Heft 
(1885) 50
Seite
1196
Einzelbild herunterladen

1196

Deutsche Roman-Bibliothek.

Eine Flut von Blumensträußen und Kränzen brauste förmlich zu seinen Füßen, als er dastand, und immer mehr häufte sich dieselbe. Minuten ver­strichen während dieser enthusiastischen Ovation. Die Augen der Frauen schauten wieder soasiatisch", lachte Gianetti, der, hinter einer Coulisse stehend, diese Huldigung beobachtete.

Erst als Camill die Geige und den Bogen hob, trat tiefe, andächtige Stille ein. Alles lauschte athemlos seiner Bravournmmner, die Gianetti weislich ausgesucht; Alles war truukeu, hingerissen, Auge und Ohr.

Nur Pauline ward der Genuß der Anderen ge­stört ... Sie hatte hinter sich in der Loge ein leichtes Geräusch vernommen, als der Geiger eben den Bogen angesetzt, hatte gesehen, wie ihr Gatte sich von seinem Sessel neben ihr an der Brüstung erhoben und zurück­getreten.

Gott im Himmel, wenn nur sie es nicht wäre!" zitterte sie, das Gesicht halb hinter dem Fächer ver­bergend. Sie wagte nicht, hinter sich Zu schauen, und fuhr zusammen, als sie neben sich das Rauschen eines Kleides vernahm, als ein warmer Athem sie anhauchte.

Scheinbar anfangs nur von den hinreißenden Tönen der Geige beansprucht, dann wirklich hingerissen wie das ganze lautlose Auditorium, vergaß sie die beängstigende Nachbarschaft. Sie lauschte mit Ent­zücken, Camill's Antlitz, die feinen Weißen Hände beobachtend. Aber eine gewisse Besorgniß beschlich sie, die Eingeweihte, als sie sein Antlitz bleicher und bleicher werden sah.

Er übertrifft sich selbst!" flüsterte sie begeistert vor sich hin.Aber er thnt mehr, als er sollte; er vergißt sich selbst, er sollte sich schonen. . . Mein Gott, er wird blaß wie ein Geist. . . Wär's nur Zu Ende!"

Pauline hatte sich unwillkürlich, bewundernd und besorgt, an die Brüstung gebeugt; ihre Angst um die Freundin war vergessen, sie fürchtete nur für den Künstler. . . Und jetzt plötzlich athmete sie aus. Camill's Hand sank mit dem Bogen; er hatte ge­endet. Aber auch seine Kräfte schienen zu Ende; der herabhängcnde Bogen zitterte in den von Ueberan- strengnug schmerzenden Fingern.

Und jetzt brauste der Beifall durch das Haus, wie er dastand, einen Moment sichtbar aus Schmerz die Angen schloß, dann aber sich ausrichtete und den Blick dankbar über die Menge schweifen ließ.

Ein neuer Regen von Sträußen und Kränzen fiel vor seine Füße. Auch Pauline warf ein kost­bares Bouquet, das ihr der Gatte reichte. Camill's Auge suchte ihre Loge, er verbeugte sich lächelnd gegen dieselbe, dann plötzlich aber erstarrte dieses, er schlug das Auge zu Boden und trat unwillkürlich zurück.

Und jetzt hob sich ein schöner Arm in der Loge gegenüber; ein Lorbeerkranz flog ihm Zu Füßen.

Camill's Blick wandte sich gegen die Loge; er sah, wie die reizende blonde Ellen begeistert ihm zu­lächelte, und auch seine Züge klärten sich wieder; er führte die Hand leicht und flüchtig Zur Brust und trat zurück, gefolgt von den blauen Augen, die nicht

eher von ihm ließen, als bis er in der Coulisse jener Loge gegenüber verschwunden.

Mit steigender Angst war Pauline dieser stum­men Korrespondenz gefolgt, als sie eben durch eine gewaltsame Bewegung neben sich erschreckt ward. Auch Bettina war Zeugin derselben gewesen.

Von ihrem Fauteuil aufspringend, den Vorhang der Loge ergreifend, um sich zu stützen, hatte sie hingeschant, dann, das Auge schließend, war sie in die Loge zurück gewankt und von dem Arm des hinter ihr stehenden Lieutenants aufgefangen worden.

Bettina, Du!" Auch Pauline erhob sich schnell, sie legte die Hand auf ihren Arm.Wohin?" rief sie, znrückfahrend, als sie das marmorbleiche, starre Antlitz gewahrte.Sei vernünftig, ich be­schwöre Dich!" flüsterte sie, als Bettina's Auge auch sie mit kaltem, feindlichem Ausdruck traf. Aber Bettina verschwand bereits vor ihren Augen und schwer ver­drossen sank sie auf einen der Fauteuils zurück.

Ich bin zu Ende! Mit Vernunft ist bei ihr nichts ausznrichten!" stöhnte sie mnthlos und ent­rüstet, den Fächer in beiden Händen zusammen­pressend.Ertel, sieh' zu, was aus ihr geworden!" bat sie, sich über die Schulter zu ihrem Gatten wendend, der so ergriffen von des Geigers Spiel war, daß er dem Vorgang in der Loge keine Aufmerksamkeit gewidmet.

Bettina war inzwischen am Arm des durch diesen Rückfall bestürzten Lieutenants hinansgeschritten, ohne dieser Stütze zu bedürfen. Sie riß ihn mit sich fort, als könne das Haus über ihr Zusammenstürzen. Draußen ließ sie seinen Arm und bestieg einen offenen Fiaker.

Im Wagen zog sie den Schleier über das Antlitz. Der Kutscher wandte sich fragend zu dem neben dem Gefährt stehenden Lieutenant, der ihm verwirrt das Hotel nannte. Wie zum Dank reichte Bettina ihm die Hand hinab, und Oettinghaus fühlte einen heftigen Druck in der seinigen. Dann warf sie sich zurück und der Fiaker fuhr davon.

Kaum fähig, sich Zu reimen, wie das Alles so schnell geschehen, stand Oettinghaus da. Er fühlte noch den leidenschaftlichen Druck, mit welchem ihre Hand die seinige umklammert, und ihm das Blut zum Herzen gejagt. Was hatte der Druck ihm sagen wollen? War's Ermuthigung, war's nur Dank? Er war nicht im Stande zu klarer Deutung und mit trunkenen Sinnen taumelte er in das Haus Zurück.

Zweiundvierzigstes Kapitel.

Was Gianetti seinem neuen Zögling versprochen, hielt er getreulich, weil es sein eigener Vortheil gebot.

Lola befand sich in Mailand in der angenehmsten Umgebung, und war der Unterricht, dem sie unter­worfen wurde, auch streng, stellte man auch an sie auf Gianetti's Wunsch bedeutende Anforderungen, um zunächst die Kraft und Tragweite ihrer Stimme zu prüfen, hatte endlich die italienische Schule eine Gesangsdisziplin, die ihr so fremd und unbequem, sie fügte sich doch bereitwillig; sie leistete, was sie vermochte, übte unermüdlich und begegnete deßhalb immer freundlichen Gesichtern. <