1198
Deutsche Noman-Libliothek.
„Hast Du denn noch immer nicht vergessen?" fragte Lola schüchtern.
„Vergessen! Ich vergesse nie, was man mir ge- than!" Sie sprang auf und trat an das Fenster. „Willst Du mich begleiten — Zu einer Promenade? Es ist schön hier, ich könnte hier einige Zeit verweilen, aber das wird von Dir abhängen."
Lola erschrak vor dem Gedanken.
„Ich bin selbst sehr abhängig hier!"
„Nun, so will ich Dich also heute Abend bei mir erwarten. Ich sende Dir einen Wagen, der Dich auch zurückbringen soll. So viel Freiheit wird Dir hier im Hause doch vergönnt sein?"
„Ich nehme es an, Bettina! Du begreifst, ich lebe sehr zurückgezogen, nur meinen Studien."
Bettina erhob sich eben, als abermals eine Karte gebracht ward, die Lola hohe Verlegenheit zu bereiten schien.
„Ein Verwandter von Dir!" sagte sie verwirrt. „Albert von Oppenstein," las sie. „Wird es Dir angenehm sein? — Wie das sich so seltsam gerade heute trifft!"
Bettina's Antlitz verdüsterte sich.
„Du hast ihn erwartet!"
„Ich schwöre Dir, nein! Ich bin überrascht."
„Woher kennst Du ihn?"
„Ich sah ihn nur flüchtig bisher in Deutschland."
„Ich kann Dich nicht hindern, ihn anzunehmen; für mich existirt er nicht!" sagte Bettina scharf und rauh. „Uebrigens will ich nicht stören! Ich erwarte Dich!"
Sichtbar gereizt gab sie Lola flüchtig die Hand und eilte hinaus. Im Korridor begegnete ihr der junge Oppenstein. Sie rauschte stolz an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Albert trat ein mit freudig strahlendem Gesicht; Lola empfing ihn mit glühendem Antlitz; sie ließ es geschehen, daß er ihre Hand an seine Lippen preßte!
„Wie schön Sie geworden!" ries er, versuchend, ihr unter die gesenkten Wimpern zu blicken. „Und wie viel Sehnsucht ich hatte. Sie wieder zu sehen! Denken Sie sich, auf der Rückkehr aus dem Lande der Pharaonen in Brindisi landend, nachdem ich mich fast ein Jahr in den Palmengärten und Wüsteneien Afrikas und Asiens umhergetrieben, ging ich nach Neapel, aber mir war's dort immer, als habe ich nicht eigentlich dorthin wollen. Ich ging nach Nom, und da war mir's ebenso. Dasselbe in Florenz. Endlich gestern hier angekommen, besehe ich mir in aller Eile die Kathedrale, die Arena, bewundere die von den Herbstlichtern so schön beleuchtete Alpenkette, aber auch das Alles war's nicht, was ich suchte. Endlich sage ich mir: ,Aber hier in Mailand lebt ja unsere reizende Nachtigall, nach deren Fortschritten du dich erkundigen wolltest/ und da war's mir klar, warum ich den Weg durch Italien genommen."
Sich unbewußt hatte er immer noch die Hand Lola's in der seinigen behalten, die in heftigem Farbenwechsel ihm dieselbe nicht zu entziehen gewagt.
„Aber die Dame, die mir eben draußen begegnete?" fragteer, sich erinnernd. „War das nicht meine schöne Cousine? Es ist schon das dritte Mal, daß ich ihr hier in Italien begegne. Aber sie weicht mir beständig aus. Der Zufall wollte, daß ich in
Neapel in dem Hotel ab stieg, in welchem sie wohnte. Ich hatte sie nur einmal, an: Sarge ihres Pflegevaters, gesehen, und das gab keine Gelegenheit, mit einander bekannt zu werden. Kaum hatte ich den Fuß in das Hotel gesetzt, so war sie aus demselben schon verschwunden. In Rom begegnete ich ihr auf dem Monte Pincio; die Promenade war sehr besucht; sie verschwand mir wieder in dem Gedränge. Mir unbegreislicherweise glaubte ich, an ihrer Seite einen mir bekannten Herrn aus Wien zu erkennen; aber auch er war mit ihr verschwunden. Ich habe kein Glück mit ihr und will dieß auch nicht erzwingen. Sie macht übrigens kolossale Sensation, wo sie erscheint. Nun aber noch Eins, das Wichtigste! Sie befinden sich wohl —und die Kunst?"
„Meine Lehrer sind zufrieden und versprechen mir das Beste."
„Damit auch ich gute Nachricht nach Hause mitnehmen kann, werden Sie mir etwas Vorsingen? Nicht heute; ich will Sie nicht quälen, wenn Sie mir versprechen, daß ich Sie Wiedersehen darf, und öfter!"
„Ich bin Ihnen so unendlich viel Dank schuldig, Herr von Oppenstein."
„Reden wir davon nicht! Dank gebührt nur Dem, der mit eigener Mühe oder Opfern etwas für einen Andern gethan; Beides trifft hier nicht zu. Darf ich Sie morgen in's Theater einladen? Sie werden eine Lehrerin oder sonst eine Person zu Ihrem Schutz mitbringen."
„Ich nehme es an, Herr von Oppenstein!"
Der Letztere schied in frohester Stimmung von Lola.
„Es wird mir schwer werden, hier wieder fort zu kommen!" sagte er sich aus der Straße. „Aber muß ich denn fort? Habe ich daheim irgend etwas zu versäumen? Ich attrapire mich aus der Thatsache, daß ich Gefahr laufe, mich in diese angehende Künstlerin zu verlieben. — Aber das wird ja vorübergehen, wie es schon mehrmals geschehen ist."
Betroffen schaute er einem Herrn nach, der auf dem breiten Korso zwischen anderen Wagen hindurch an ihm vorüberfuhr.
„Schon wieder er, den ich da zu sehen glaube! Es muß eine frappante Aehnlichkeit sein, die mich irre führt! — Wenn er es wirklich wäre, welche Ursache hätte er, mir aus dem Wege zu gehen?"
Dreiundvierzigstes Kapitel.
Jener heiße, leidenschaftliche Druck der Hand, mit welchem Bettina vor dem Theater den Lieutenant von Oettinghaus verlassen, hatte in der That den armen jungen Mann um den Rest seiner Besinnung gebracht.
Er war nicht mehr in die Loge zurückgekehrt, hatte nicht mehr die enthusiastische Ovation gesehen, welche das Publikum dem gänzlich erschöpften, sich kaum noch aufrecht erhaltenden Künstler gebracht, und Pauline von Ertel hatte das Fortbleiben ihres jungen Hausfreundes nicht ohne Besorgniß gewahrt.
Kein Weib preßt so die Hand eines Mannes, ohne etwas für ihn zu empfinden! So war die Ueberzeugung des Lieutenants, als er in das Dunkel der Straßen hiueintaumelte. Der Bruch mit dem