschöpflichen väter­lichen Wohlthäters; sie hörte Lola's Stimme, wie diese an jenem Abend zu ihr hereingestürzt, und dann begann sie gegen sich selbst zu rasen; sie sprang vom Lager und stand fröstelnd, zitternd inmitten des Schlafgemachs. Vor ihrem Schatten erschreckend, die Geister der Verstorbenen fürchtend, warf sie sich

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