Die tolle Betty von Hans Wachenhusen.
1199
Künstler war ein unheilbarer und unversöhnlich war die Beleidigung, die er ihr zugefügt. Mochte sie Zeit begehren, ihn zu vergessen; ein Temperament, so heißblütig wie das ihrige, bedurfte dieser Frist, und er begehrte ja einstweilen nur das Glück, in ihrer Nähe sein zu dürfen.
Nach einer schlaflosen Nacht war sein erster Gang, den längeren Urlaub zu begehren, den man ihm schon zur Ordnung seiner Familienangelegenheiten versprochen. Er wollte frei sein, denn auch sie war es; sie stand allein, unabhängig, ohne Anhang und das verhieß ihm einen Einfluß aus sie, dem ihre gegenwärtige Stimmung nur förderlich sein konnte. Sie mußte sich nach Mittheilung sehnen, und so mochte es ihm leicht werden, diese Stimmung zu seinen Gunsten zu lenken. Ein Weib mit so viel Nerv wie sie konnte unmöglich, in sich verkümmernd, ihr eigenes Feuer verzehren, und sollt' es ihn mit vernichten, was könnt' es Schöneres geben, als diesen Tod zu sterben!
,,Was ist denn aus Oettinghaus geworden?" fragte Frau von Ertel am nächsten und dem folgenden Tag, da er seiner Gewohnheit zuwider nicht erschien, obgleich sie doch mit ihm über diesen Abend zu plaudern hatte.
Oettinghaus ging inzwischen schon am dritten Tage in Civil und vermied das Offizierkaffechaus. Bettina hatte am nächsten Tage seinen Besuch nicht nur angenommen, sie hatte ihn erwartet. Auf der Canseuse hingestreckt, hatte sie ihm mit schmerzvollem Lächeln die Hand gereicht; er hatte sie an seine Lippen führen dürfen, aber sie war kalt und regungslos gewesen.
„Ich bin krank an Leib und Seele," hatte sie ihm gesagt, die müden Lider mit Anstrengung hebend. „Aber Sie sollen mich deßhalb nicht verlassen, Sie werden mir willkommen sein."
Erschlafft harte sie die Hände unter dem Nacken verschlungen. Oettinghaus durfte neben ihr sitzen und sie hörte apathisch Zu, wie er plauderte, während seine Angen mit Entzücken auf der schönen Gestalt der D-aliegenden hafteten.
Balsado war fort. Noch in der Nacht hatte ihn Gianetti mit sich geschleppt; aber sie sollte noch hier sein, Bettina's Rivalin. Pauline zu besuchen fühlte sich Bettina nicht veranlaßt; sie hätte der blonden Dame dort begegnen können; Paulinens Hans war ihr versagt seitdem.
Inzwischen kam die Letztere selbst am zweiten Morgen. Bettina empfing sie mit leidender Miene. Sie sei krank, sagte sie; was sie zu beginnen gedenke, wisse sie noch nicht; sie vermied, das Vorgefallene zu berühren, und Pauline verließ sie mit dem Gefühl, daß ihre alte, sonst so bewährte Freundschaft zerrissen.
Am dritten Tage erhielt Pauline ein Billet von Bettina. Sie sei noch immer krank und müsse fort, schrieb sie, in wenigen Zeilen ihr Adieu sagend.
„Wollte nur Gott, daß damit diese unselige Sache ihr Ende habe!" seufzte Pauline. „Balsado ist nach Rußland, in einigen Wochen schon geht er nach Amerika. Zeit und Raum werden ja das Ihrige thun! — Was nur Oettinghaus treibt, der sich noch immer nicht sehen läßt!?"
Bettina schickte sich auch wirklich an, die Stadt zu verlassen. Als Oettinghaus kam, fand er sie zu seinem Erschrecken reisefertig.
„Ich muß auch Sie verlassen, lieber Freund!" sagte sie, ihm die Hand reichend. „Meines Bleibens ist nicht hier!"
Oettinghaus stand sprachlos. Er hatte sich keinerlei Rechenschaft gegeben über das, was kommen werde, aber hieran hatte er am wenigsten gedacht. Er fiel ihr zu Füßen und flehte sie an, Mitleid mit ihm zu haben, er würde eine Beute der Verzweiflung sein.
Bettina lächelte auf ihn herab.
„Sie wußten doch, daß dieß bevorstehe!" sagte sie in weichem Ton. „Ich bin eine Fremde hier; für mich gibt es kein Bleiben."
„O, dann auch für mich nicht!" rief Oettinghaus aufspringend. „Gestatten Sie mir zu sein, wo Sie sind, dieselbe Luft mit Ihnen zu athmen! Mein Dienst fesselt mich während eines halben Jahres nicht; ich flehe Sie an, lassen Sie mich Ihnen folgen, ich begehre ja nichts, als Sie zu sehen, zuweilen diese Hand zu küssen!"
Bettina schaute sinnend vor sich nieder; ihre dunklen Wimpern zitterten, auch um ihren Mund grub sich ein leichtes Beben halb inneren Schmerzes, halb versteckten Grolls. Sie wandte das Antlitz fort; Oettinghaus sah den Ausdruck des Hasses nicht, wie sie die Augen so unheimlich düster vor sich hin richtete.
Er ergriff ihre herabhängende Hand und preßte sie flehend; er hielt sie, bis er plötzlich einen leichten Wiederdruck empfand, der ihm bis zum Herzen Zuckte.
„Sie sagen Ja! O tausend, tausend Dank!"
Sie entzog ihm die Hand und wendete sich zu ihm zurück.
„Ich gestatte Ihnen nichts, Herr von Oettinghaus! Wollen Sie mir ein Freund bleiben, so haben Sie Dank dafür; ich werde vielleicht eines solchen bedürfen."
„Verfügen Sie über mich!" rief er begeistert, mir einer Glut im Auge, die sie, ruhiger geworden, mit Kälte beobachtete. „Sehen Sie in mir Ihren Sklaven, der blind Ihren Befehlen gehorchen will!"
„Nur meinen Bitten!" lächelte sie mitleidig. „Werden Sie jede meiner Bitten erfüllen?"
„Jede!"
„Und nichts begehren, was ich Ihnen nicht ans freiem Herzen zu gewähren bereit bin?"
„Nichts — so wahr ich — Sie liebe!"
„Diesen Schwur nehme ich nicht an! Ihr Offizierswort genügt mir!"
„Ich gebe es!"
„Und noch Eins: Niemand darf wissen, daß Sie mir gefolgt sind. Ich gehe zunächst nach Triest, wo ich für eine weibliche Begleitung zu sorgen gedenke."
Ueberglücklich verbeugte sich Oettinghaus.
„Ich darf Sie hier nicht mehr sehen?"
„Nein! Ich reise allein!"
Nur eine Karte sagte an diesem Tage den Familien, in welchen Oettinghaus verkehrt, daß er einen längeren Urlaub in seiner Heimat zu verbringen gedenke. Selbst seine Kameraden glaubten daran, da er schon seit einiger Zeit von einer Erbschaft gesprochen, die ihn ans Monate nach Hanse rufe. Er hatte über diese