Heft 
(1885) 50
Seite
1197
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Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.

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Sie fühlte sich wohl und blickte zwar mit einiger Bangigkeit, aber doch mit Muth in die Zukunft, die sicher nicht ohne schwere Prüfungen sein werde. Gianetti unterstützte diesen Muth durch Zeitweise er­munternde Briefe, wenn er von ihrer Lehrerin be­friedigende Nachrichten erhalten, in denen er ihr von goldenen Bergen sprach.

Diese Briefe kamen seit Kurzem aus Amerika, wo Gianetti, wie er meldete, mit Balsado die glän­zendsten Einnahmen machte. Scherzeshalber sandte er Lola eine Nummer der New-Aorker Staatszeitung, in der es hieß:Wie einst dem berühmten Löwen­bändiger Van Aken jener Engländer überall hin folgte und bei jeder seiner Vorstellungen zugegen war, um den Moment zu erleben, in welchem er von seinen Bestien gefressen werde, so folge dem jungen Geigerkönige ein reicher Amerikaner, der für jede seiner Vorstellungen hundert Billette kaufe, aber auf achtundneunzig derselben Zu Gunsten der Kasse ver­zichte, um nur mit seiner Tochter zugegen zu sein. Seit der glänzenden Opernepoche Gianetti's in New- Jork habe derselbe nicht so riesige Einnahmen gehabt."

Es war dieß natürlich eine von Gianetti's Raketen, die er von Zeit zu Zeit aufsliegen ließ, aber wie er selber immer sagte: etwas Wahres lag seinen Re­klamen stets zu Grunde.

In einem seiner Briefe an Lola schrieb Gianetti ihr eine Nachricht, die sie eigentümlich berührte: Zn seiner: bei Ankunft in New-Aork engagirten, ihm im Lande voranreisenden Agenten gehöre ein Deut­scher Namens Moritz Goldmann, in welchem er einen Verwandten von ihr vermuthe; er habe ihm nicht von ihr gesprochen. Der Mann sei für seine Zwecke ganz verwendbar, aber im klebrigen ein unzuverlässiger Mensch.

Das war die erste Nachricht, die Lola über ihren Vater erhielt; aber sie durfte ihre Stimmung nicht trüben. Sie wollte nur darüber Nachdenken, wie sie dieselbe der Mutter Zugänglich mache, die allerdings keine wirklichen Sorgen mehr hatte, denn Gianetti gab reichlich, weil auch dieß sein Vortheil gebot.

Der Winter verstrich ihr unter anstrengenden Studien. Als der Frühling kam und der Schnee aus der majestätischen Alpenkette in zauberhaften Tönen spielte, ward auch ihr das Herz groß. Alles war ja gut jetzt; auch Egon hatte ihr geschrieben, er sei gewissermaßen die linke Hand des Herrn von Walbeck geworden, der als Civilingenieur durch seine Erfindungen eine Berühmtheit zu werden beginne und ihm Alles überlasse, wenn er auf das väterliche Gut seines Freundes Albert von Oppenstein reise oder sonst in Geschäften abwesend sei.

Egon's Briefe waren jetzt immer sehr herzlich, )ein eigenes Wohlbefinden stimmte ihn froh und zu­versichtlich. Sie hatte Egon von dem Vater ge­schrieben, damit er es der Mutter beibringe, und Egon schrieb, es sei gut so; er sehne sich nicht nach dem Vater.

So war bald ein Jahr vergangen und der Herbst wieder da. Ermüdet nach anstrengenden Uebungen saß sie eines Morgens in ihrem Zimmer, als man ihr eine Karte brachte. Die Dame wünsche dringend, sie zu sprechen.

Mit Schrecken las sie den Namen:Bettina von Oppenstein."

Die Karte entsank ihrer Hand. Der Name war ihr ein schlimmes Wetterzeichen. Von dem ersten Moment ab, wo sie ihr begegnet, war sie ihr ver- hängnißvoll geworden; die Bekanntschaft mit ihr gerade zu einer Zeit, wo sie in kindischem Trotz mit dem Schicksal über ihre plötzliche Verarmung gegrollt, hatte ihrem Unverstand Nahrung gegeben, ihr über­spannte Ideen in den Kopf gesetzt; der Schlußstein dieser Bekanntschaft aber, jener schreckliche Abend, hatte ihr eine Scheu vor ihr eingeflößt und der rück­sichtslose Egoismus, mit dem sie Alles, selbst das Heiligste, ihrer Leidenschaft opferte, selbst sie, die Freundin, derselben hatte dienstbar machen wollen, hatte sie vollends abgeschreckt.

Ich war so lange zufrieden und glücklich!" Die Karte zitterte in ihrer Hand; sie sah aber Bettina bereits auf der Schwelle. -

Wie Du mich warten läßt!" rief diese, un­zufrieden, in ihrer herrischen Weise hereinrauschend. Es hat mich Mühe gekostet. Dich zu finden." Be­fremdet schaute sie dabei im Zimmer umher.Also geht Dein Traum doch in Erfüllung; ich finde Dich als angehende Künstlerin! Du siehst wohl aus! Ich bin Dir nicht willkommen?"

Lola machte an ihr die entgegengesetzte Beobachtung, während sie ihr zögernd die Hand reichte, und diese ließ sie auch mit der Antwort zögern. Bettina hatte ihre Frische verloren, aus ihren von den langen, dunklen Wimpern überschleierten Augen sprach Un­zufriedenheit und Mißbehagen, um ihre sonst so schönen Lippen hatte sich ein fast unfreundlicher Zug gelegt, aber sie war dennoch schön, es lag mehr als sonst eine Majestät in ihrem ganzen Erscheinen. Sie trug einfache Reisekleidung; Lola blickte, als Bettina den leichten Ueberwurf von sich legte, mit Bewunderung auf die herrliche Gestalt.

Ich bin zufrieden mit meiner Lage!" antwortete sie.Ich wünsche nur, daß auch die Zukunft meine bescheidenen Ansprüche erfülle. Und Du?"

Frage nicht! Du siehst mich ebenso allein, wie ich es immer gewesen; auch Du hast mich ja verlassen."

Ich, Bettina? Du wußtest, daß ich gezwungen war, mir eine Existenz zu bereiten! Woher kommst Du?"

Woher? Ich Müßt' es kaum zu sagen! Ich reise in Begleitung einer Gesellschafterin, einer Gans, die mich langweilt. Ich komme jetzt von Neapel und Rom."

Und Du kehrst nach Deutschland zurück?"

Wenn Du mit mir gehen willst, ja, sonst nicht. Ich war schon einmal wieder dort. Es trieb mich, gewisse Gräber Zu besuchen; ich meinte, das werde mir Ruhe verschaffen, aber es hat nichts geholfen, und daheim bin ich ja eigentlich fremder noch als hier draußen. Eigentlich erwartet-' ich, Dich dort zu finden."

Mich? Wie sollt' ich daran denken können! Ich hänge ganz von Gianetti ab."

Nenne mir nicht den Namen!" Bettina hatte sich in einen Sessel niedergelassen und strich un- muthig mit dem Taschentuch über die Stirn.