Heft 
(1885) 50
Seite
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Die tolle Setty von Hans Wachenhusen.

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Sein Herz pochte überlaut. Und sie ließ ihn nicht warten; sie erschien in wenigen Minuten wieder mit demselben bleichen Lächeln... Sie war zum An­beten schön.

Paulinens Ueberraschung war groß, als sie ihre Freundin mit dem Lieutenant bei sich erscheinen sah. Heimlich forschend suchte ihr Auge in Bettina's Antlitz, während sie selbst jede Berührung des gestrigen Tages vermied.

Ich war eine Närrin gestern!" flüsterte ihr die Letztere zu.Es ist Alles vorüber. .. Alles!"

Pauline blickte erstaunt, aber sie drückte billigend ihre Hand. Sie glaubte nicht; sie wußte, woran sie war. So Zu vergeben und vergessen lag nicht in Bettina's Natur; sie rettete offenbar den Schein, wie sie das früher zu thun gewohnt, um als ver­söhnliche Dulderin zu erscheinen und sich plötzlich wie eine Pantherin aus ihren Gegner zu stürzen, wenn sie ihre Zeit gekommen sah. Mehr aber noch galt Paulinens Erstaunen der Beobachtung, daß Bettina, die gestern nicht der geringsten Selbstbeherrschung fähig gewesen, in einer Prüfung wie dieser die Macht über sich gewonnen, vor der Welt zu leugnen, was noch lange in ihr fortschmerzen mußte.

Und lange ertrug Bettina in der That diese Rolle nicht. Als inmitten der heitersten Unterhaltung der Schmerz sie wieder zu überwältigen drohte, wandte sie sich plötzlich ab, sie setzte sich an das Piano, tobte über die Tasten, sprang wieder auf und rettete sich in der Freundin abgelegenes Schmollzimmer.

Oettinghans und Pauline befanden sich, zurück­bleibend, in einiger Verlegenheit; die Letztere sträubte sich, ihm zu gestehen, daß sie ihn vor Kurzem zum Apostel einer offenbaren Unwahrheit gemacht. Sie erhob sich.

Balsado sandte uns heute morgen schon seine Abschiedskarte," sagte sie zerstreut.Wir sehen Sie heut Abend hoffentlich in unserer Loged Dieses Konzert kommt so überraschend."

Sie errieth den fragenden Blick, mit welchem der Lieutenant sich dankend verbeugte; sie antwortete auch nicht:Ich hoffe, sie wird so klug sein, heut Abend fern zu bleiben." Beide verstanden sich also, und Oettinghans ging, weniger trostlos als gestern.

Was da vorhin wieder in der jungen Frau auf­gestiegen, beurtheilte er im vortheilhaftesten Sinne als das Ausklingen eines Wehs, von dem sich die schöne Seele zu befreien rang. Sie hatte ihn eines Vorzugs gewürdigt, den er hoch anschlug. Er war von ihr in einer Stimmung empfangen worden, in welcher ein Weib das ganze Geschlecht der Männer hassen mußte.

Der Schwärmer fragte sich nicht, ob das nicht etwa geschehen, weil gerade er in ihren Augen außerhalb desselben stehe!

Emundvierzigstes Kapitel.

Gianetti hatte für sein Abschiedskonzert ein Theater gewählt. Er wußte, was es hieß, dergleichen zu arrangiren, ohne das Publikum tagelang vorzubereiten; er verließ sich auf das in so hohem Grade gespannte Interesse der Gesellschaft.

Und seine Erwartungen bestätigten sich. Schon der Vorverkauf war ein enormer; in Massen stand das Publikum einige Stunden vor Beginn sich drängend um die Kasse.

Gianetti rieb sich die Hände. Seit seiner Glanz­zeit in New-Iork hatte er so unglaubliche Einnahmen nicht. Nur mit dem Künstler selbst hatte er am Morgen noch einen schweren Stand gehabt. Balsado hatte ihm erklärt, er spiele nicht, als ohne sein Wissen in der Nacht schon die Afsichen gedruckt worden und diese bereits an den Ecken klebten.

Und Sie haben gestern Abend noch Miß Haw- court zugesagt, als diese so flehend bat, Sie hören zu dürfend" ries Gianetti endlich.Sie haben dem alten Herrn sogar Wort und Hand darauf gegeben!"

Das hatte den Kampf entschieden, selbst als Camill eingewendet, er fühle sich noch zu schwach, um diese Probe zu bestehen.

Der Abend war also gekommen; die Räume des Hauses waren mit einem glänzenden Damenflor ge­füllt. Gianetti hatte für ein gutes Orchester gesorgt, aber Niemand hörte auf die Introduktion; man war nur des Geigers wegen gekommen.

In der Loge des Proszeniums links erschien während der Introduktion Frau von Ertel in schwarzer Robe mit ihrem Gatten. Sie grüßte hinaus in die Logen und Sperrsitze; die heitere Frau war ja mit der ganzen Lebewelt bekannt.

Auch Lieutenant von Oettinghans erschien bald darauf im Hintergründe der Loge; er beugte sich nur daun und wann zu der jungen Frau oder deren Gatten, um ihnen einige Worte zu sagen, und war im klebrigen auffallend reservirt.

Die Loge gegenüber war noch leer. Pauline schaute oft mit auffallendem Interesse hinüber, doch erst als die Pause eintrat, nach welcher der Geiger auftreten sollte, zeigte sich an der Brüstung dieser Loge eine lichte Elfengestalt in hellblauer, mit kostbaren Spitzen garnirter Robe, die Aller Aufmerksamkeit erregte.

Miß Ellen Hawcourt!" lief es durch die Logen, denn man erinnerte sich des zarten blonden Wesens mit dem kornährenfarbigen Haar und dem wunder­bar klaren Teint, das im vorigen Winter einige Monde lang in keinem Konzert, keiner Oper gefehlt und dann zur Verzweiflung der Kavaliere plötzlich wieder verschwunden war.

Als sie an der Brüstung erschien und mit ameri­kanischer Nonchalance einen Blick über die gefüllten Räume warf, während ihr Papa gravitätisch seinen Platz einnahm, gewahrte sie Frau von Ertel. Mit einem reizenden Lächeln warf sie derselben ihren Gruß hinüber.

Ich ahnte es!" Pauline, als sie sich in den Fauteuil zurücklehute, barg das Antlitz hinter dem Fächer. Ein nervöses Bangen hatte sie schon über­fallen, als jene sonnige Lichtgestalt in die Loge ge­schwebt.Wenn sie nur so klug wäre.. . Ich habe sie nicht eingeladen, aber..."

Ein Sturm erhob sich eben im Hause. Camill war, die Geige unter dem Arm, erschienen, das Antlitz von interessanter Blässe angekränkelt, aber schöner als je, wie seine schwarzen, großen Augen die ihm Zujubelnden überflogen.