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Deutsche Noman-Sibliothek.
wieder auf das Lager, barg das Antlitz wimmernd im Kissen und ihre Zähne schlugen vor Angst und Kälte auseinander.
So ging ihr nach tausend Qualen der Morgen ans. Sie wies das an die Thür pochende Stubenmädchen ab; sie begehre nichts, und die Erschöpfung überkam sie endlich; sie versank in tiefen Schlummer.
Erst am Nachmittag erwachte sie. Der Tag war trübe und nebelig, aber ihr Gemüth hätte ja nichts mehr zu umdüstern vermocht. Sie kleidete sich an und ries die Magd.
Frau von Ertel sei vor einer Stunde dagewesen, habe aber auf alles Pochen keine Antwort erhalten, meldete man ihr; die Dame habe so sehr bedauert, nicht empfangen worden zu sein.
Bettina ließ diese Nachricht gleichgültig. Pauline hatte sich herzlos gegen sie benommen. Aber sie überlegte, daß sie ja ihr einziger Zusammenhang mit der Welt sei. Durch sie konnte sie von ihm hören, den sie in dem einen Augenblick haßte, verachtete und nach dem im nächsten Moment doch wieder ihr Herz so blutend und verlangend ries.
Und dieses furchtbare, unerträgliche Verlassensein! Diese Erinnerung an die unheimlichen Erscheinungen der letzten Nacht, diese Stimmen, die ihr noch im Ohr hallten, diese Gesichtszüge der beiden Todten, die ihr so deutlich vor Augen getreten! — War sie denn schuld an ihrem Tode? Die Mutter war schon gestorben, ehe sie heimkehrte, und er, der früh gebrochene, hinfällige alte Mann, hatte sich ja schon Zum Sterben bereitet, als er sein Testament gemacht.
„Es ist genug!" rief sie, sich ausrichtend. „Ueber- genug! Soll man spotten über mich? Soll diese kluge Frau von Ertel die Genugthuung haben, mir zu sagen: ,Jch habe Dich gewarnt?' Ich will das nicht einmal in ihren Augen lesen! Sie, die ich viel zu tief in mein Herz blicken ließ, soll nicht wähnen, ich lasse dasselbe zertreten durch einen. . ."
Ihre Augen schlossen sich. Der Schmerz stieg doch von Neuein heraus ans diesem mißhandelten Herzen. Aber Niemand sollte es wissen, sie selber nicht. Niemand sollte, was auch' geschehen sein mochte, glauben dürfen, es habe sich um Anderes, als um eine flüchtige Neigung gehandelt .. . Sie, die schöne, stolze Bettina. . . Und während jede Empfindung, jeder schmerzende Nerv ihr das Gegentheil von dem sagte, womit sie sich selbst zu täuschen suchte, begann sie ihre Toilette. Sie ries das Mädchen herein und kleidete sich mit der äußersten Sorgfalt, sprach derselben von der Nothwendigkeit, eine neue Gesellschaftsdame zu haben, und als sie die Lästige hinansgeschickt, suchte sie vor dem Spiegel die Spuren der Nacht zu verwischen.
Neue Seelenqual nur verursachte ihr die mühsame Haltung, zu der sie sich zwang, denn immer wieder blutete die tiefe Wunde. Sie hätte aufschreien mögen und ihre Lippen preßten sich doch fest zusammen; ihre Augen feuchteten sich und sie verdrängte die Thränen durch Vorstellungen der Rache, der Genugthuung. Aber auch diesen verweigerte dann das Herz jede Betheiligung. Und dann trat auch jene blonde Erscheinung vor ihr Gesicht, die ihr sein Herz entfremdet... Sie selbst hatte dieß ja in tausend bösen
Ahnungen gefürchtet, sie hatte darum gehastet, zu ihm zu kommen, ihn gegen alle die Anderen Zn vertheidigen, und trotzdem war es umsonst gewesen.
Bleich und mit sortzitternden Nerven, in den Angen noch den Wiederschein der in ihrer Seele um die Gewalt kämpfenden Gefühle, stand sie angekleidet da. Es litt sie nicht im Zimmer; aber draußen begegnete sie nur neugierigen Blicken, die ihr wehe thaten. Pauline durfte ihren Besuch erwarten, aber sie fühlte sich noch nicht stark genug, um sie zu täuschen, die jede ihrer Regungen zu beurtheilen vermochte. . .
Das Mädchen brachte ihr eine Karte. Lieutenant von Oettinghaus bat in einer mit Blei auf dieselbe geschriebenen Zeile, sich nach ihrem Wohlsein erkundigen zu dürfen.
„Ich erwarte den Herrn drüben im Salon!" Minuten aber ließ sie verstreichen, ehe sie hinüberging. Oettinghaus hatte gestern Alles errathen; es galt, auch ihn zu täuschen; sie mußte erst die Fassung hiezu erringen.
Oettinghaus, als er endlich die hohe, schlanke Gestalt Hereinschreiten sah, fand sie so anders, als er gefürchtet; er hatte nicht gewagt, aus einen Empfang zu rechnen, und jetzt stand sie dennoch vor ihm, zwar mit kränklicher Blässe in dem schönen Antlitz und wehumschleierten Augen, aber sie lächelte doch, als er ihre Hand nahm, um sie an seine Lippen zu führen, und sie gewährte ihm dieß so gnädig.
„Sie sahen in mir gestern eine rechte Thörin," sagte sie mit demselben Lächeln. „Seit all' der Familientrauer, die ich bestehen mußte, fühle ich mich so reizbar; es muß wohl krankhaft sein; ich hoffe das durch Aufsuchung eines milden Klimas zu überwinden. — Nicht wahr," fuhr sie fort, als Oettinghaus, der, zum ersten Mal allein mit der von ihm angebeteten schönen Frau, seine ganze Fassung zusammennehmen mußte, einige galante Worte gestammelt, „Sie bemitleideten gestern meine Schwäche. Ich gestehe sie gerne ein; es liegt einmal so in meiizpm Charakter! Ich konnte durch die außergewöhnliche Erscheinung eines Mannes geblendet werden, konnte für seine Huldigungen empfänglich sein wie ja so manche Andere, aber ich bin nun einmal eine Tyrannin, ich fühle mich unversöhnlich verletzt, wenn ich an dem Huldigungseide auch nur den geringsten Makel finde. Vergessen Sie, was gestern geschehen, wie ich selbst es schon vergessen. Ich gedenke Wien schon in den nächsten Tagen zu verlassen. Mein Besuch galt ja nur der Freundin."
Oettinghaus erblaßte bei den letzten Worten.
„Sie werden Frau von Ertel sehr betrüben, und auch . . . Andere!" versicherte er.
„O, man vergißt mich leicht! Ich bin eine zu herrschsüchtige, egoistische Natur!" lachte Bettina. „Aber ich vergaß ganz, Ihnen meinen Dank für gestern zu sagen; Sie würden sich denselben in noch höherem Maße verdienen, wollten Sie mich auf die Promenade begleiten. Ich bin so allein und bedarf der frischen Luft."
Oettinghaus war glücklich. Er schaute ihr mit Entzücken nach, als sie den Salon verließ, um ihre Toilette zu beenden. Wie sie dieß Wort „vergessen" betont hatte! Und ihn wählte sie als Begleiter!